Dominique Manotti: Ausbruch. 2‑teiliges Kriminalhörspiel (SWR 2/NDR Info)

Die linksintellektuelle Zeit

06.12.2019 •

Mit Ausklang der 68er-Bewegung entwickelten sich in Deutschland wie in Italien militante linke Organisationen. In Deutschland war das die „Rote Armee Fraktion“ (RAF), in Italien handelte es sich um verschiedene Gruppen, die unter dem Sammelbegriff „Rote Brigaden“ bekannt wurden. Die „Brigate Rosse“, so der italienische Name, verübten Anfang der 70er Jahre Anschläge auf das Eigentum missliebiger Führungsfiguren aus Politik und Wirtschaft, also auf Autos oder Gebäude, nicht aber auf die Personen selbst. Nach wenigen Jahren änderte sich das, der Terror nahm zu, man begann zusätzlich mit ‘kleinen’ Entführungen, die jeweils mit der Freilassung der Geiseln endeten. Ab Mitte der 70er Jahre radikalisierten sich Teile der Bewegung, mit gezielten Attentaten wurden zahlreiche Personen ermordet. In den 80er Jahren verloren die Gruppen durch Spaltungen, Festnahmen, Todesfälle und ob ihrer Gewalttaten wegfallende Sympathien immer mehr an Kraft. 1987 wurde der bewaffnete Kampf für beendet erklärt.

Bei der französischen Linken, die in den 70er Jahren im eigenen Land keinen nennenswerten Terrorismus erlebte, wurden die extremistischen Aktionen in den Nachbarländern teilweise mit gewissen Sympathien verfolgt, weniger für den Terrorismus als vielmehr für das Motiv und den „Freiheitskampf“ (Kritiker sprechen von einer „Romantisierung“). Pariser Intellektuelle, darunter Jean-Paul Sartre und Michel Foucault, unterzeichneten beispielsweise 1973 einen Aufruf gegen die „Isolationsfolter“ der RAF-Häftlinge in Deutschland. Sartre besuchte 1974 Andreas Baader, einen der RAF-Gründer, im Gefängnis in Stuttgart-Stammheim.

Erst 1977, nach dem Mord am deutschen Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer, distanzierte sich beispielsweise die linke französische Zeitung „Libération“ erstmals eindeutig vom RAF-Terrorismus. Trotzdem wurde die Auslieferung des nach Frankreich geflohenen RAF-Anwalts Klaus Croissant nur zögerlich realisiert und von zahlreichen Protesten begleitet; man fürchtete eine Faschisierung und eine Aushebelung der Bürgerrechte in Deutschland. So gehörte beispielsweise auch der spätere Staatspräsident François Mitterrand 1976 zu den Gründern des „Französischen Komitees für freie Meinungsäußerung und gegen Berufsverbote in der BRD“.

Im Italien der 80er Jahre hatte zumeist Sozialistenchef Bettino Craxi das Sagen, der schon damals vielen im Land als die Personifizierung von Korruption und Kriminalität erschien und später, um langjährigen Haftstrafen zu entgehen, die Jahre bis zu seinem Tod im Exil in Tunesien verbrachte. Für den „Freiheitskampf“ der italienischen Gruppen gab es in Frankreich ebenfalls viele Sympathien, die trotz der mit zahlreichen Attentaten und Morden einhergehenden Radikalisierung bis in die 80er Jahre anhielten. Unter der Linksregierung Mitterrands wurden noch 1981 die Bürgerrechte gestärkt und die Todesstrafe abgeschafft.

Als die Franzosen dann ab 1982 mit der „Korsischen Nationalen Befreiungsfront“ die Terroraktionen im eigenen Land zu spüren bekamen, änderte sich das öffentliche Klima im Land. Die Sicherheitsbestimmungen wurden massiv verschärft, spezielle Stellen zur Terrorismusbekämpfung wurden aufgebaut, Polizei und Geheimdienste erhielten weitreichende Befugnisse. Hatte man früher kaum nach linken politischen Exilanten gesucht oder ihnen gar „Flüchtlingsstatus“ zugebilligt und sie dementsprechend auch nicht ausgeliefert, so tat man dies jetzt immer häufiger, vor allem ab 1986, seit der Konservative Jacques Chirac zum Premierminister gewählt worden war. Für Exil-Linke aus Italien, die bis dahin in Frankreich kaum von Verfolgung bedroht waren, wurde der Boden plötzlich heiß.

Und hier, 1987, gerade in dieser Umbruchphase, setzt das zweiteilige Hörspiel „Ausbruch“ der französischen ‘Krimi-Noir’-Autorin Dominique Manotti ein. Während allerdings der zugrunde liegende Roman umfangsbedingt die historisch-politische Situation hinreichend beleuchten kann, muss sich das im Auftrag von SWR und NDR produzierte Hörspiel mit vielen kleinen Hinweisen begnügen. Ohne zusätzliche Recherchen vermag der Hörer lediglich dem Plot als solches zu folgen, ohne die dahinterliegenden Beweggründe wirklich zu verstehen.

Filippo, ein junger italienischer Kleinkrimineller, findet im Knast einen Mentor namens Carlo. Der zählt zur Führungsriege der Roten Brigaden. Als Carlo ausbricht, hängt Filippo sich spontan an ihn dran und gelangt tatsächlich in Freiheit. Dort trennen sich beider Wege: Während Carlo an einem Banküberfall teilnimmt (und dabei umkommt, wie sich später herausstellt, denn man hatte ihm eine Falle gestellt), folgt Filippo Carlos Rat, Italien zu verlassen, und schafft es über Mailand bis nach Paris zu einer Politsympathisantin, die ihn in ein erträgliches Auskommen weitervermittelt.

Teils aus Langeweile, teils um seiner attraktiven Vermieterin zu imponieren, schreibt Filippo seine und die Geschichte von Carlos nieder, hält sich dabei allerdings keineswegs an die Fakten, sondern stellt sich selbst als tollen Hecht und Carlo als gewaltbereiten Gangster statt als linksintellektuellen Freiheitskämpfer dar. Über Szenekontakte gelangt der Entwurf für das Buch zu einem Verleger, der Filippo mit Anweisungen spickt und ihn darin bestärkt, es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen.

Filippos Roman wird ein Riesenerfolg. Der Autor avanciert zum gefeierten Star und realisiert dabei weder die politische Dimension seines Handelns noch den Umstand, dass er dadurch zwischen die Fronten der verschiedenen Interessengruppen gerät: Die schockierten Genossen wollen seine Lügen aufdecken, der italienische Geheimdienst reibt sich die Hände und zementiert die Unwahrheiten mit einem falschen Zeugen und die französische Öffentlichkeit diskutiert die Auslieferung der Exilanten nach Italien. Filippos Naivität kostet ihn schließlich das Leben.

Die 1942 in Paris geborene Autorin Dominique Manotti, Sorbonne-Absolventin, Spezialistin für Wirtschaftsgeschichte und sieben Jahre lang Gewerkschaftssekretärin in Paris, begann erst spät mit der Schriftstellerei. Ihr Debütroman „Sombre Sentier“ (deutsch: „Hartes Pflaster“) wurde 1995 in Frankreich als „Krimi des Jahres“ geehrt. Für ihren 2006 erschienenen Roman „Lorraine connection“ (deutsch: „Letzte Schicht“) erhielt sie 2011 den Deutschen Krimipreis. „L’évasion“ ist ihr neunter Roman, wurde 2013 in Frankreich veröffentlicht und 2014 in Deutschland unter dem Titel „Ausbruch“ veröffentlicht. Die vorliegende Hörspielbearbeitung sei, so kündigten es SWR und NDR an, der Auftakt für eine Manotti-Reihe mit überwiegend neuen Produktionen.

Im Roman wie im Hörspiel „Der Ausbruch“ gelingt die Verbindung von schwarzem Politkrimi und Satire mit dem Literaturbetrieb ganz wunderbar. Die Atmosphäre in den linksintellektuellen Kreisen im Paris der damaligen Zeit erscheint greifbar. Mechthild Großmanns markante Stimme ist für die Erzählerin eine Bestbesetzung, Christian Redl lebt den Carlo regelrecht und Giovanni Funiati überzeugt als Filippo, um nur einige Darsteller hervorzuheben. Regisseur Ulrich Lampen, der auch die Funkbearbeitung übernahm, führt den Hörer ohne jegliche Hektik oder Effekthascherei gut verständlich durch das Geschehen und schafft es in den beiden rund 55-minütigen Teilen scheinbar mühelos, den Spannungsbogen unauffällig zu jeder Zeit aufrechtzuerhalten.

Dialoge und Rückblenden sind über Erzählpassagen so gut angebunden, dass keinerlei Irritationen aufkommen. Geräusche und musikalische Untermalung werden durchweg dezent eingesetzt und lediglich als Bestandteile der Atmosphäre wahrgenommen. Hier macht sich die Handschrift des SWR bemerkbar, der – vor allem durch das Wirken des langjährigen Hörspielleiters und Regisseurs Hermann Naber – über die Jahrzehnte für das kriminalistische Erzählhörspiel eine Tradition aufgebaut hat, deren aktuelle Weiterführung mit Freude anzuhören ist.

06.12.2019 – Andreas Matzdorf/MK

Print-Ausgabe 6-7/2020

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