Die Wahrheit kommt ans Licht: Axel‑Eggebrecht‑Preis 2016 für die Feature‑Autorin Margot Overath

19.09.2016 •

Im Nachhinein erscheint ihr jener Moment als besonders bedeutsam, in dem ein Staatsanwalt nach ein paar Fragen drohte, ihr Aufnahmegerät zu beschlagnahmen, und sie aus dem Gericht warf. Der Staatsanwalt war damals Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Dessau (Sachsen-Anhalt) und Anklagevertreter im Fall Oury Jalloh. Am 7. Januar 2005 war Jalloh, an Händen und Füßen gefesselt, in einer raumhoch gekachelten Polizeizelle bei lebendigem Leibe verbrannt. Seitdem hat dieser Fall die investigative Journalistin und Radiofeature-Autorin Margot Overath nicht mehr losgelassen. Am 30. August wurde die 1947 in Krefeld geborene Autorin für ihr Gesamtwerk mit dem mit 10.000 Euro dotierten Axel-Eggebrecht-Preis der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig ausgezeichnet.

Margot Overaths beharrliche Recherchen haben dazu beigetragen, dass nach ihrem mehrfach ausgezeichneten Feature „Verbrannt in Polizeizelle Nummer 5“ (MDR/NDR/Deutschlandfunk) aus dem Jahr 2010 der Fall neu untersucht wurde und auch das ebenfalls mehrfach ausgezeichnete zweite Feature zu diesem Fall „Oury Jalloh – Die widersprüchlichen Wahrheiten eines Todesfalls“ (MDR/NDR/WDR 2014) warf ein neues Licht auf das Verfahren.

Die Sprache des Radios

Es ist ein Verfahren, das immer noch nicht abgeschlossen wurde und bei dem man den Eindruck haben kann, dass die Staatsanwaltschaft Dessau hier vorsätzlich das Vertrauen in den Rechtsstaat beschädigen will. Denn dass im Fall Oury Jalloh „verheimlicht, vertuscht und verdrängt“ worden ist, „so dass an eine Aufklärung kaum zu denken ist“, monierte selbst der Vorsitzende Richter des ersten Prozesses.

Margot Overath wird, getreu ihrem Motto „Die Wahrheit kommt ans Licht“, an dem Fall dranbleiben und ihre bisher schon sieben Jahre währende Langzeitrecherche fortführen. Eine Recherche, die ihr als freier Autorin niemand bezahlt. „Das Preisgeld ist sehr wichtig“, sagte sie deshalb im Gespräch mit Moderator Thomas Bille, der durch die Preisverleihung auf dem Leipziger Mediencampus führte und ansonsten für Hörfunk und Fernsehen des MDR arbeitet.

Richard Goll, der Vorsitzende der aus Jens Jarisch, Linde Rotta, Ulrike Toma und Aldo Gardini bestehenden Gremiums, begründete im Gespräch mit Bille die Jury-Entscheidung und würdigte die hohe Perfektion in der Beherrschung der Sprache des Radios, die Margot Overaths Werke von denen der Dokumentaristen im aktuellen Bereich unterscheide. Außerdem wurde ein fünfeinhalbminütiges Fernsehporträt aus dem Kulturmagazin „Artour“ des Dritten Programms MDR Fernsehen vorgeführt, das angenehmerweise nicht jedes Bild gleich zutextete, dem aber zur Bebilderung des Radios nur eine sich drehende Tonbandspule einfiel.

Die erste Fernsehdokumentation

Gelernt hat Margot Overath ihr Metier beim Jugendfunk von Radio Bremen. Als ihr 1984 eine Liste von Jugendlichen in die Hände fiel, die vom Bremer Verfassungsschutz beobachtet wurden, entstand daraus ihr erstes Stück: „Der Coup“. Seitdem hat sie mehr als 40 Features für verschiedene Radioprogramme der ARD gemacht – oft Koproduktionen, was ihre aufwändige Recherchearbeit erst ermöglicht. Entstanden sind dabei unter anderem die Geschichte „Auf der Flucht – Wie der junge Koudjo aus Togo doch noch in Deutschland Asyl bekam (Deutschlandradio Berlin/Radio Bremen 1996) und „Das Geheimnis – Eine polnisch-deutsche Familiengeschichte (SFB/ORB/WDR/SWR/Radio Bremen 2002).

Wegen ihres Talents, Interviews zu führen und Sachen herauszubekommen, die andere nicht herausbekommen, fiel Margot Overath dem Hamburger Institut für Sozialforschung auf, bei dem die ausgebildete Betriebswirtin und studierte Sozialwissenschaftlerin zwischenzeitlich an einem Projekt zur Terrorgruppe Rote Armee Fraktion (RAF) arbeitete. 1985 erstellte sie ein Feature über den RAF-Aussteiger Peter-Jürgen Boock und 20 Jahre später eines über die RAF-Mitbegründerin Gudrun Ensslin. Es vergehe kaum eine Woche, in der ihr nicht ein neues Projekt angeboten werde, verriet Overath im Geplauder mit Thomas Bille, der gleich noch wissen wollte, ob sie denn möglicherweise wisse, wer aus der RAF den Deutsche-Bank-Vorstandssprecher Alfred Herrhausen ermordet habe. Dies war allerdings eine Frage, die auch der Eggebrecht-Preisträger des Jahres 2014, Paul Kohl, nicht hatte beantworten können – und der hatte immerhin ein Feature zu genau dieser Frage gemacht.

Derzeit arbeitet Margot Overath an ihrer ersten langen Fernsehdokumentation. In dem Film wird es um den Tod von Benno Ohnesorg gehen. Der Tag, an dem er gewaltsam starb, jährt sich im Jahr 2017 zum 50. Mal: Ohnesorg war am 2. Juni 1967 von dem Polizisten und Stasi-Spitzel Karlheinz Kurras erschossen worden – ein Thema, das sie schon 2002 und 2012 fürs Radio bearbeitet hat. Margot Overath hat eben einen langen Atem und kriegt auch Sachen raus, die die Justiz manchmal allzu gerne unter Verschluss halten würde.  –jm/MK–

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Preisverleihung der sehr kurzen Art

Statt der angepeilten 45 Minuten war die Verleihung des Axel-Eggebrecht-Preises an Margot Overath mit nur 35 Minuten die kürzeste Preisverleihung in der Geschichte eines Preises, der immerhin für das Gesamtwerk eines das Genre Feature prägenden Autors vergeben wird. Dass es bei der diesjährigen Veranstaltung nicht einmal eine ordentliche Laudatio gab, war gegenüber der Preisträgerin auch nicht eben respektvoll. Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR), der nicht zuletzt federführender Produzent der beiden Oury-Jalloh-Features von Margot Overath war und der die Veranstaltung in den vergangenen vier Jahren immer aufgezeichnet hatte, um sie später im Programm seiner Hörfunkkulturwelle auszustrahlen, schickte diesmal auch keinen Ü-Wagen mehr. Reduktion hier wie dort. So blieb mehr Zeit für das im Anschluss stattfindende Sommerfest der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig auf dem Mediencampus am Poetenweg...

19.09.2016 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 23/2020

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