Dror Mishani: Drei. 3‑teiliges Kriminalhörspiel (Deutschlandfunk Kultur)

Zwischen literarischem Anspruch und Marketing

27.12.2020 •

Um mit zwei Gemeinplätzen zu beginnen: Das Hörspiel ist alt, die älteste Form der verbalen Radiokunst. Und: Das Hörspiel ist nicht alt, es verjüngt sich immer wieder. Aber es fällt doch auch immer wieder in alte Muster zurück. Ganz wie das richtige Leben, sozusagen. Das lässt sich auch beziehen auf die von Deutschlandfunk Kultur gesendete dreiteilige Produktion „Drei“, wo sich junge Intentionen mit herkömmlichen Strickmustern mischen. 

Ungewöhnlich ist allerdings, dass hier eine junge Dramaturgie sozusagen mit altem Wein in neuen Schläuchen handelt. Wie das? Ganz einfach: Man setzt auf einen Autor, der in Israel zu den Bekanntesten im Bereich Krimi zählt. Er ist 45 Jahre alt und hat schon einige Kriminalromane veröffentlicht. „Drei“ ist sein neuester, das Buch erschien im Sommer 2019 im Züricher Diogenes-Verlag (deutsche Übersetzung: Markus Lemke), gleichzeitig gab es auch das Hörbuch. Inzwischen hat man zum Autor einen Fernsehjournalisten aus Deutschland geschickt, der ein Interview mit ihm gemacht hat, zeitlich geschickterweise nicht allzu weit vom Hörspielsendetermin bei Deutschlandfunk Kultur entfernt. Hinzu kommen ein internationaler Filmvertrag sowie ein nationaler einer israelischen Filmproduktion, die vor der internationalen Fassung gedreht und dann in Israel ausgestrahlt werden soll. Alles passt. Die Vermarktungsmaschine für „Drei“ läuft.

Ist die Radioadaption nun ein geschicktes Tüpfelchen aufs i oder weiterer Teil einer Spirale, auf der die schöne Kunstform Hörspiel abwärts gleitet oder saust, bis sie irgendwann als Nebenprodukt im Programm landet? Oder ist sie, da hier ja ein Fall vorliegt, in dem Literatur und Hörfunk zusammenfinden, eine kulturpolitisch klug eingesetzte Legitimation des Kulturauftrags öffentlich-rechtlichen Rundfunks? Ihm haben die Sender zu dienen und ohne ihn müssten sie um ihre Existenzberechtigung fürchten – was ja nichts Neues ist.

Doch nun zum Inhalt der Geschichte des Stücks. Drei Frauenschicksale verknüpft Dror Mishani miteinander, dabei dem klassischen Prinzip von der Einheit des Ortes und der Zeit folgend. Die drei Frauen mittleren Alters und mittlerer sozialer Position leben alle in einem bestenfalls als mittelmäßig zu bezeichnenden Stadtteil am Rande von Tel Aviv. Sie führen – so scheint es – ein eher anspruchslos gelebtes Leben, wenig Ressourcen, kaum Träume. Doch da tritt Gil auf den Plan, der Anwalt sein soll, freundlich, nett aussehend und hilfsbereit.

Wie Gil sich den Frauen nähert und was es mit dem Verhältnis zu seiner im Pflegeheim lebenden Mutter auf sich hat, behält der Autor bis knapp vor Schluss für sich. Die Handlungsstränge sind so verwickelt, dass es ohne eine Aufteilung des Hörspiels in drei Teile – analog zu den Porträts der drei Frauen, Orna, Emilia und Ella (die Kapitel sind nach ihren Vornamen benannt) – schwierig sein müsste, der Geschichte zu folgen. So aber hat der Autor selbst für Handlungssektoren gesorgt, deren Muster sich im Kern wiederholen.

Das alles kann ein Hörer nur nachvollziehen, wenn er den drei Teilen an den zwei linearen Sendeterminen (oder auf dem Verbreitungsweg Audiothek) folgt. Man kann dem Autor durchaus abnehmen, dass er seine Romane nicht als Krimis, sondern als literarische Arbeiten mit verschleierten Spannungselementen versteht. Dass es überhaupt ein Krimi sein könnte, lässt sich nicht nur ganz banal am Sendeplatz ablesen (montags, 22.03 Uhr, das ist der „Kriminalhörspiel“-Termin bei Deutschlandfunk Kultur), sondern auch an den sich steigernden Verdachtsmomenten, die sich gegen den netten Gil wenden.

Als klar wird, dass die ersten beiden Frauen, die er kennengelernt hat, tot sind, glaubt man, dass es beim weiteren Hören der dritten Frau ebenso ergehen wird. Mit einem geschickten Täuschungsmanöver macht Mishani aber aus der angeblich ehemüden und liebeshungrigen Ella eine taffe Kriminalpolizistin, die Gil letztlich durch Festnahme seinem wahren Platz im Leben zuführt. Wenn die Handlung gegen Ende auch ein wenig banal wirkt und etwas grobgeschnitzt im Vergleich zur Erzählhaltung der ersten beiden Teile – und von daher die Begeisterung der Rezensenten für das Buch nicht immer ganz nachvollziehbar ist –, so kann man dem Stoff und seiner Umsetzung durchaus Unterhaltungsqualitäten, literarisch intarsiert, zusprechen.

Die Alltagsrealität einer so quirligen, kosmopolitischen und partiell sozial degradierten Stadt wie Tel Aviv in der Klanggestaltung einschließlich der leicht grundierenden musikalischen Untermalung wird weitgehend reduziert gehalten. Zweifellos wird dies eine bewusste Entscheidung von Redaktion und Regie gewesen sein, eine allzu realistische Umsetzung hätte eine weitere Banalisierung des Stoffs begünstigen können.

Mit einer sorgfältigen Besetzung der Hauptrollen – als Orna Judith Rosmair, als Emilia Judith Engel, als Ella Meike Droste, als Erzähler Torben Kessler und als Gil, besonders überzeugend, Matthias Brandt – unterstützt die erfahrene Bearbeiterin und Regisseurin Irene Schuck ihr Inszenierungskonzept. Alles in allem hat diese Hörspielproduktion durchaus ihre Qualitäten. Aber man hätte auch etwas ganz anderes machen können, etwas Eigenständiges, Solitäres. Unter Verzicht auf das geschickte Verlagsmarketing.

27.12.2020 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

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