Die SWR-Produktion „90° 0‘ 0‘‘ S“ ist Hörspiel des Monats Juni

29.07.2019 •

Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste hat das Stück „90° 0‘ 0‘‘ S“ von Maren Kames (Autorin), Milena Kipfmüller (Regie, Funkeinrichtung) und Claus Janek (Musik) zum Hörspiel des Monats Juni gewählt. Es handelt sich bei dem Hörspiel um eine Autorenproduktion mit dem Südwestrundfunk (Dramaturgie: Manfred Hess); mitwirkende Schauspieler sind Marina Frenk, Thomas Bading und Thorsten Schlopsnis. Die Ursendung des 52-minütigen Stücks erfolgte am 27. Juni um 22.03 Uhr im Programm SWR 2 (vgl. MK-Kritik). Zur Begründung ihrer Entscheidung schreibt die Jury der Akademie:

«Emotionalisierend, melangierend, introspektiv – das Hörspiel „90° 0‘ 0‘‘ S“ überrascht durch ungewöhnliche Produktionsbedingungen und ragt mit seiner gelungenen Mischung von Klang, Text und Musik heraus. In experimenteller Weise durchdringen sich diese Darstellungsgenres auf kunstvolle Weise. Das Hörspiel schildert eine fiktive Reise zur Antarktis, in die Kälte, Einsamkeit und Weite; eine Reise, die einer freiwilligen Selbstentäußerung gleichkommt.

Die drei Künstler Maren Kames (Autorin), Milena Kipfmüller (Regisseurin) und Claus Janek (Komponist) erhielten mit Unterstützung des SWR-Realisationsteams die Möglichkeit, in einer abgeschlossenen Produktionsatmosphäre in gleichberechtigter Arbeitsweise eine außergewöhnliche Kunstform zu schaffen. Herausragende Verfremdungseffekte, das Changieren verschiedener Ebenen, insbesondere auch auf einer künstlerischen Metaebene, fördern eine neue, inspirierende Sicht auf die Welten. Wichtige Komponenten von Maren Kames’ Inszenierungsmethode – sich fremdmachen, den Blick weit stellen, die Dinge neu wahrnehmen – führen dazu, dass Hörerinnen und Hörer neugierig in die Erzählung eintauchen, sich ihr bedingungslos ausliefern und schließlich distanzlos in ihr aufgehen. Ein elementarer Baustein dabei ist Maren Kames’ aufsehenerregender Gedichtband „halb Taube halb Pfau“.

„90° 0‘ 0‘‘ S“ bewegt sich in einem unabgeschlossenen Zeitfluss, zwischen dem lyrischen Ich und konkreten geografischen Orten. Es entwickelt eine enorme Spannweite und evoziert bizarre Ideen und spontane Assoziationen, die eine konventionelle Handlung überflüssig zu machen scheinen. Das Hörspiel lässt den Sätzen Raum, zu wirken, und pendelt so zwischen der Weite der erzählten Kopf-Landschaft und den unwirtlichen Bedingungen der realen Antarktis – schmale, scharfe Grenzen in unwägbarem Weiß. Es arbeitet mit ungewöhnlichen, poetischen Metaphern: Momente in fein ziselierter Sprache, genaue Beobachtungen von authentischen Begebenheiten in der südpolaren Fremde. Eindringliche Motive von Einsamkeit und Kälte lassen sich hier erstaunlicherweise als Möglichkeit von Freiheit verstehen.

Claus Janeks Soundscapes, Klangstrukturen und Imitationen menschlicher Lautäußerung verstärken die lyrische Ebene des Stücks. Seine Klangpoesie tritt manchmal schillernd in den Vordergrund, um sich dann aber sofort wieder unterzuordnen und den Fluss des Hörspiels mittels ihrer hochartifiziellen Eigenständigkeit wirkungsvoll zu unterstützen. Janeks Kompositionen zeichnen sich aus durch originelle Klangästhetik und dichte Atmosphärengestaltung – Eigenschaften, die das Hörspiel auch ohne direktes Verstehen der Worte zu einem spannenden Erlebnis werden lassen.»

29.07.2019 – MK