Erich Maria Remarque: Die Nacht von Lissabon. 2‑teiliges Hörspiel, Bearbeitung: Silke Hildebrandt (Bremen Zwei)

Die Suche nach dem Schiff der Hoffnung

31.01.2020 •

Menschen drängen sich an einem Kai im Flusshafen von Lissabon, an dem der Fracht- und Passagierliner „Serpa Pinto“ festliegt. Die Gesichter sind verschlossen, ängstlich. Nur ein paar Jugendliche – keine Kinder mehr und noch keine Männer – strahlen vor Aufregung. Das zeigen Aufnahmen vom Hafen in Lissabon im Jahr 1942, dem Jahr also, das für jüdische Emigranten aus dem Deutschland der Hitler-Diktatur schon ohne Hoffnung schien. Das galt auch für diejenigen, die aus den von Nazis beherrschten anderen Ländern noch gerade eben mit einem Minimum an Lebensnotwendigem hatten fliehen können.

Erich Maria Remarques Roman „Die Nacht von Lissabon“ nimmt vor diesem Szenario seinen Lauf. Der Erzähler, ein deutscher Emigrant, betrachtet das Schiff, auf dem er zusammen mit seiner Frau in die USA auswandern wollte. Um genügend Geld für die Passage und die beiden Visa zu haben, hat er im Kasino von Lissabon gespielt und alles verloren.

Nach dieser Introduktion, die am Anfang bereits das Ende andeutet, setzt die zweite Ebene dieses weitgehend dialogisch angelegten Romans ein, den die Regisseurin Silke Hildebrandt als Koproduktion von Radio Bremen und des Westdeutschen Rundfunks (WDR) für den Funk bearbeitet und als zweiteiliges Hörspiel inszeniert hat. Radio Bremen strahlte die Produktion im Dezember 2019 aus, in zwei Teilen von rund 55 Minuten. Für den WDR-Hörfunk und seine Formatauflagen wurde die Bearbeitung in vier Teile à 27 Minuten zerlegt; gesendet wird das Hörspiel bei WDR 3 am 10., 11., 12. und 13. Februar 2020 (jeweils um 19.04 Uhr).

Strukturell von weitem an Stefan Zweigs „Schachnovelle“ erinnernd, baut Remarque eine Rahmenhandlung nach klassischem Muster auf, eine Geschichte in der Geschichte. Der Erzähler, dessen Namen der Hörer nicht erfährt, trifft einen weiteren Emigranten, der sich als Josef Schwarz vorstellt und das schier unglaubliche Angebot macht, ihm zwei Schiffsfahrkarten und zwei Pässe jeweils mit Visum für die USA zu überlassen. Geld will er dafür nicht. Die einzige Bedingung: Der Erzähler muss ihm eine Nacht lang zuhören. Schwarz will ihm seine Lebensgeschichte erzählen. Auch das ist für Literaturkenner natürlich kein unbekanntes Motiv. Schon Scheherazade hat auf dieser Weise ihr Leben gerettet. Es könnte sein, dass es auch dem namenlosen Erzähler gelingt – ihm und seiner Frau. Josef Schwarz, der seine Karten für die Fahrt in die erhoffte Freiheit verschenkt, und seiner Frau Helen, die sich durch das letzte Stadium einer unheilbaren Krebserkrankung quält, wird das nicht glücken.

Gleich zu Beginn entwickelt der Roman – und mit ihm die Hörspielbearbeitung – eine innere Dynamik, die den Hörer im Bann hält. Dies umso mehr, als die Inszenierung vor allem im ersten Teil auf naturalistisches Geräuschekino verzichtet, allenfalls zurückgenommen Akustisches andeutet und somit eine klangliche Schemenhaftigkeit entwickelt, die das Grauen ahnen lässt, das hinter diesem scheinbar so glückhaften Zusammentreffen der beiden Männer lauert. Doch ist es kein Grauen im platten Unterhaltungssinn, sondern eine Gefahr auf Leben und Tod. Der Regie gelingt es, die Hörer den handelnden Personen mit Empathie folgen zu lassen.

Die Bearbeitung ändert nichts an Remarques Kunst der Dialogführung. Auch die zeitspezifische Patina seiner Sprache versucht sie nicht aus falsch verstandenem Modernisierungsbedürfnis modisch aufzufrischen. Die Architektur des Romans spielt der Adaption dramaturgisch ebenso wie ästhetisch in die Hand. Im zweiten (bzw. in der WDR-Fassung im vierten) Teil der Adaption bekommt die Komposition von Julia Klomfaß und Magdalena Graça mehr Raum und wirkt somit als intensivierender Stimmungsträger. Wirkungsvoll – Puristen mögen dies allerdings als etwas aufgesetzt empfinden.

Gelegentlich ist zu lesen, „Die Nacht von Lissabon“ sei ein realer Tatsachenbericht. Diese Definition trifft jedoch nicht zu. Vielmehr zeigt der Aufbau des Romans, dass es sich um eine fiktive Geschichte handelt, die zwar essentielle biografische Elemente enthält, aber dennoch durch die fiktionalen Verstrickungen zusammengehalten wird. Wo immer die Handlung in Gefahr geraten könnte, ins Triviale zu abrutschen, geben Struktur und auktoriales Können dem Geschehen eine literarische Dimension.

Neben „Im Westen nichts Neues“, Remarques Anfang 1929 als Buch erschienenem Roman über die grauenhaften Erlebnisse der Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg (der Roman war 1928 als Vorabdruck in der „Vossischen Zeitung“ veröffentlicht worden), wurde auch „Die Nacht von Lissabon“ zum Welterfolg. Beide Titel wurden verfilmt. Der erste 1930 in USA, was die Nazis mit allen Mitteln, aber erfolglos zu verhindern suchten. Remarque zahlte für den Erfolg mit der Verbrennung seiner Bücher (1933) und damit, dass ihm das NS-Regime 1938 die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannte.

Remarque emigrierte 1931 in die Schweiz. Sein Roman „Die Nacht von Lissabon“ wurde 1962 in der Bundesrepublik Deutschland gedruckt: 880.000 Exemplare Gesamtauflage in dem Jahr zeugen von der enormen Begeisterung, die der Roman hervorrief. Erich Maria Remarque, der als Erich Paul Remark 1898 in Osnabrück geboren wurde und 1970 in Locarno verstarb, konnte diesen außergewöhnlichen Erfolg seines Buchs, das als sein ergreifendstes gilt, noch erleben.

Erstaunlich, dass das Hörspiel diesen Roman erst so spät für sich entdeckt. Max Simonischek als Mann ohne Namen (Erzähler) Max von Pufendorf als Josef Schwarz und Lisa Hrdina als Helen Schwarz sind die hörenswerten Protagonisten in dieser Produktion, die man als Entdeckung für eine Hörerschaft bezeichnen darf, die sich für das Hörspiel als Kunst- und literarische Form interessiert. Nebenbei gesagt ist „Die Nacht von Lissabon“ ein Stoff, der auch als Hörbuch in Schulen Einsatz finden könnte und sollte.

31.01.2020 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 13-14/2020

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