„Enigma Emmy Göring“ ist Hörspiel des Jahres 2006

26.01.2007 •

Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste hat das Stück „Enigma Emmy Göring“ von Werner Fritsch, eine Produktion des Südwestrundfunks (SWR), zum Hörspiel des Jahres 2006 gewählt. Fritsch führte bei dem 55-minütigen Hörspiel, das am 21. September im Programm von SWR 2 urgesendet wurde (vgl. Kritik in FK 39/06), auch Regie; für die Dramaturgie war Hans Burkhard Schlichting verantwortlich. Werner Fritsch, geboren 1960 in Waldsassen, wuchs als Bauernsohn in der Oberpfalz auf, studierte und lebte bis 1991 als Autor in München und siedelte dann nach Berlin um. Fritsch, der auch Prosa und Bühnenstücke schreibt und als Filmemacher arbeitet, erhielt für sein Werk zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem 1993 für „Sense“ den Hörspielpreis der Kriegsblinden (vgl. FK‑Heft Nr. 13/93).

Das Hörspiel des Jahres wird seit 1977 von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste ermittelt. Über die Entscheidung befindet eine jährlich wechselnde unabhängige Fachjury auf Basis der von ihr gewählten zwölf Hörspiele des Monats des jeweiligen Jahres, die aus dem Ursendeangebot der Rundfunkanstalten der ARD bestimmt werden. Mitglieder des Gremiums waren für das Jahr 2006 Achim Heidenreich (Zentrum für Kunst und Medientechnologie/ZKM Karlsruhe), Hans Joachim Graubner („Stuttgarter Zeitung“) und Bettina Schulte („Badische Zeitung“). „Enigma Emmy Göring“ war im vorigen Jahr im September zum Hörpsiel des Monats benannt worden (vgl. FK-Heft Nr. 41/06). Zur Begründung ihrer Entscheidung für das Hörspiel des Jahres schreibt die Jury (kompletter Wortlaut):

«In „Enigma Emmy Göring“ wird die Zeit des Nationalsozialismus als monströser Frauenmonolog in seiner Absurdität ausgestellt. Der Sprecherin Irm Hermann in der Rolle der Schauspielerin und Ehefrau Hermann Görings gelingt es, mit strikt durchgehaltenem operettenhaftem Konversationston eine verharmlosende Arie auf diese barbarische Zeit zu singen, wo es, nach Celan, Lieder eigentlich nur noch „jenseits der Menschen“ geben dürfte. Im Wissen um das tatsächlich Geschehene wirkt dieser fiktive Monolog wie die Fratze der kollektiven Verdrängung „Ewiggestriger“.

Dass der Autor Werner Fritsch die assoziativ angelegte Rückschau in die Zeit kurz nach 1968 verlegt – die tatsächlich unbelehrbare Emmy Göring, die 1973 starb, wartet beim Arzt auf ihre Zahnbehandlung –, wirft ein Licht auch auf die Nachkriegszeit und die 68er-Generation. Nurmehr als bitter sarkastische Medienkritik kann anmuten, wenn Emmy am Ende des Hörstücks triumphierend feststellt, dass in Zeiten, in denen nur noch Einschaltquoten zählen, Adolf Hitler 100 Prozent erreichen könnte – ein Seitenhieb des Autors auf die sich in den Medien immer breiter machende Nazi-„Nostalgie“.

Irm Hermann erweist mit ihrer an Variationen der Unverschämtheit und Dummheit und Virtuosität wohl kaum zu überbietenden Rollenanlage der akustischen Kunst und damit auch dem Genre Hörspiel alle Ehre. Jenseits jeder Theaterrealität stellt sie mit ihren Gründgens- und auch Hitler-Passagen den kläglichen und – aus unserer Sicht – fragwürdigen Versuchen in jüngster Zeit, das Phänomen des Nationalsozialismus in Gestalt von Bruno Ganz („Der Untergang“) oder Helge Schneider („Der Führer“) zu personifizieren, ein tatsächlich teuflisches, weil aus dunkelstem Unterbewusstsein kommendes Gesicht in der abstrakten Kunstform ihrer Stimme entgegen, die mit ihrem süddeutschen Timbre nichts weniger ist als eine Mimikry an die historische Figur, die aus dem Hanseatischen stammt. Diese sehr bewusst artifizielle Gestaltung, die sich im Echoraum einer vom Autor selbst zusammengestellten Klangcollage bis zum opernhaften Monodram aufschwingt, wirkt so zwingend und in ihrer Konsequenz ragt diese SWR-Produktion auch so aus den Produktionen des Jahres 2006 heraus, dass wir sie zum Hörspiel des Jahres küren.»

Text aus Heft Nr. 4/2007 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

26.01.2007 – FK