Erich Kästner: Die Konferenz der Tiere (SWR 2)

Revolte gegen die politische Unvernunft

23.10.2018 • Erich Kästners Kinderbuch „Die Konferenz der Tiere“ hat zwar nicht die Berühmtheit seiner verfilmten Bücher „Emil und die Detektive“, „Das fliegende Klassenzimmer“, „Das doppelte Lottchen“ und „Pünktchen und Anton“ erlangt, gehört aber doch zu den Klassikern der deutschsprachigen Kinderliteratur. „Die Konferenz der Tiere“ mit dem Untertitel „Ein Buch für Kinder und Kenner“ entstand nach einer Idee der Journalistin, Autorin und Übersetzerin Jella Lepman, erschien zuerst 1949 und wurde im Lauf der Zeit von mehreren Verlagen in hohen Auflagen veröffentlicht.

1969 drehte der Regisseur Kurt Linda nach der Buchvorlage einen Zeichentrickfilm, dessen Tonaufnahme später mit dem bekannten Schauspieler, Synchronsprecher und Moderator Klaus Havenstein als Erzähler als Hörbuch bei der Deutschen Grammophon publiziert wurde. Was noch fehlte von der „Konferenz der Tiere“, war eine Hörspielversion; sie wurde jetzt vom Südwestrundfunk (SWR) in Koproduktion mit dem Hessischen Rundfunk (HR) in der Bearbeitung und Regie von Nicole Paulsen realisiert. Die Adaption über eine Länge von 55 Minuten ist eine plausible Kürzung des Prosatextes und enthält einige aktuelle Verweise auf Defizite der internationalen Politik wie etwa den Klimawandel, Hungersnöte und gegenwärtige Kriege. Die Politiker seien nicht zur Konfliktlösung fähig und steckten „den Kopf in den Sand“ – das ist eine der Textaussagen, von Kästner vor 70 Jahren formuliert.

Kästners Fiktion: Mehrere internationale Konferenzen zum Thema ‘Befriedung und Humanisierung der Welt’ sind bereits gescheitert, als 1950 im südafrikanischen Kapstadt ein weiterer Versuch mit höchstrangigen Politikern aus der ganzen Welt gestartet wird – und eine Revolte der Tiere provoziert. Kästner inszeniert ein phantastisches Szenario: Am Tschadsee in Zentralafrika steht ein „Hochhaus der Tiere“, das infrastrukturell eine kleine Stadt enthält. Dorthin werden – hier unter anderem gibt’s im Hörspiel eine kleine aktuelle Anpassung – per Smartphone Tiere aus aller Welt gerufen, jede Gattung, jede Art ist mit einem Delegierten vertreten, vom Hoteldirektor, einem Maribu, willkommen gehbeißen. Die Tiere haben Kinder aus allen Erdteilen als „Ehrengäste“ mitgebracht.

Nach etwa der ersten Hälfte des Hörspiels beginnt die Konferenz der Tiere, das Motto des Treffens lautet: „Es geht um die Zukunft der Kinder.“ Die Anklagen der Tiere erreichen die ignoranten Politiker per Videoübertragung, entrüstet schicken sie den Gesandten Zornmüller zur Konferenz der Tiere, wo er sich viel Kritik anhören muss: „Tiere sind klüger, Menschen sind mächtiger.“ Dann schicken die Tiere eine „Mottenplage“, die die Kapstadter Konferenz sprengt, und erpressen die Politiker, indem sie „die Kinder der Welt“ verschwinden lassen – sie haben die Kinder in „Schutzhaft“ genommen. Letztendlich werden doch Verhandlungen zwischen den Politikern und den Tieren geführt und es wird ein Vertrag geschlossen, der die weltweite Abschaffung des Militärs, die Beseitigung der Grenzen, die Umwandlung der Polizei in Friedenstruppen und anderes mehr vorsieht – alles Gute für die Zukunft der Kinder.

Das Hörspiel überzeugt als Plädoyer für die Rechte der Kinder auf eine bessere Zukunft, die lehrhafte Intention bleibt jedoch reichlich abstrakt und der Parabelcharakter undeutlich. Die Anthropomorphisierung der Tiere ist weitgehend auf die Sprachfähigkeit beschränkt, das hochkarätig besetzte und mit hörbarer Spiellust agierende Sprecher-Ensemble (mit unter anderem Mechthild Großmann, Hedi Kriegeskotte, Waldemar Kobus und Michael Tregor) verleiht den Tieren differenzierte Ausdrucksvaleurs. Nicole Paulsens Regie kennzeichnet eine positiv zu bewertende inszenatorische Routine; das Ergebnis ist ein hörenswertes Hörspiel, dessen Grundthema Aktualität und Virulenz nicht abzusprechen ist.

23.10.2018 – Norbert Schachtsiek-Freitag/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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