Dietrich Brants: Corona bedingt – psychosoziale Symptome einer Krise (HR 2 Kultur)

Reflexionen über die große Bedrohung

14.03.2021 •

Seit mehr als einem Jahr verbreitet sich das Corona-Virus auf der ganzen Welt. Mit Bezug zur Pandemie wurden der Weltgesundheitsorganisation WHO (World Health Organization) mittlerweile 116.874.912 Infektionen und 2.597.381 Tote gemeldet (beides Stand 10.3.21). Wie gehen die Menschen mit der allgegenwärtigen Gesundheitsgefahr um, wie reagieren sie auf die Verluste durch die sogenannte Übersterblichkeit? Wie verändern sich ganze Gesellschaften, wenn ein unsichtbarer Virus zu neuen Verhaltensweisen im Alltag führt? Anders gefragt: Welche Auswirkungen werden durch Corona abseits der Gesundheitsgefahren hervorgerufen?

An solchen Fragestellungen arbeitet sich das Hörstück „Corona bedingt – psychosoziale Symptome einer Krise“ von Dietrich Brants ab. Brants studierte Philosophie, Soziologie und Kommunikationswissenschaften, ist seit den 1990er Jahren Feature-Autor und Moderator im Hörfunk und seit 2011 beim Radioprogramm SWR 2 Redaktionsleiter ‘Aktuelle Kultur’. Das Stück „Corona bedingt – psychosoziale Symptome einer Krise“ ist eine Produktion des Hessischen Rundfunks und wurde in dessen Radioprogramm HR 2 Kultur Ende Januar als einstündiges Hörspiel im Slot „The Artist’s Corner“ urgesendet. Es handelt sich bei dem von HR 2 Kultur ausgestrahlten Stück um die ersten drei Teile des gleichnamigen Podcasts. Diese Langversion umfasst als Hörserie insgesamt 33 Episoden und ist in der ARD-Audiothek und auf der Website von HR 2 Kultur zu finden.

Das ganze Projekt stellt auf gewisse Weise einen Sonderfall unter den Corona-Tagebüchern dar. Es beschreibt die Zeit einer 14-tägigen Quarantäne (sowie eines Zusatztages als Epilog) zu Beginn der Pandemie in Deutschland an einem Freitag im März 2020. Dietrich Brants ist zwar sowohl Autor und Sprecher (und gemeinsam mit der Regisseurin Iris Drögekamp für die Realisation des Projekts verantwortlich), er ist aber mit dem aus der Isolation heraus erzählenden Ich nicht unbedingt deckungsgleich. Dennoch spielt das Stück mit der Ähnlichkeit zwischen Brants und dem Erzähler. Jede Episode beinhaltet ein Intro, in dem es heißt: „Ich bin Dietrich Brants. Entstanden ist dieses Hörstück auf meiner Terrasse. 14 Tage lang mit Blick auf denselben Waldrand.“ Damit wird freilich bei genauerem Hinhören vor allem die Aufnahmesituation beschrieben. Die einzelnen Episoden wurden an besagtem Ort als „Single Shots“ versprecherfrei und in ruhigem Tonfall aufgenommen, inklusive der mal mehr und mal weniger meditativen Umgebungsgeräusche.

Im Intro sind der Beschreibung der Entstehungsumstände noch verschiedene Aussagen vorangestellt wie „Ungewissheit ist das stärkste Symptom der Krise“. Mit Ungewissheit hat auch der Ich-Erzähler zu kämpfen, denn er hat einige der üblichen Symptome für eine Corona-Infektion, befindet sich in Quarantäne und wird trotzdem nicht getestet. Er gehört damit zur „Dunkelziffer“ der potenziell Infizierten. In der entindividualisierenden Bezeichnung macht er ein „Fallzahlen-Deutsch“ aus, das mit Fortschreiten der Pandemie immer mehr um sich greife. Er sieht die Ungewissheit als direkte Folge des Mangels an Testkapazitäten und als Zeichen einer ganzen „Epoche der Eventualität“. Da Knappheit eine konstante Größe in dieser Pandemie ist, taucht sie auch im weiteren Verlauf des Hörspiels immer wieder auf.

Das Hörstück pendelt zwischen der Beschreibung der persönlichen Situation des Erzählers und dessen reflektierenden Betrachtungen des veränderten gesellschaftlichen Gefüges. Es beschreibt die Quarantänezeit und die Zeit des ersten Lockdowns unter philosophischen, psychologischen und sozialen Aspekten. Brants stellt den zunehmenden Zwang zu einer „digitalen Beglaubigung der Gefühle“ fest und sieht im Demonstrieren von Handlungsfähigkeit ein psycho-soziales Symptom der Krise.

Die ersten drei Teile der 33 Folgen ergeben zusammen ein in sich abgeschlossenes Hörspiel, das den ersten Quarantänetag abhandelt. Nach dem Hören sind Neugier und Interesse geweckt am Fortgang des Corona-Tagebuchs und der Reflexionen des Autors mit seinem erfrischenden Hang zu Gedankensprüngen, also wird reingehört in einige der Podcast-Folgen. In Folge 15 zum Beispiel leitet die Inventur der Speisekammer des Erzählers dessen Gedanken auf die weltweite Knappheit an Masken, die er einem Mangel an Gesundheitsvorsorge für die Bevölkerung zuschreibt. In Folge 24 werden der hohe gesellschaftliche Wert der Arbeit und damit das Arbeitsethos in Frage gestellt und die Sehnsucht nach der Vorkrisen-Normalität wird als Lobpreisung des Bestehenden enttarnt. Was sich im Epilog abspielt, soll an dieser Stelle nicht verraten werden, nur so viel: Auch hier wird wieder das Leitmotiv der Ungewissheit aufgegriffen.

„Corona bedingt – psychosoziale Symptome einer Krise“ ist ein geistreiches und niemals langweiliges Monologhörspiel, das sich abseits der zahlenbasierten Betrachtung ernsthaft mit der großen gesundheitlichen Bedrohung für den einzelnen Menschen und die gesamte Menschheit auseinandersetzt und versucht, die Wechselbeziehungen verhärteter gesellschaftlicher Fronten aufzuzeigen. Die Episoden klingen jeweils mit aktueller Musik unter anderem von Drake, Tocotronic, Trettmann und UFO 361 aus. Das ist alles sehr hörenswert.

14.03.2021 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 7/2021

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