Esther Dischereit: Die Mauern waren hier dick (Deutschlandradio Kultur)

Stark und unvermeidlich bedrückend

Kurzhörspiele haben einen durchaus besonderen Reiz. Ihre geringe zeitliche Länge beinhaltet das Versprechen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und den Zuhörer nicht etwa mit barocken Ausschmückungen einzulullen. Esther Dischereits Autorenproduktion „Die Mauern waren hier dick“ aus dem Jahr 2014 erfüllt so ziemlich alle Erwartungen, die man an die akustische Kurzform stellen kann.

Die in Berlin lebende,1952 in Heppenheim an der Bergstraße geborene Autorin trat im Hörspielbereich zuletzt mit ihrem für den ‘ARD Online Award’ und den Deutschen Hörspielpreis der ARD nominierten Stück „Blumen für Otello“ (Deutschlandradio Kultur 2014) in Erscheinung: In dieser knapp einstündigen Adaption ihres gleichnamigen Roman (erschienen im Verlag Secession, Zürich 2014) wird die Mordserie der rechtsradikalen Terrorzelle NSU behandelt. Unter anderem treten in dem Stück das erste NSU-Todesopfer Enver Şimşek und die titelgebende Figur Otello in einen im Jenseits angesiedelten Dialog über Rassismus.

In ihrem nun am 18. Februar auf Deutschlandradio Kultur urgesendeten Hörspiel „Die Mauern waren hier dick“ widmet sich Esther Dischereit ebenfalls wieder gesellschaftlich relevanten Themen: Antisemitismus, familiäre Gewalt, ärztliche Zwangsmaßnahmen. Dafür wird eine psychiatrische Einrichtung im Österreich der frühen Nachkriegszeit in den Fokus genommen.

Der rund 25-minütige „Hörtext in 19 Partikeln“ war zunächst vom 25. August bis zum 22. November vorigen Jahres unter dem Titel „Partikel vom großgesichtigen Kind“ in einer beinahe identischen Version als Klanginstallation im Museumsquartier Wien zu hören. Die unter der Regie von Stefanie Hoster (Hörspielchefin von Deutschlandradio Kultur) entstandene akustische Arbeit setzt auf reduzierte klangliche Gestaltungsmittel und erzielt damit eine beeindruckende Wirkung.

Ein einzelner Erzähler (gesprochen von Markus Meyer) berichtet in 19 Kurztexten über die Erfahrungen des „großgesichtigen Kindes“, eines kleinen Mädchens. Als Tochter des Anstaltsleiters lebt sie mit ihren Eltern und einer ihrer zwei Schwestern in einer unmittelbar im Gebäude der Psychiatrie gelegenen Wohnung. Sie kennt nicht viel mehr von der Welt als die kalten Flure und das von dicken Mauern umschlossene Gelände der Anstalt. Kontakt nach außen gibt es kaum.

Der Vater des Mädchens ist ein brutaler Sadist, der Frau und Kindern regelmäßig Gewalt antut. Als seine Ehefrau, eine Jüdin, die den Holocaust überlebt hat, einmal versucht, ihn bei der Polizei anzuzeigen, scheitert dies daran, dass ihr gesellschaftlich angesehener Mann direkt nach ihrem Weggehen aus der Wohnung auf dem Revier anruft, von einem „hysterischen Schub“ seiner Frau berichtet und die Beamten bittet, sie wieder nach Hause zu schicken. Das tun sie auch, Vergewaltigung in der Ehe ist damals noch kein Straftatbestand und auch Kinder zu züchtigen ist ‘rechtens’.

Die Ohnmacht des Mädchens ist groß, sie findet sich in einer gänzlich sprachlosen Rolle. Dass der Hörer an ihren Beobachtungen teilhaben kann, liegt an der Position des Erzählers. Er vermittelt nicht die unmittelbare Perspektive des Kindes, aber er blickt als Außenstehender in dessen Gedankenwelt und schildert, was die Kinderaugen erblicken. Aus der übergeordneten Position berichtet der Erzähler einzelne, zeitlich auseinanderliegende Erlebnisse des Kindes. In diesen Erlebnissen geht es um gesellschaftlich etablierten Antisemitismus, von dem der Vater im Sinne seiner Allmacht über die Familie ‘profitiert’, es geht um den zudringlichen Patienten, der zur Betreuung des Mädchens abgestellt ist, und allgemein um die schreckliche Vereinzelung, in der sich das Kind wiederfindet.

Die Kurztexte wechseln sich mit klagend-rufenden Klängen einer E-Gitarre ab (Musik: Frank Wingold, Ton: Jean Szymczak). Manchmal fehlen die musikalischen Zwischentöne, manchmal untermalen sie gesprochene Texte auch. Zwischen den Texten der Nummern 6 und 7 und der Nummern 12 und 13 hört man die Autorin selbst, wie sie von langen Pausen isolierte Wörter aus dem jeweils vorher gehörten Text spricht. Die schriftliche Entsprechung dazu findet sich auf dem Einband der Buchausgabe, die aus dem Hörtext heraus entstanden ist und unter dem Titel „Großgesichtiges Kind/The Child With The Big Face“ (De Gruyter, Berlin 2014) erschien. Zahlreiche Schwärzungen im flächigen Text lassen hier entsprechend einzelne Wörter hervortreten. Alles in allem ist „Die Mauern waren hier dick“ ein sehr starkes, unvermeidlich bedrückendes Hörspiel.

06.03.2015 – Rafik Will/MK