Franziska Seyboldt: Rattatatam, mein Herz. Vom Leben mit der Angst (Bayern 2)

Humorig-bissig

12.12.2020 •

Die „taz“-Redakteurin und -Kolumnistin Franziska Seyboldt (Publikationen: „Müslimädchen. Mein Trauma vom gesunden Leben“, 2013; „Theo weiß, was er will“, 2016) hat ihre spektakuläre Selbsterfahrung und Untersuchung zur Thematik Angststörung und Panikattacken im Januar 2018 im Verlag Kiepenheuer & Witsch unter dem gleichnamigen Titel wie die aktuelle Hörspielproduktion des Bayerischen Rundfunks (BR) veröffentlicht. Mit einer freundlichen Würdigung widmete sich im Februar 2018 auch der „Spiegel“ dem Buch „Rattatatam, mein Herz. Vom Leben mit der Angst“.

In einem am 20. November im BR-Programm Bayern 2 im Rahmen der Rubrik „Artmix Galerie“ ausgestrahlten Interview erläuterte die Berliner Autorin gegenüber Ralf Homann die Hintergründe und Entstehungsgeschichte dieser literarischen Selbstreflektion. Die Angst sei „wie eine Mitbewohnerin, nur im eigenen Körper“, ja, die Autorin des „erzählenden Sachbuchs“ habe im Lauf der Zeit die Angst, die sie in Freizeit, Beruf und Urlaub auf Schritt und Tritt begleitete, sogar als Störenfried und Partner zu akzeptieren gelernt. Mit einem wunderbaren sarkastischen Kunstgriff tritt in Buch und Hörspiel die Angst als personifizierte Figur der Erzählerin gegenüber. „Als ich überlegt habe, wie ich diese Gefühle ausdrücken kann, kam mir die Idee, die Angst zu personifizieren. Im Verlauf des Schreibens hat sich dann aber etwas ganz Interessantes entwickelt: Ich habe irgendwie diese Person der Angst, die ich selbst geschaffen habe, lieben gelernt. Ich fand sie nervig, aber auch irgendwie witzig und konnte mich so eigentlich besser an sie annähern.“

Schon im Buch benutzt die von der Angst Gequälte ihren richtigen Namen Franziska Seyboldt. Sie ist eine hartnäckige Kämpfernatur, die in der täglichen Auseinandersetzung mit ihrem ungeliebten Advocatus Diaboli ihre Schlagfertigkeit und ihren Witz nie verliert. Das alles ist mit Charme und wunderbarer Leichtigkeit – bei aller durchlittenen Bitterkeit – erzählt. Und gleichzeitig macht der Bericht über die Schlachten gegen Phobien und psycho­somatische Verfolgungen auch Mut, denn Franziska Seyboldt geht als Siegerin gegen die Angst und deren Nachstellungen hervor. Im Hörspiel sagt Franziska – gesprochen von Pola O’Mara – gegen Ende: „Ich verschwende meine Energie nicht mehr damit, die Angst zu verstecken. Nachdem ich jahrelang sorgfältig darauf bedacht war, bloß nicht aufzufliegen, habe ich dieses Problem mit dem Outing quasi selbst aus der Welt geschafft.“

Die Regisseurin und Hörspielautorin Elisabeth Weilenmann hat mit großer Feinfühligkeit die Bearbeitung der Vorlage für die Hörspielproduktion vorgenommen. Sie bleibt ganz eng am Buch, hat durch die akustische Personifizierung der Angst (übrigens ganz im Geiste der Vorlage) wunderbare Dialogpartien geschaffen und den Widerstreit zwischen einer „bösartigen“ Imagination und dem Opfer Franziska Seyboldt als Schwebezustand zwischen Verfolger und Verfolgter aufleuchten lassen.

Franz Pätzold spricht in dem 52‑minütigen Stück die Partien der Angst und es ist vor allem seiner boshaften und quälend-sarkastischen stimmlichen Tingierung zu danken, wenn bei allem Ernst, der hinter dieser Biografie steht, eine humorig-bissige Weltsicht zum Tragen kommt. Ganz folternder Mephisto muss der Verfolger sich final doch geschlagen geben, weil Standhaftigkeit und weibliche Klarsicht und Witz triumphieren.

Ein Salzkorn bleibt: Der weitgefächerte monologische Gestus der Protagonistin hätte sich im Hörspiel unschwer mit wenigen Strichen straffen lassen.

12.12.2020 – Christian Hörburger/MK

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