Die Staatsräte. Hörspiel nach dem gleichnamigen Buch von Helmut Lethen (SWR 2)

Elitegestütztes Schattenreich

29.05.2019 •

Berühmt wurde der Germanist Helmut Lethen nicht zuletzt durch seine Untersuchungen zur Weimarer Literaturgeschichte. Seine Expertise „Neue Sachlichkeit 1924-1932. Studien zur Literatur des ‘Weißen Sozialismus’“ (1970) gehört immer noch zum Standardwerk über die literarische Entwicklung Deutschlands im Spannungsfeld zwischen Kaiserreich und Diktatur.

Jetzt hat Lethen neuerlich eine grandiose Untersuchung (gespickt mit dokumentarischem und fiktionalem Material) über eine ausgewählte Elite im nationalsozialistischen Deutschland vorgelegt, der Titel: „Die Staatsräte. Elite im Dritten Reich: Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch, Schmitt“ (Rowohlt-Verlag 2018). Alle vier Herren wurden unter Görings Gnaden mit dem Titel „Preußischer Staatsrat“ geadelt. Dieser Staatsrat war zunächst ein eher dekoratives Gremium, das politisch zwar zur Bedeutungslosigkeit verurteilt war, aber im Selbstverständnis der Nazi-Herrschaft vor allem der Selbstinszenierung zu dienen hatte.

In dieser aufgeschäumten „Versammlung von Günstlingen“ (Lethen) treffen und aalen sich real und fiktiv das Theatergenie Gustaf Gründgens (1899-1963), der Star-Chirurg Ferdinand Sauerbruch (1875-1951), der gewissenlose NS-Staatsrechtler Carl Schmitt (1888-1985) und Wilhelm Furtwängler (1886-1954), der Hitler-Günstling und Maestro an der Berliner Staatsoper. Lethen hat in seiner Untersuchung über diese sehr spezielle Elite im Dritten Reich deren Verflechtung und Mitverantwortung im Terrorregime umfassend, akribisch und meisterhaft nachgewiesen und eine Fülle von Materialien und tagespolitischen Zusammenhängen nachgeliefert, wie sie in dieser Verschränkung und solchem Beziehungsreichtum bislang noch nicht zu Papier gebracht wurde. Die eingestreuten fiktiven „Geistergespräche“ nähern sich dabei dem Elend und der Verwahrlosung der deutschen Intellektuellen während der NS-Diktatur mit satirischem Biss und schonungsloser Bloßstellung.

Bemerkenswert ist dabei auch der Aufriss der sogenannten „Mittwochsgesellschaft“, bei der zum Beispiel Ferdinand Sauerbruch Entwicklungen zum politischen Widerstand zwar nicht entscheidend beförderte, wohl aber gewähren ließ. Lethen resümiert: „Furtwängler, Gründgens, Schmitt und Sauerbruch waren jünger als die Mehrheit der Mitglieder in der Mittwochsgesellschaft. Ihr Handlungsfeld war nicht vorrangig der Wettbewerb der Disziplinen in der Universität. Sie waren Solitäre ihrer Zunft, Exzentriker in jedem Fall, standen in teils permanenter, teils gelegentlicher Tuchfühlung zu Entscheidungsträgern des Nationalsozialismus. Alle vier hatten einen hohen Unterhaltungswert im Dritten Reich. Nach dem Krieg zehrten sie von der Behauptung ihrer Unschuld.“ Beklagen mag der Leser der genial komponierten Werkstatt über NS-Eliten allenfalls, dass die Untersuchung nicht 40 oder 50 Jahre früher erschienen ist.

SWR-Kulturredakteur Frank Hertweck und SWR-Chefdramaturg Manfred Hess haben jetzt als Bearbeiter vor allem jene fiktiven Gesprächsrunden aus Lethens Buch unter die Hörspiellupe genommen, die uns diese korrumpierten Gestalten der deutschen Zeitgeschichte als verführbare Intellektuelle im Geiste der NS-Ideologie vorführt. Sie schwadronieren ihre „Etüden der Scham“ bei gleichzeitiger Feier des Horst-Wessel-Lieds und Professor Sauerbruch kann rückblickend auch seine Senfgasexperimente an KZ-Häftlingen „schamfrei“ billigend einordnen. Der Staatsrechtler Carl Schmitt doziert über die neue Apologie eines Freund-Feind-Bildes und resümiert: „Feind ist, wer in einer konkreten Situation durch sein Anderssein die eigene Existenz bedroht. Die Bestimmung des Feindes enthält darum im Ernstfall immer auch die Möglichkeit seiner physischen Tötung.“

Das Hörspiel (anders als die facettenreiche Vorlage) bewegt sich in seiner Gesamtlänge von 50 Sendeminuten fast ausschließlich in der deklamatorischen Selbstreferenz auf ein diabolisches und elitegestütztes deutsches Schattenreich, in dem die Ideologie der Tötung, Gewalt und Vernichtung schlimme Urständ feiert (der Aspekt der Mittwochsgesellschaft bleibt ausgeklammert) und Mephisto sich auf die Schenkel zu klopfen scheint. Jens Wawrczeck, Patrick Güldenberg, Christian Redl und Werner Wölbern sind in die Rollen der „Preußischen Staatsräte“ als böse und satanische Wichte geschlüpft, wobei der Hörer sicher eine stärkere Unterscheidung der stimmlichen Tingierungen gewünscht hätte.

Patrick Güldenberg zum Beispiel (nichts gegen die Stimme des Künstlers!) will das Imitat der Gründgens-Stimme nicht recht gelingen. Da ist zu viel des Guten draufgesetzt, wobei Lethen doch bereits berichtet hat: „Man sagt ja, Gründgens könne mit seiner Stimme peitschen und Messer schleifen und dann wieder miauen wie ein Kätzchen.“ Genau das fehlte aber in der Produktion. Und ob es wirklich klug war und der Verständigung mit dem Hörer diente, Tonband-Rückschleifen einzubauen, die möglicherweise (und eher mühsam) verschiedene Zeitebenen andeuten sollten, das steht weiter zur kritischen Befragung an.

Bis auf diese kleinen Ausrutscher ist mit „Die Staatsräte“ aber ein spannendes Hörspiel entstanden, das den Intentionen Helmut Lethens über weite Strecken gerecht wurde. Die zwei Bearbeiter Frank Hertweck und Manfred Hess sind gleichzeitig die beiden Regisseure der SWR-Produktion. Ganz nebenbei, aber nicht unbedingt zufällig erinnert die Hörspieladaption „Die Staatsräte“ an die Produktion „Hammerstein oder Der Eigensinn“, einem 2008 von Radio Bremen und SWR realisierten Hörspiel nach einem Buch von Hans Magnus Enzensberger (vgl. FK-Kritik). Hier ging es um Kurt von Hammerstein-Equord (1878-1943), der als Chef der deutschen Heeresleitung im Dezember 1933 von sich aus demissionierte, weil er in intellektueller Opposition zu Hitler und dessen verbrecherischer Ideologie stand.

29.05.2019 – Christian Hörburger/MK