F.M. Einheit mit Texten von Paul Celan: Im Ungebundenen (HR 2 Kultur)

Die Ansprüche der Hochkultur

27.12.2021 •

„Dein goldenes Haar Margarete / Dein aschenes Haar Sulamith“ – diese beiden Zeilen aus Paul Celans Gedicht „Todesfuge“ gehören nicht nur zu den bekanntesten Zitaten aus der Lyrik des mittleren 20. Jahrhunderts, sondern sind auch nachdrückliche, unvergessliche Chiffren der desaströsen Beziehung zwischen Christen- und Judentum, vor allem nach dem Elend der KZ-Erfahrung.

Paul Celan wurde am 23. November 1920 in Czernowitz (heute Ukraine) geboren. Als Opfer der Judenverfolgung im damaligen Rumänien starb sein Vater nach seiner Deportation in Auschwitz an Typhus. Seine Mutter war erschossen worden. Paul Celan selbst befand sich zu dieser Zeit in Frankreich und konnte sich schützen. Sein ganzes späteres Leben stand jedoch unter dem Schuldgefühl, sich selbst geschont und andere ungeschützt dem Tod überlassen zu haben. Daraus resultiert der Ton der Verzweiflung und viel mehr als nur Melancholie, wie bei zahlreichen Exegeten seiner Lyrik zu lesen ist.

Sein Verhältnis zum Judentum war jedoch mehr als disparat. Sein Verhältnis zur Welt um ihn herum trotz eher dürftigen pekuniären Verhältnissen fast das eines Lebemannes, sein Verhältnis zu Frauen offensichtlich ebenso leidenschaftlich und erobernd wie zaghaft und unentschlossen. Heftige Affären sind auch Gegenstand seines ausführlich dokumentierten Briefwechsels und legen davon Zeugnis ab.

Der Vielzahl und Verworrenheit der Lebens- und Liebesempfindungen Paul Celans hat der Schauspieler und Hörspielsprecher Jens Harzer aufgespürt. In Zusammenarbeit mit der Celan-Herausgeberin Barbara Wiedemann traf er eine Auswahl aus dem umfassenden lyrischen Werk. Zunächst war sie für einen Leseabend gedacht. Da dieser wegen der Corona-Maßnahmen nicht stattfinden konnte, fand sich in dem Musiker und Komponisten F.M. Einheit (geboren als Frank-Martin Strauß 1958 in Dortmund) ein Künstler, der die von Jens Harzer gesprochenen Celan-Texte in einen anspruchsvollen musikalischen Kontext bettete. Es entstand das Hörstück „Im Ungebundenen“.

Im Auftrag des Hessischen Rundfunks (HR), der die 52-minütige Produktion bei HR 2 Kultur auf dem Sendeplatz „The Artist’s Corner“ ausstrahlte, schuf F.M. Einheit unterschiedliche elektronische Klangwelten. Zusammengefügt und mit Celans bezwingender Poesie in Form gegossen, greifen sie die beeindruckende Bildsprache auf und scheuen auch nicht vor Metaphern zurück, deren Inhalt – trotz aller gebotenen Bewunderung – gelegentlich aufgerüscht wirkt („Ach, ich bitte dich / zähle mich / zu den Mandeln“). Gleichzeitig wird deutlich – und von F.M. Einheits Komposition nachdrücklich unterstützt, wie dissonant Celans Handlungsweisen sind.

Zumeist schlägt sich das auch in seiner Lyrik nieder, wie etwa die Eindrücke von seiner (einzigen) Jerusalem-Reise 1969, in denen er um die Liebe der Stadt mit Inbrunst wirbt. Gleichzeitig gilt ein nicht minder drangvolles Werben seiner damaligen Geliebten. Nun, vielleicht ist das nicht gar so dissonant – die Musik von F.M. Einheit findet jedenfalls einen verbindenden Ton ohne banale Harmonisierung. Dass Celan, der wohl zunehmend an Paranoia litt, in einem wahnhaften Anfall auf seine Ehefrau Gisèle Celan-Lestrange mit einem Küchenmesser einstach und danach in die Psychiatrie eingeliefert wurde, lässt die lyrische Auswahl dieser Produktion hinsichtlich des Textmaterials unberücksichtigt. Not und Elend dieser zerrissenen Seele vermittelt jedoch die musikalische Gestaltung auf einer anderen Ebene der Wahrnehmung.

Zu den Auslassungen gehört auch Celans unglückselige Verbindung zu Ingeborg Bachmann, in der er zeitweilig eine lyrische Seelenverwandte sah. Ihr dichterisches Kompendium war für ihn ein Werk auf Augenhöhe. Auf einer anderen, nicht poetischen Ebene folgte in dieser Beziehung ein Tornado der Leidenschaft auf rigoros erbarmungslose Ablehnung, in stetem, quälendem Wechsel.

Czernowitz, die Geburtsstadt von Celan (ein Anagramm von Anschel, rumänisiert: Ancel), wurde später „die Stadt der toten Dichter“ genannt. Auch Rose Ausländer, Aharon Appelfeld und Karl Emil Franzos zählen zu den Schriftstellern und Lyrikern, die wie noch weitere andere dort geboren wurden oder von dort stammten. Die Dichter sind tot, die Stadt ist eine komplett andere geworden. Celan, der Hochbegabte armer jüdischer Herkunft, mit rabbinischer Gelehrtheit und der Sensibilität eines Rilke, war den Zerreißproben seines Lebens nicht mehr gewachsen. Am 20. April 1970 stürzte sich der Dichter in Paris, wohin er 1948 übergesiedelt war, von einer Brücke in die Seine, aus der erst mehrere Tage später sein Leichnam geborgen wurde. Seine todessehnsüchtige Verzweiflung hatte sich nicht mehr in dichterische Bahnen lenken lassen.

Die sorgfältige und absolut hörenswerte Produktion des Hessischen Rundfunks ist dank ihrer künstlerischen Qualität ein Beweis dafür, dass es zu der Verzwergung der Radiokunstform nicht kommen muss. Als autochthone Kunstform dieses Mediums setzen Hörspiele solch avancierter Art Zeichen, dass Hörer auch auf die Ansprüche der Hochkultur nicht verzichten müssen. (Das Hörstück „Im Ungebundenen“ steht im Internet-Angebot von HR 2 Kultur und in der ARD-Audiothek bis zum 27. Mai 2022 zum Anhören bereit.)

27.12.2021 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

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