„Elserfiebertraum“: Eine beachtliche Hörspielproduktion über den Hitler-Attentäter Georg Elser

21.04.2015 •

Über den Schreinergesellen Georg Elser, der in einer beispiellosen Aktion am 8. November 1939 vergeblich versucht hatte, Adolf Hitler und die ihn begleitende Führung im Münchener „Bürgerbräukeller“ durch ein Bombenattentat zu beseitigen, ist in den Jahren nach 1945 nur wenig geschrieben und nachgedacht worden. Erste Nachholarbeit mit einem Film, der ein größeres Publikum erreichte, leistete Klaus Maria Brandauer mit seiner 1989 erschienenen, von der Kritik eher verhalten aufgenommenen Kinoproduktion „Georg Elser – Einer aus Deutschland“, bei der Brandauer sowohl Regie führte wie auch die Hauptrolle spielte.

Doch die Tat des solitären Widerstandskämpfers Elser, der 1903 im schwäbischen Hermaringen geboren wurde, stand zunächst über Jahrzehnte im Schatten des militärischen Widerstands jener Männer um Claus Schenk Graf von Stauffenberg und vieler anderer Mitwisser, die für den 20. Juli 1944 die Vernichtung von Hitler in der „Wolfschanze“ in Ostpreußen geplant hatten, die ebenfalls scheiterten und den versuchten „Tyrannenmord“ mit dem Leben bezahlen mussten. Auch Georg Elser wurde nach fünfeinhalbjähriger KZ-Haft auf Befehl Hitlers am 9. April 1945 und damit wenige Wochen vor der Kapitulation Nazi-Deutschlands von der SS erschossen.

Fatale Beschuldigungen

Es war nicht zuletzt der ebenfalls regimekritische evangelische Pastor Martin Niemöller (1892 bis 1984), der ab 1938 als „persönlicher Gefangener des Führers“ im Konzentrationslager Dachau interniert war, der im Jahr 1946 in einer Rede vor Göttinger Studenten die Meinung vertrat, Georg Elser – der gleichfalls in Dachau inhaftiert war – sei SS-Unterscharführer gewesen. Er habe im Auftrag Hitlers als Agent Provocateur gehandelt. „Wissen Sie, Herr Pfarrer Niemöller“, schrieb später die Mutter Elsers, „es ist sehr belastend für uns, dass alle Zeitungen und der Rundfunk in alle Welt hinausposaunen, dass mein Sohn bis 1938 bei der SS gewesen sei. Das alles ist nicht wahr und er war bis zu seiner Festnahme in keiner Formation im Hitler-Regime.“

Die fatalen Beschuldigungen sollten für das Ansehen Elsers über viele Jahre hinweg folgenreich bleiben. Erst 1956 förderte Erwin Roth, der Chefredakteur der „Heidenheimer Zeitung“, mit seinen noch eher bescheidenen Recherchen die Wahrheit ans Tageslicht. Roths Ergebnisse konnten 1964 durch Forschungen des Historikers Lothar Gruchmann abgesichert werden, der das Protokoll der Vernehmungen von Georg Elser durch die Gestapo entdeckt hatte. In dem Dokument, das die Nationalsozialisten geheim hielten, wurde Elser als Alleintäter eingestuft. Die NS-Propaganda hatte es damals aber so dargestellt, dass Elser vom britischen Geheimdienst instruiert gewesen sei. Heute gibt es in der Bundesrepublik rund 70 Städte und Gemeinden, die mit Gedenktafeln oder Straßen-, Treppen- oder Schulnamen an Georg Elser als Widerstandskämpfer erinnern.

Pre-Listening und Diskussionssendung

70 Jahre nach der Hinrichtung Elsers strahlten nun der bei der Produktion federführende Südwestrundfunk (SWR) und der Norddeutsche Rundfunk (NDR) das gemeinsam hergestellte Hörspiel „Elser“ aus, dessen Manuskript von Fred Breinersdorfer stammt. Breinersdorfer schrieb auch das Drehbuch für den Film „Elser – Er hätte die Welt verändert“ (Regie: Oliver Hirschbiegel), der seit dem 9. April im Kino zu sehen ist. Das Hörspiel ist Anfang April beim Deutschen Audio-Verlag (DAV) auch auf CD veröffentlicht worden. Anlässlich der Ausstrahlung des Hörspiels „Elser“ am 3. April um 20.05 Uhr bei SWR 2 (am 1. April um 20.05 Uhr bei NDR Kultur) nahm die Redaktion der Reihe „SWR 2 Forum“ eine Diskussion mit dem Titel „Die Bombe des Schreiners – Georg Elser und der deutsche Widerstand gegen Hitler“ ins Programm.

In der am 2. April ausgestrahlten Sendung diskutierten die Historiker Norbert Frei und Peter Steinbach und die Journalistin Franziska Augstein („Süddeutsche Zeitung“) unter der Gesprächsleitung Eggert Blum (Redakteur beim „SWR 2 Forum) über die Einäugigkeit bei der Rezeption des deutschen Widerstands. Während Georg Elser und seine Tat allzu spät ins Blickfeld gerückt worden seien, habe die Aufmerksamkeit stets und fast ungebrochen den Militärs und ihren Umsturzplänen gegolten. Den Diskutanten, es sei geklagt, gelang es unter der Moderation von Eggert Blum indessen nicht, die Individualität und das Besondere an Georg Elser herauszuarbeiten. Vielmehr verstrickten sich die klugen Köpfe sehr rasch in Grabenkämpfe und seminaristische Spitzfindigkeiten um die letzten Verästelungen im deutschen Widerstand (Kreisauer Kreis, vermeintliche Neuordnungspläne nach einem Umsturz). Damit entschlüsselte die Runde das Phänomen Elser freilich nicht näher.

Orgel, Uhren, Bohrer

Das 90-minütige Hörspiel „Elser“ – das am 16. März im Literaturhaus in Stuttgart im Beisein von Fred Breinersdorfer, der Regisseurin Iris Drögekamp und von SWR-Hörspielchef Ekkehard Skoruppa in einem Pre-Listening einer kleineren Öffentlichkeit vorgestellt worden war – setzt auf einen anderen Ansatz als der aktuelle Kinofilm, obwohl in beiden Produktionen die Rollenbesetzung identisch ist. Im mit zahlreichen Vor- und Rückblenden operierenden Hörspiel stellt Breinersdorfer zunächst eine Innenperspektive in den Raum: Dem gescheiterten Helden werden Erinnerungsfragmente und Monologe in den Mund gelegt – Bruchstücke einer Rückschau, wie sie auch über weite Strecken in den aufgefundenen Verhörprotokollen zu finden sind. Der Duktus ist frei-künstlerisch und verfällt nur ganz selten in einen dokumentarischen Manierismus. Elser-Sprecher und -Darsteller Christian Friedel sagt hierzu: „Der Film besticht durch seine Bilder, seine große Intensität der handelnden Figuren und die Unterschiedlichkeit der Zeiten und Orte. Das Hörspiel verschwimmt fast wie in einem ‘Elserfiebertraum’, was ebenso faszinierend ist und als eine Art Kommentar zum Film verstanden werden kann.“

Dem durchaus eindringlichen und didaktisch wertvollen Hörspiel, das zeichnet, aber nicht unbedingt überzeichnet, könnte man allenfalls auf akustischer Seite vorhalten, dass es mit zu vielen Klängen und Geräuschen operiert: Zuggeräusche, Orgel, Uhren, Bohrer, die plätschernde Brenz, Explosionen, Hämmern, Akkordeon und Zither sind zu hören. Ja, die Penetranz der bewusst verzerrt eingeblendeten Hitler-Reden schafft gelegentlich ein zu viel des Guten, eine historische Überfrachtung, die durchaus vermeidbar gewesen wäre.

Singuläre Heldentat

Wie einer solchen überbordenden Akustik zu entgegnen ist, lässt sich übrigens sehr anschaulich abhören an der historischen Hörspielaufnahme von Valerie Stiegele unter dem Titel „Johann Georg Elser“ (eine Koproduktion von SFB, HR, SDR und WDR aus dem Jahr 1982). Der feinfühlige Regisseur Heinz von Cramer (1924 bis 2009) ließ hier sorgfältig ausgewählte Zithermusik einfließen, die er jeweils mit eindringlichen Generalpausen zum Abbruch zwang, ein Kniff, der das Ohr vielleicht mehr schockte als der kriegerische Schlachtenlärm alliierter Luftangriffe in der neuen Produktion. Damals sprach übrigens der heutige Burgschauspieler Martin Schwab den Elser, und das mit einem ganz feinen schwäbischen Einschlag – ohne Penetranz und Folklore. Diese sprachliche Tingierung ist leider in Breinersdorfers Hörspiel und Film – bis auf eine Nebenrolle – getilgt worden, Christian Friedel und die Mitspieler sprechen dort jeweils reines Hochdeutsch. Mit der Folge, dass auch Stimme und Prosodie des Helden Georg Elser etwas Fernes und Unrealistisches bekommen.

Nachsehen muss man der Hörspielproduktion im Finale freilich auch das religiöse Gesinge („Ich bete an die Macht der Liebe“) – in Elsers Biografie übrigens nicht überliefertes Liedgut – und die schwermütige Lagerfeuerromantik („Kein schöner Land in dieser Zeit“). Da wird auf problematische, ja, falsche Obertöne beim Hörer gesetzt, die es nun bei Vertrauen auf das Schicksal Elsers nicht bedurft hätte. Da der Fall Georg Elser und seine singuläre Heldentat aber alles Nebensächliche zu überstrahlen scheinen, kann der geneigte Hörer diese kleine akustische Verirrung in eine falsche Gefühlswelt verkraften. Man wünscht der insgesamt beachtlichen Hörspielproduktion, an der neben Christian Friedel noch Burghart Klaußner, Johann von Bülow, Katharina Schüttler, David Zimmerschied und Simon Licht als Darsteller mitwirkten, aus vielen guten und sehr guten Gründen eine große Hörerschaft.

21.04.2015 – Christian Hörburger/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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