Frank Witzel: Stahnke. 15‑teilige Hörspielserie (Bayern 2)

Grandioser Startschuss

28.11.2018 • Podcasts als Distributionsform für Audioinhalte gibt es seit den nuller Jahren. Videostreaming hingegen ist noch nicht so alt. Während fiktionale Serien im Bewegtbildmarkt in kürzester Zeit einen Boom erfahren haben, entstehen im Podcast-Audiobereich erst in letzter Zeit dementsprechende neue Angebote, die zugleich natürlich auch im klassischen Hörfunk ausgestrahlt werden (können).

Ein solches Angebot ist die von Immobilienbetrug in der Provinz handelnde Hörspielserie „Stahnke“ von Frank Witzel („Die Erfindung der Roten Armee Fraktion“). Die 15-teilige Produktion kommt vom Bayerischen Rundfunk (BR) und wurde am 26. Oktober komplett im Bayern-2-Hörspielpool veröffentlicht, der Podcast-Plattform der BR-Hörspielabteilung, die von Katarina Agathos geleitet wird. Die Pilotepisode „Gralsberg“ mit einer Laufzeit von rund einer Stunde wurde dann zwei Tage später im Programm Bayern 2 gesendet. Damit begann die lineare Ausstrahlung im Radio. Alle weiteren, jeweils knapp halbstündigen Folgen laufen noch bis Mitte Dezember wöchentlich am Sonntag im Doppelpack bei Bayern 2.

Dass die Online-Veröffentlichung zuerst stattfindet, konnte man diesen Herbst auch schon bei dem Hörspielsechsteiler „Unterleuten“ von Juli Zeh (RBB/NDR, vgl. MK-Kritik) und der Hörspielserie „Der nasse Fisch“ von Volker Kutscher (Radio Bremen/WDR/RBB) miterleben. Beides sind Romanadaptionen. Mit „Stahnke“ legt der BR nun ein speziell als Serie und für die akustischen Medien Radio und Podcast konzipiertes Originalhörspiel vor. Wie die beiden anderen genannten Produktionen verfügt auch „Stahnke“ über eine beeindruckende Besetzungsliste, auf der unter anderem die Namen Martin Feifel, Axel Milberg, Wiebke Puls, Fabian Hinrichs und Jutta Speidel stehen.

Hauptfigur des Stücks ist Stahnke (Martin Feifel), ein Architekt Mitte 40, der durch Deutschland tourt und Akquise betreibt. Für seinen Arbeitgeber, die Immobilienfirma IGWT, kundschaftet er Gegenden weitab der großen Städte aus, um Kommunen unsinnige Projekte aufzuschwatzen. Bei der Einfädelung der dubiosen Deals macht Stahnke sich sein stadtplanerisches Wissen zunutze und analysiert die infrastrukturellen Schwächen der aufgesuchten Orte. Seine angeblich passgenauen Lösungen hinterlassen allerdings am Ende nichts anderes als eine Spur von Verwüstung in Form von Bauruinen.

Für Spannung sorgt die Frage, ob Stahnke auch ein Serienkiller ist. Während einer Mission verschwindet er spurlos und ist seitdem unerreichbar; an einigen seiner vergangenen Aufenthaltsorte hat es Morde an Frauen gegeben. Die Spannung, wer diese Morde begangen hat, wird bis zum Schluss aufrechterhalten. Wie in „Miss-Marple“-Krimis läuft das Ratespiel allerdings nicht ab, die Hörspielserie dreht sich nun einmal ganz um ihre Titelfigur und lässt die anderen Charaktere fast nur zur Profilierung Stahnkes auftreten. Dadurch wird mit der Zeit ein sehr anschauliches Bild von Stahnkes Psyche gezeichnet. Menschenhass und Zynismus dienen ihm als Schutzmechanismen vor einem schlechten Gewissen und ermöglichen ihm seine Geschäftspraktiken. Ansonsten hat er die gleichen Familien- und Alltagsprobleme wie zum Beispiel auch die „Tatort“-Kommissare des ARD-Fernsehens, nur dass Stahnke eben zudem ein Mordverdächtiger ist.

Die psychoanalytische Perspektive des Hörspiels auf seine Titelfigur verdeutlicht sich an der die Handlung beobachtenden Dialogebene von Über-Ich (Götz Schulte) und Unter-Ich (Oliver Nägele). Sie betrachten die zunehmende mentale Zerrüttung des von Erinnerungslücken geplagten Helden. Eine weitere psychologisch wichtige, im Hinblick auf Stahnkes Psyche konkretere Kommentarebene liefert der aus dem Jenseits entsandte Monolog von Stahnkes toter Mutter (Nicole Heesters).

Als zeitliche Eckpunkte der Rahmenhandlung dienen der August und September 2018 – es ist der Zeitraum zwischen Stahnkes Verschwinden und der Aufklärung der drei Todesfälle. Die geografischen Landmarken stellen 14 fiktive Orte mit abstrusen Namen dar, die auch die jeweiligen Episodentitel liefern. Regisseur Leonhard Koppelmann hat mit dem kurzweilig geschriebenen, hochliterarischen Skript und der entspannt jazzigen Komposition, die ebenfalls von Frank Witzel stammt, eine fantastische Reise in den ganz alltäglichen Wahnsinn der Baumafia und ihrer Akteure inszeniert.

Analog zu Stahnkes psychischer Verfassung, die ihm Schwierigkeiten bereitet, sich zu erinnern, wo und wann etwas passiert ist und ob er daran beteiligt war, stellt auch die mit Rückblenden und Perspektivwechseln arbeitende Struktur der Serie einige Hürden bei der Rezeption auf. Alles, sogar die alles überblickende Perspektive der Erzählerin (Wiebke Puls), bleibt mythisch aufgeladen und ein wenig nebulös. Auch ein Hörspiel braucht schließlich ein gewisses Maß an Magie.

Eine Magie, die nun auch durch den Verbreitungsweg Podcast strömt und vielleicht dabei hilft, für Serienprojekte den einstigen technischen Vorsprung von digitalen Audioformaten vor den Videostreaming-Angeboten endlich etwas breiter zu nutzen. Angesichts der schon lange existierenden Podcast-Technologie wird das auch Zeit. Als Speicher- und Wiedergabegeräte dienten schon iPods und andere MP3-Player, die digitalen, aber immer noch nicht internetfähigen Nachfolger des Walkmans. Die verhältnismäßig geringe Größe von Audiodateien war für das damals deutlich langsamere Internet gut geeignet. Die Übertragungsgeschwindigkeit des Internets hat sich zwar seitdem erhöht und nach dem Audio- auch Videostreaming ermöglicht; aber Podcasts sind gerade für mobile internetfähige Geräte immer noch einfacher zu handhaben. Schön, dass jetzt allmählich auch gute Hörspielserien in dieses Format Einzug halten. Das „Stahnke“-Projekt ist mit seiner ganzen Qualität ein grandioser Startschuss.

28.11.2018 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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