Dietmar Dath: Maryam. Kein Nachruf für euch (Bayern 2)

Biografie einer einzigartigen Frau

02.10.2019 •

Etwas sperrig gibt sich der Titel des 1970 im badischen Rheinfelden geborenen Journalisten, Prosa-Autors und Übersetzers Dietmar Dath, der gerne als „hyperaktiver Autor“ bezeichnet wird, auch als „Gedanken- und Textgenerator, dem Denkgrenzen nichts gelten“, und dem attestiert wird, „die Möglichkeiten des Sprechens“ zu erforschen – eine Begabung, die für das akustische Medium prädestiniert zu sein scheint. In der Tat ist Dath auf vielen Feldern und in unterschiedlichen Publikationsformen tätig. Meist gilt seine Aufmerksamkeit weniger bekannten, aber äußerst interessanten Themen und Phänomenen.

Diesmal steht im Fokus seines neuen Hörspiels Maryam Mirzakhani, eine hochdekorierte und hochspezialisierte Mathematikerin, die auf dem Gebiet der hyperbolischen Geometrie Hervorragendes geleistet hat. Geboren wurde sie 1977 in Teheran. Schon in jungen Jahren wurde sie mit einer Professur an der Universität Stanford (Kalifornien) betraut. Für den mathematischen Laien ist diese nicht-euklydische Geometrie eine unfassbar komplexe und nur für wenige Fachwissenschaftler nachvollziehbare Disziplin. Für ihre Forschungen auf diesem Gebiet bekam Maryam Mirzakhani als erste und bislang einzige Frau die Fields-Medaille verliehen – ein akademischer Ritterschlag, ehrenvoll wie der Nobelpreis, wenn auch nicht so hoch dotiert. Im Übrigen war sie bisher die einzige Person aus dem Iran, die jemals mit dieser von allen führenden Mathematikern begehrten Auszeichnung geehrt wurde. 2015 wurde sie in die American Philosophical Society gewählt. 2017, gerade einmal 40-jährig, erlag sie in Stanford einer Krebserkrankung.

Das Leben dieser einzigartigen Frau birgt in sich schon Stoff genug für eine dokumentarische Sendung. Dietmar Dath begnügt sich damit jedoch nicht. Ihn interessiert nicht die Aufzählung biografischer Details, sondern die Metaebene. Er zeigt dies im fiktionalen Teil seines Textes. Hier schildert er den Zwiespalt einer (fiktiven) Journalistin zwischen der täglichen Faktenwiedergabe und ihrer eigentlichen Neigung – dem poetischen, lyrischen Schreiben. Dies ist, nebenbei gesagt, eine Dichotomie, die auf einen autobiografischen Bezug zum Autor hinweist. Auch Dietmar Dath bewegt sich zwischen faktenorientiertem Journalismus, vornehmlich auf wissenschaftlichem Gebiet, versteht sich aber auch als Romanautor, selbst wenn er die Romanform für einen „Allesfresser“ hält. Er schreibe, so sagt er, Texte, die „nicht davon handeln, wie es ist, sondern davon, wie es hoffentlich nie sein wird“.

In dem 63-minütigen Hörspiel, das sich dem epischen Duktus des Romans verschließt, ist für Endzeitphantasien wenig Platz. So sind denn Leben und Tod der persischen Mathematikerin im Grunde nur Katapult für die Handlungsebene, auf der die Journalistin ständig an die Grenzen des für sie Erträglichen stößt. Allerdings erweist sich diese Metaebene bald als gefährlich glatt. Denn da, wo der Text in seinem wissenschaftlichen Teilbereich mit einer ausgesuchten Sprechweise aufwartet, gleitet er in den journalistischen Szenen erstaunlich schnell und häufig ab ins Banale.

Als „lyrisch-epiphanisch“ wird der Prosastil der von Sophia Kennedy gesprochenen Journalistin namens Samira bezeichnet. Sicher kommt das Abrutschen ins Banale nicht von Ungefähr – dazu ist Dietmar Dath ein viel zu erfahrener Autor –, aber eine weniger auffällige Gemengelage hätte dem literarischen Niveau insgesamt gutgetan. Man hätte dann auch auf tönende, letztlich aber wenig besagende Phrasen verzichten können – wie etwa: „Du schaust im Denken und denkst im Schauen.“ Ja was, so denkt man sich, hat es denn mit diesem Denken nun wirklich auf sich?

Für die Inszenierung von „Maryam. Kein Nachruf für euch“ – eine Koproduktion von Bayerischem Rundfunk (BR) und Norddeutschem Rundfunk (NDR) – wurde mit Henri Hüster ein noch junger Regisseur gewonnen. Er wurde 1989 in Berlin geboren und war bislang vor allem im Theaterbereich tätig. Allerdings hat er 2018 für den BR bereits das Hörspiel „Final Girls“ von Gerhild Steinbuch inszeniert und sich dabei mit dem akustischen Medium, mit dessen Besonderheiten und Möglichkeiten beschäftigt. Musikalische ‘Stimmungsträger’ gelingen suggestiv, wenn auch gelegentlich die Loops – also klangliche Wiederholungen – recht breit und vordergründig angelegt sind.

Die Theatererfahrung erkennt man jedoch daran, wie dieser junge Regisseur den Schauspieler Jens Harzer zu führen weiß. Sowohl Hüster als auch der Protagonist loten das sarkastische und lakonische Potenzial des Textes aus, treiben dessen gelegentliche Überspitztheiten bewusst voran und überspielen manche didaktische Überfliegereien, ohne das intellektuelle Vermögen des Stücks zu beschädigen. Das macht „Maryam. Kein Nachruf für euch“ hörenswert.

02.10.2019 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK