Franz Werfel: Die vierzig Tage des Musa Dagh. 2‑teiliges Hörspiel (SWR 2/HR 2 Kultur/NDR Kultur)

Klagelied über die Verfolgung des armenischen Volkes

21.04.2015 •

Franz Werfel, der 1890 in Prag geborene Schriftsteller, gehörte in jungen Jahren zu den Wortführern des lyrischen Expressionismus. Doch schon bald wandte er sich dem Roman zu. Seine Bücher wurden in den zwanziger und dreißiger Jahren zu Bestsellern und er wurde zu einem der bekanntesten Autoren der damals so reichen Wiener Literaturszene. Das führte ihm 1917 eine der begehrtesten Frauen der Wiener Kunstszene zu, Alma Mahler, die einige seiner Gedichte vertont hatte.

Im Jahr 1930 reiste Werfel mit ihr – nun als seiner Ehefrau – in das Gebiet des Berges Mosis (Musa Dagh) nahe der syrischen Küste, unweit des Golfs von Alexandrette, der heutigen türkischen Hafenstadt Iskenderun. Dort traf er auf Überlebende der erbarmungslosen Verfolgung der christlichen Armenier durch Anhänger der „Jungtürken“, einer Vereinigung sich reformistisch verstehender muslimischer Politiker, aus deren Reihen auch Kemal Pascha hervorging, der sich später Atatürk nannte und versuchte, den Anschluss der Türkei an ein modernes Europa voranzutreiben.

Auf diese verwickelten Hintergründe, Interessens- und vor allem Glaubenskonflikte stieß Franz Werfel bei seiner Reise. Die Begegnung mit Überlebenden des Gemetzels vom Sommer 1915 erschütterte ihn derart, dass er spontan den Entschluss fasste, diesen heroischen, damals (wie überwiegend auch heute) von der Weltgeschichte vergessenen und von der türkischen Politik negierten Kampf der Armenier ins Bewusstsein der Europäer zu bringen. Er schrieb die Erzählung „Die vierzig Tage des Musa Dagh“.

Werfel muss ein Meister der Recherche gewesen sein. Überdies hatte er die für einen Verfasser umfangreicher Romane nicht eben selbstverständliche Gabe, seine Erzählung immer wieder durch knappe Szenen zu unterbrechen, ohne dabei den epischen Fluss aufzuhalten. Vielmehr verdichtet er in diesen Szenen Höhepunkte der inneren Spannung und moduliert auf diese Weise die Dramaturgie des Werks.

Im November 1933 konnte der Roman gerade noch bei Zsolnay in Wien erscheinen. Zwei Monate später wurde er verboten. Werfel entstammte einer jüdischen Familie. Dies allein war jedoch nicht der Grund für das fast sofortige Verbot. Zu offenkundig waren die Parallelen der Gewalt gegen Andersgläubige, auch wenn sie sich zu Beginn der dreißiger Jahre noch nicht in dem schrecklichen, alles vernichtenden Umfang manifestierte wie ab Ende dieses Jahrzehnts. Es ist, als hätte Werfel – der 1938 in die USA emigrierte – den Holocaust an seinem eigenen Volk geahnt. Und so ist der Roman auch über viele Jahrzehnte gelesen und verstanden worden. Die aktuellen Parallelen zu Gräuel und Gewalt gegenüber Minderheiten jedoch sind ebenfalls unübersehbar.

Ein Grund, den Roman in eine Hörspielfassung zu gießen – ein nicht eben einfaches Unterfangen. Verschlungen und weit ausgefächert ist die Geschichte des Protagonisten Gabriel Bagradian und seiner Familie sowie deren Verstricktheit in das Schicksal der armenischen Minderheit in der Türkei. Bagradian, Erbe einer bedeutenden armenischen Dynastie von Unternehmern, kehrt nach mehr als 20 Jahren, die er völlig assimiliert in Paris verlebt hat, in seine Heimatstadt am Fuße des Musa Dagh zurück. Er ist mit Juliette, einer Französin, verheiratet, der Sohn Stephan wurde französisch erzogen; der Besuch in Yoghonoluk, von Familien- und geschäftlichen Angelegenheiten diktiert, soll nur kurz dauern. Doch dann bricht der Erste Weltkrieg aus. Die Familie sitzt fest.

Gabriel Bagradian wird in die vom ottomanischen Imperium verhängte Verschickung der armenischen Minderheit verwickelt, deren Mitglieder in den verschiedenen Provinzen des Reichs leben. Er wird zum Helden wider Willen, zum Anführer einer kleinen Gruppe verwegener Männer und Frauen, die sich nicht in den Tod treiben lassen, sondern sich bewaffnet auf den Berg Musa zurückziehen, wo sie wochenlang den Angriffen der türkischen Übermacht trotzen und dem Feind empfindliche Verluste beibringen. Doch Bagradians 15-jähriger Sohn kommt auf einem Spähgang um.

Als alle Munition und der gesamte Nahrungsmittelvorrat aufgebraucht sind – teilweise von ehrlosen Glaubensgenossen gestohlen –, werden die armenischen Kämpfer, wie durch ein Wunder, von französischen Kriegsschiffen gesichtet und von Marinesoldaten gerettet. Werfel hat hier ganz ungebremst das Mittel des Deus ex machina eingesetzt, wie es seit der Antike, überspitzt gesagt, nur noch Bestsellerautoren gewagt haben. Dennoch: Man ist als Leser wie als Hörer gewillt, dem Autor zu folgen, wozu unter anderem seine Sprachmächtigkeit beiträgt, die auch Peripetien einsetzt, wie das Beispiel der letzten Zeilen des Romans zeigt. Auch der Hörspielbearbeiter Kai Grehn hat sie an den Schluss gesetzt: „Gabriel Bagradian hatte Glück. Die zweite Türkenkugel durchschmetterte ihm die Schläfe. Er klammerte sich ans Holz, riss es im Sturze mit. Und das Kreuz des Sohnes lag auf seinem Herzen.“

Das ist wahrlich Stoff für einen Roman von knapp 1000 Seiten (in der 1990 erschienenen Fassung des Verlags S. Fischer) und eine Herkulesaufgabe selbst für einen erfahrenen Bearbeiter. Zwar hat Kai Grehn für das Hörspiel – eine Koproduktion von SWR (federführend), NDR und HR – einen Doppeltermin von zweimal rund 90 Minuten zur Verfügung, er muss jedoch die Aufteilung in drei „Bücher“ (wie Werfel die Kapitel überschrieb) entsprechend verändern. Dies gelingt beachtlich gut. Wesentliches bleibt erhalten und selbst Nebenhandlungen wie eine von Werfel eingestreute und auch im Original nicht unbedingt überzeugende Liebesgeschichte zwischen Bagradians französischer Ehefrau Juliette und Gonzague Maris, einem griechisch-amerikanischen Verehrer, bleiben erkennbar erhalten.

Ohne Sebastian Blomberg (Erzähler) und Alexander Fehling (Gabriel Bagradian) wäre der hochgradig monologische Text der Bearbeitung jedoch nicht zum akustischen Leben erwacht. Grehn verzichtet sehr überzeugend auf den Einsatz von Kanonen und Haubitzen, lässt aktionistisches Kriegsgerangel fast gänzlich außen vor und setzt auf die Interpretation der Protagonisten. Die kleineren Rollen haben nicht immer eine vergleichbare Überzeugungskraft, manche jedoch – wie etwa die des von Josef Ostendorf dargestellten deutschen Abgesandten Johannes Lepsius oder auch Florian Kroop und Andreas Helgi Schmid in den Rollen der beiden Jugendlichen (Stephan Bagradian und sein Freund Haik) – sind präsent und lebensnah.

Dies wirkt als stimulierendes Gegengewicht zur nahezu ständig unterlegten Musik von David Kuckhermann und Araik Bartikian, die man sich etwas weniger modulationsarm hätte vorstellen können. Der Gesang von Meline Popovian fügt der Konzeption des Hörspiels insgesamt jedoch eine zusätzliche Dimension hinzu. So ist aus dieser Hörspielarbeit ein großes Klagelied geworden, ein eindringliches Lamento, das trotz des kriegerisch lauten, gewalttätigen Geschehens auch Stille beschwört. Näher hätte eine Bearbeitung diesem unbedingt lesenswerten Roman kaum kommen können.

Der Beginn des während der Zeit des Ersten Weltkriegs unter Verantwortung der jungtürkischen Regierung des Osmanischen Reiches geschehenen Völkermords an den Armeniern jährt sich in diesem April zum 100. Mal. Bei den Armeniern steht für diesen Genozid in ihrer Sprache der Begriff „Aghet“ („Katastrophe“).

21.04.2015 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

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