Florian Neuner: Asche. Ein Hörspiel in zwei Teilen (HR 2 Kultur)

Musikmosaik

19.06.2020 •

Die literarische Kompositionstechnik des „Cut-up“ ist eine Form der Collage, die vor allem der US-amerikanische Autor William S. Burroughs bekannt gemacht hat. Er entwickelte dieses Vorgehen zusammen mit seinem engen Freund Brion Gysin, einem Maler und Schriftsteller. Gysins Anstoß: Textzeilen unterschiedlicher Herkunft fließen durch Überlagerung längs gefalteter Seiten ineinander – sein „Fold-in“ ist eine Form des „Cut-up“.

Der kanadische Medienwissenschaftler Marshall McLuhan (1911-1980) verglich den Eindruck, den diese Methode bei der Lektüre hervorruft, mit dem einer Tageszeitung, die man nicht Spalte für Spalte liest, sondern bei der man in der begonnenen Zeile bleibt und so mitten im Satz in die Zeile einer anderen Meldung springt – ein Prinzip das sich theoretisch die ganze Zeitung hindurch aufrechterhalten lässt.

Diese diskontinuierliche Art des Erzählens von Burroughs sah McLuhan als wesentlich bei der Übertragung der Erfahrung einer medial vermittelten, fragmentierten Welterfahrung auf die Ebene der Prosa. In seinem Text „Der Inhalt der Umwelt – Bemerkungen zu Burroughs“ (Übersetzung aus dem Englischen: Rainer Höltschl) stellt McLuhan auch den befreienden Aspekt heraus, den dieser Schritt bedeutet – es ist eine Absage an das Diktat des Raum-Zeit-Kontinuums und dessen literarische Nachempfindung.

In Anlehnung an McLuhan könnte man behaupten, dass es ein gewaltvoller Akt ist, Figuren und Gegenstände zum Objekt eines „Storytelling“ zu machen, das einem festen Gefüge aus Raum und Zeit unterworfen ist. Denn diesem Konstrukt müssen sich dann auch die Figuren und Ereignisse fügen.

Um der Hommage an einen gestorbenen Künstler – oder gar eine ganze dahinscheidende Ära der Musikgeschichte – eine gewisse Behutsamkeit angedeihen zu lassen, scheint es in diesem Sinn unerlässlich, sie als „Cut-up“ zu konzipieren. Eine Ausformung dieses Ansatzes findet sich in Florian Neuners zweiteiligem Hörspiel „Asche“ (Teil 1: „Auf Achse“; Teil 2: „Zur Sache“), das für HR 2 Kultur produziert wurde. Es ist zum einen eine kritische Würdigung des Umfelds der Darmstädter „Internationalen Ferienkurse für Neue Musik“ und zum anderen ein Blick auf das Leben und Werk eines speziellen Komponisten aus diesem Kontext.

Das ist das, was man grob über den Inhalt des Hörspiels schreiben könnte. Aber über den Inhalt kann man vielleicht auch im herkömmlichen Sinn gar nichts sagen oder schreiben, denn der Inhalt speist sich zu einem guten Teil aus der Form, in der das Material angeordnet ist. Um noch einmal McLuhan zur Technik des „Cut-up“ zu bemühen: Es ist die „Kunst des Intervalls und nicht die des Zusammenhangs“.

Das Hörspiel „Asche“ besteht aus verschiedenen ineinander verschränkten Ebenen, unter anderem ganz wesentlich auch aus musikalischen. So stehen die Buchstaben des Titels stellvertretend für einzelne Noten. Sie bilden eine Tonreihe (A-S-C-H-E), die dem namentlich ungenannt bleibenden verstorbenen Komponisten – der sowohl im Zentrum des Stücks steht als auch die ‘Rahmenhandlung’ anstößt – in seinen Werken als Ausgangsmaterial dienten. Auf dieser Reihe aufbauend entwarf er seine seriellen Kompositionen. Im Hörspiel setzt Christoph Herndler, von dem die Musik kommt, dieses Prinzip noch einmal um – Neue Musik ist im Stück „Asche“ gleichermaßen Betrachtungsgegenstand und Gestaltungsmittel.

Entsprechend wird in dem Hörspiel die Weigerung, Anekdoten zu einem tragenden Handlungsbogen zusammenzufügen, zur Sprache gebracht und findet auch im Hörspiel selbst Anwendung. Die Erinnerungsbruchstücke des ungreifbar bleibenden Erzählers sind über das gesamte, wohl am ehesten als Hörmosaik zu bezeichnende Stück verstreut; so wie die in kleine Stücke zerschnipselten, womöglich der Presse entnommenen Kurznachrufe auf Luigi Nono, Karlheinz Stockhausen, Pierre Boulez, Morton Feldman und viele andere Komponisten der Neuen Musik.

Aber was aufgefundenes Material ist in diesem Hörmosaik, was Textschöpfungen des Autors sind, das bleibt im Verborgenen. Es ist jedenfalls ein sehr realitätshaltiges Stück, das trotzdem durch seine aufgesplitterte Struktur einen hohen Grad an künstlerischer Verfremdung schafft. Brigitta Assheuer, Dagmar Nuhn, Christoph Winkelmann, Michael Rebhahn und Florian Neuner verleihen den unterschiedlichen Ebenen als Sprecher eine Stimme. Gegen festgefahrenen Hör- und Erzählkonventionen muss man beim Hören der zweimal 60 Minuten des Stücks „Asche“ immer aufs Neue ankämpfen; dieses Hörspiel ist aber ein gelungenes Beispiel dafür, wie es gehen kann.

19.06.2020 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 18/2020

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