Francis Ponge: Das Notizbuch vom Kiefernwald (HR 2 Kultur)

Gesellschaft und Natur

09.08.2018 • Nicht nur das ominöse Waldbaden ist gerade in aller Munde. Überhaupt scheint sich angesichts der voranschreitenden Umweltzerstörung auch ein neues Bewusstsein für die Bewahrung und schonende Freizeitnutzung der Reste dieser Umwelt zu regen. Immerhin wurde in Berlin kürzlich aufgrund der derzeitigen Hitzewelle von öffentlicher Seite dazu aufgerufen, Straßenbäume zu wässern. Wahnsinn!

Jedenfalls passt ein Text mit detailliert forschenden, literarischen Naturbeobachtungen ins Heute wie die Nadel an die Tanne. Und vielleicht deswegen hat der renommierte Regisseur Ulrich Lampen jetzt für den Hessischen Rundfunk (HR) aus der Vorlage „Das Notizbuch vom Kiefernwald“ ein Hörspiel gemacht. Es stammt aus der Feder des französischen Schriftstellers Francis Ponge (1899 bis 1988) und wurde 1995 von Peter Handke ins Deutsche übertragen.

In der Inszenierung von Ulrich Lampen ist Sylvester Groth der einzige Mitwirkende auf Sprecherseite. Er liest die Tagebuchaufzeichnugen aus dem Sommer und Herbst 1940, in denen Ponge beginnend an den Böschungen der Loire einen monokulturell geprägten Nadelwald durchwandert. Sprachlich wird der Gegenstand „Kiefernwald“ von Ponge weniger durchdrungen, sondern eher umkreist. Der Autor versucht dabei, beschreibend den Wesenskern des Kiefernwaldes in Sprache zu fassen, und er nutzt dafür sowohl Wiederholungen wie auch ständig neue, phantasievolle Sprachbilder. Der Wald wird hier zum Hangar, zur „Totholzfabrik“, zum „Tempel der Hinfälligkeit“ mit hölzernen Säulen oder zum Friseursalon, dessen Boden mit den Haaren pflanzlicher Riesen bedeckt ist. Ponge wechselt dementsprechend vielfach die Perspektiven, sieht seinen Gegenstand wie ein Ingenieur, ein Kleinkind oder ein Biologe.

Den im 50-minütigen Hörspiel beschriebenen Kiefernwald kann man sich tatsächlich bildlich vorstellen: hochgewachsene Stämme, die an der unteren Hälfte von Flechten bewachsen und ohne Äste sind, mit genug Platz zum Flanieren zwischen den Bäumen. Der Schritt des Spazierenden wird gefedert von einer dicken Schicht Äste und Nadeln und für eine ruhige Atmosphäre sorgen zudem die windbrechenden und schattenspendenden Baumwipfel, die sich selbst zwar hin und her wiegen, aber von dieser Wellenbewegung nichts nach unten weitergeben.

Am Ende des Berichts steht das Bild von den Kiefern als sich gegenseitig stützende Individuen. Ein sehr schöner Ansatz, die Idee der Gesellschaft auf die Natur zu übertragen, statt umgekehrt. Allerdings ist Ponges Ansatz auch von der sprachlichen Eroberung seines Betrachtungsobjekts geprägt, einmal beschwört er gar die Bäume, aus ihrer Ausdruckslosigkeit herauszutreten, hier ist er mehr Hexenmeister denn Naturfreund.

Ein wenig merkwürdig ist, dass Ponge so zahlreiche anthropomorphisierende Zuschreibungen für die Bäume parat hat und in den Kiefern ausschließlich rothaarige Frauen oder schwarze Greise sieht. Das hierfür in der deutschen Übersetzung verwendete Vokabular ist außerdem absolut aus der Zeit gefallen. So fragt man sich wieder mal, wieso nicht mehr frische Originalhörspiele produziert werden und wieso es angestaubte Literaturvorlagen immer wieder ins Radio schaffen.

09.08.2018 – Rafik Will/MK