Frank Spilker: Gattung, Art und Unordnung. 4‑teiliges Hörspiel (WDR 3)

Die verborgene Welt sprechender Tiere

14.02.2021 •

Waschbären sind nicht nur Sympathieträger mit leicht räuberhaftem Image, sie gelten auch als invasive Art und werden bejagt. Was wohl die Waschbären dazu sagen würden, wenn sie reden könnten? ‘Nicht schießen’ oder ‘Catch me if you can’? Zu solchen Überlegungen animiert das neue Hörspiel des Musikers und Autors Frank Spilker. Denn in dem insgesamt rund zweistündigen Stück „Gattung, Art und Unordnung“, das in vier Teilen („Waschbären“, „Nachtaktive“, „Pferdeartige“, „Nagetiere und Wirbellose“) mit einer Laufzeit von jeweils etwa einer halben Stunde Mitte Dezember bei WDR 3 urgesendet wurde, können Tiere nicht nur sprechen (und damit auch denken), sondern sie nehmen aktiv als Individuen am Wirtschaftsleben teil.

Das erste Tier, das mit der Sprache rausrückt, ist eine Waschbärin namens Molly (gesprochen von Lisa Jopt). Molly befindet sich in einer Art Verhörsituation; sie wird vernommen von der Kriminalpolizistin Frau Şahin (Barbara Philipp) und vom Förster Herrn Schmidt (Manfred Zapatka), der eigentlich schon im Ruhestand, aber noch ehrenamtlich tätig ist, mit Zuständigkeit für eingeschleppte und eingewanderte Tierarten. Handlungsort der Szene ist die Versuchseinrichtung eines verrückten Wissenschaftlers (Jens Rachut), der Tierlaute modifiziert, um darin eine Sprache zu finden. Die gewünschten Informationen kann die nervös überdrehte Waschbärin zwar nicht liefern, doch die beiden Ermittler und mit ihnen auch das Hörspielpublikum bekommen dadurch einen erstmaligen Eindruck von der verborgenen Welt sprechender Nicht-Menschen.

Auch im weiteren Verlauf des erzählerfreien Hörspiels erweisen sich Frau Şahin und Herr Schmidt dadurch, dass sie Neulinge in dieser verborgenen Welt sind, als hervorragende Handlungsträger. Durch sie wird der Hörer Schritt um Schritt mit den ungewohnten, fantasyhaften Aspekten der im Stück entworfenen Realität vertraut gemacht. So stellt sich heraus, dass beinahe alle Tiere ohne technische Hilfsmittel deutlich sprechen können (die Labor-Waschbären geben nur das Gegenteil vor, um sich interessant zu machen und den Bauch vollzuschlagen). Aber es wird nicht nur mit Tieren gesprochen, „Gattung, Art und Unordnung“ ist auch ein Kriminalhörspiel und wie in beinahe jedem Krimi wird auch hier ermittelt. Es geht um einen Fall von Vandalismus: Ein innerstädtischer Spielplatz wurde verwüstet und mit einem zerfetzten Schafskadaver verunstaltet, vermutlich von einem Wolfsrudel. Da fragt sich vor allem: Warum geschah das und in wessen Auftrag?

Die Ermittler verfolgen eine heiße Spur bei der Baumafia der namenlosen Großstadt, in der das Geschehen spielt, und sie befassen sich dabei tiefgehender mit der tragenden Rolle der Tiere als Arbeitskräfte. Sie werden von einem flinken Wiesel, das Arzthelfer ist, versorgt, hören von Wildschweinen, die als universale Pflugtiere in der Landwirtschaft tätig sind, lernen einen in der Werbebranche tätigen „Werbär“ (Heiko Pinkowski) kennen und machen einen halbseidenen Fuchs (Julia Hummer) zum Informanten.

Um die Lösung des Kriminalfalls geht es im Vierteiler „Gattung, Art und Unordnung“ nur nebenbei, denn die eigentliche Ermittlung tritt zurück hinter der Darstellung des Verhältnisses von Tier und Mensch. Frank Spilker befreit die Tiere von gewissen biologisch vorgegebenen Zwängen wie Sprachlosigkeit und fehlender Feinmotorik in den Krallenspitzen und unterwirft sie dafür dem Zwang, ihre Arbeitskraft zu Markte zu tragen. Damit wirft der Autor wiederum ein Schlaglicht auf die Unfreiheit, die in der vom Menschen eingerichteten Welt herrscht. Dazu kommt das Thema Jagd, hier quasi auf den Kopf gestellt, indem der Ex-Förster Schmidt schließlich von Tieren ermordet wird.

Insgesamt sehr einnehmend sind die Schauspieler dieses Hörspiels, besonders wenn sie überzeugend klischeehaft ihre Tierrollen sprechen. Mitwirkende sind, neben den bereits genannten Akteuren, unter anderem noch Peter Trabner, Serkan Kaya, Martin Bross, Justine Hauer, Massiamy Diaby. Frank Spilkers klangliche Gestaltung des Stücks ist ebenfalls gelungen, wie beispielsweise die in den einzelnen Episoden wiederkehrende eingängige Titelmelodie. Zusammen mit Freya Hattenberger hat Spilker bei der Produktion auch Regie geführt. („Gattung, Art und Unordnung“ ist online im Hörspielspeicher des WDR weiterhin abrufbar.)

14.02.2021 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 7/2021

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