Etel Adnan/Ulrike Haage: A Funeral March for the First Cosmonaut – Ein Trauermarsch für den ersten Kosmonauten (Deutschlandfunk Kultur)

Die Erde ist die Mutter der Menschheit

30.09.2019 •

Seit einer Reihe von Jahren hat sich Ulrike Brinkmann, die Dramaturgin beim Deutschlandfunk Kultur, mit der bemerkenswerten Autorin Etel Adnan beschäftigt. Das hat beispielsweise dazu geführt, dass der Sender immer wieder Hörspiele von ihr ausstrahlen konnte, so zum Beispiel „Schiff im Sturm“ (2009), „Arabische Apokalypse“ (2014) und „NACHT“ (2017).

Etel Adnan ist in Frankreich, wo sie heute wieder lebt, und in den USA, wo sie lebte und lehrte, weithin bekannt. Eine Dichterin von hohem Rang, hatte die poeta docta im kalifornischen San Rafael doch einen Lehrstuhl für Philosophie. Geboren wurde sie im Februar 1925 in Beirut. Beide Eltern waren keine Libanesen, die Mutter war Griechin, der Vater Syrer. Sie legten großen Wert darauf, dass ihre Tochter sowohl in der arabischen wie auch der westlichen Kultur zuhause war. In Adnans gesamtem literarischen wie auch bildnerischen Schaffen ist diese kosmopolitische Bildung verankert. Zahlreiche internationale Auszeichnungen verzeichnen dies. In Deutschland steht eine breite künstlerische Aufmerksamkeit ihrer Werke noch aus.

Man darf es einen Glücksfall nennen, dass die vielfach ausgezeichnete Komponistin und Pianistin Ulrike Haage im Zuge ihrer ersten Zusammenarbeit mit Etel Adnan bei dem epischen Poem „NACHT“ (vgl. MK-Kritik) auf einen fast vergessenen, noch unveröffentlichten Text der Autorin stieß: „A Funeral March for the First Cosmonaut – Ein Trauermarsch für den ersten Kosmonauten“. Nun, nach 50 Jahren, wurde daraus – wiederum mit dramaturgischer Unterstützung durch Ulrike Brinkmann – ein künstlerischer Dialog, ein Hörspiel-Poem von großer Intensität.

Das Stück gilt den Problemen, die die Weltraumforschung mehr und mehr mit sich bringt und stützt sich dabei auf den ersten Menschen im All, den russischen Kosmonauten Juri Gagarin. Vor ihm hatte die damalige Sowjetunion eine Hündin, Leika, als erstes Lebewesen in den Orbit gejagt und sie dort ihrem Schicksal, will sagen: dem sicheren Tod ausgesetzt. Am 12. April 1961 umrundete Gagarin mit seinem Raumschiff Wostok 1 in 108 Minuten die Erde, um dann sicher zu landen. Sieben Jahre später, am 27. März 1968, kam er, 34-jährig, bei einem Übungsflug mit einem MiG-Jagdflugzeug nahe Moskau ums Leben. Die Ursache für den Absturz ist bis heute nicht geklärt.

In der Zusammenarbeit zwischen der Autorin, der Regisseurin und Komponisten Ulrike Haage und der Übersetzerin und dramaturgischen Mitarbeiterin Klaudia Ruschkowski entstand mit diesem „Trauermarsch für den ersten Kosmonauten“ ein Requiem, in dem sich Text und Ton, Komposition und Improvisation verschränken. Subtil verflochtene Klavierklänge, der helle Sopran von Christina Andersson und die brüchige, suggestive Stimme der 94-jährigen Etel Adnan vereinigen sich zu einem akustischen Gespinst und fügen sich zu einer subtilen, melodischen Polyphonie.

Den Kosmonauten nennt Etel Adnan „a great child“. Sie macht es sich damit keineswegs zu leicht, vergleicht sie ihn doch mit dem altägyptischen Sonnengott Ra und mit dem Propheten Elias, den seine beiden Rosse zur Sonne emporzogen, wo er verglühte. „Wir hörten die ungeheure Minute der Stille“ – heißt es in Klaudia Ruschkowskis ausgezeichneter Übersetzung –, „ihr habt euch erhoben, als Gagarin zu euch kam, das große Kind in der großen Maschine.“ (Allerdings kann eine deutsche Übersetzung die Doppelbedeutung von „great“ im Original nicht wiedergeben. „Great“ kann durchaus auch „großartig“ heißen … Aber ist es nicht ein Vorrecht der Poesie, zu verschleiern, um die Assoziationsräume des Zuhörers zu weiten?)

Ulrike Haage hat in dieser Produktion zu einer eigenen Radikalität gefunden. Sie ist nicht brachial, ganz und gar nicht, aber entschieden. Diese künstlerische Dynamik lotet die Grenzen des Mediums aus und öffnet neue Dimensionen. Man kann daher davon ausgehen, dass nicht nur die Juroren inländischer Fachauszeichnungen (wie etwa dem Karl-Sczuka-Preis für Hörspiel als Radiokunst), sondern auch die Jurys anderer gewichtiger internationaler Würdigungen diese außergewöhnliche Produktion zur Kenntnis nehmen werden.

Dem 50-minütigen Hörspiel, das am 15. September ausgestrahlt wird, folgt ein zwölfminutiges Gespräch mit der Autorin, das in Paris aufgezeichnet worden ist. Dieser Einblick in das Schaffen und Denken von Etel Adnan hat den Charakter eines Vermächtnisses. „Die Menschheit“, so sagt sie, sei „auf dem Weg, zu einer neuen Spezies zu werden. Wir kümmern uns nicht um die Erde, und das ist gefährlich. Denn“, so schließt sie, „die Erde ist noch immer die Mutter der Menschheit.“

30.09.2019 – Angela di Ciriaco-Sussdorff

Print-Ausgabe 23/2019

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