Ein Antihörspiel“ als Hörspiel des Monats: „Das Notizbuch vom Kiefernwald“

16.08.2018 • Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste hat das Stück „Das Notizbuch vom Kiefernwald“ zum Hörspiel des Monats Juli gewählt. Ulrich Lampen hat den Text, der vom französischen Schriftsteller Francis Ponge (1899 bis 1988) stammt, im Auftrag des Hessischen Rundfunks (HR) als Hörspiel eingerichtet (Dramaturgie und Redaktion: Peter Liermann). Das rund 50-minütige Stück wurde am 22. Juli um 14.05 Uhr im Programm HR 2 Kultur urgesendet (vgl. MK-Kritik). Zur Begründung ihrer Entscheidung schreibt die Jury der Akademie:

«Ulrich Lampen hat ein Antihörspiel geschrieben. Seine radiophone Anverwandlung von Ponges „Das Notizbuch vom Kiefernwald“ in der Übersetzung Peter Handkes entspricht in ihrer spröden Verweigerung erzählerischer oder auch akustischer Kulinarik auf überraschende Weise der asketisch-meditativen Besinnung Ponges auf das Objekt selbst, auf das Rohe an ihm, auf das, was es unterscheidet von dem, was der Dichter über es geschrieben hat: Es ist die Schrift, die sich vom Objekt entfernt, die Literarisierung, die der französische Dichter damit im Schreiben selbst kritisiert. Und wie ein Gelübde klingt es, wenn er gleich eingangs verspricht, keinesfalls „das Objekt meiner Wissbegier keinem Vorzeigen irgendeines gelegentlichen Wortfunds zu opfern, auch nicht dem Arrangieren einiger solcher Funde zu einem Poem“.

Dem entspricht Lampen durch eine Rücknahme alles Inszenatorischen: So scheint er nur diejenigen der Regie-Anweisungen, die er seinem Libretto mitgegeben hat, zu befolgen, hält er sich streng nur an jene, die einen Verzicht fordern: „Wir brauchen keine virtuose Musik.“ Es gibt ein paar Fauré-Akkorde. Es gibt ein wenig atmosphärisches Rauschen. Der Rest ist Sprache – im Raum gesprochen, glasklar intoniert von Sylvester Groth. Sperrig und faszinierend hört sich Ponges Dichtung, die gar nicht auf die Performance, die Phoné setzt, in Ulrich Lampens Arbeit an. Zwar gibt es einen Ursprung in der symbolistischen Dichtung – „die Pinien Ponges wurzeln bei Claudel“, schreibt Daniel Rondeau –, aber eine symbolistische Deutung verbietet sich und das Vorhaben geht über den Hoffmannsthalschen Sprachekel weit hinaus: Möglicherweise lässt sich eine Verwandtschaft der Intention mit den Kritiken totalitärer Sprache bei Orwell, Huxley, Klemperer andeuten – bei gleichzeitig radikal eigenständigem, ganz anderem und poetologisch sehr tief begründetem Ansatz.»

Die diesjährige Hörspiel-des-Monats-Jury hat es sich zur Regel gemacht, zusätzlich jeweils für ein Stück „eine lobende Anerkennung im Sinne eines zweiten Preises“ auszusprechen. Das Lob ging diesmal an Soeren Voimas von NDR Info gesendetes Hörstück „Ruf der Wildnis“ (vgl. MK-Kritik). Die Jury würdigte dabei „besonders die gekonnt rhythmisierte Vortragsweise" von Nico Holonics, "die – unterstützt durch spannungsgeladene Komposition mit Benjo-Akkorden des Musikers Andreas Bick – den kapitalismuskritischen Abenteuerroman von Jack London als Versepos gesprochene Unterhaltung für die ganze Familie präsentiert“. (Beim Namen Soeren Voima handelt es sich um ein Pseudonym des Theaterdramaturgen Christian Tschirner).

16.08.2018 – MK

Print-Ausgabe 22/2018

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