Deutschlandfunk-Produktion „Die Toten haben zu tun“ zum Hörspiel des Monats Januar gewählt

07.02.2020 •

Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste hat das Stück „Die Toten haben zu tun“ von Mudar Alhaggi und Wael Kadour zum Hörspiel des Monats Januar gewählt. Die Produktion entstand unter der Regie von Erik Altorfer für den Deutschlandfunk, der das Hörspiel am 18. Januar von 20.05 bis 21.30 Uhr in seinem Programm ursendete. Die Redaktion für das Stück hatte beim Deutschlandfunk Sabine Küchler (Komposition: Martin Schütz). Zur Begründung ihrer Entscheidung schreibt die Jury der Akademie:

«„Versuch kein Held zu sein, wenn du schwach bist!“ Das ist nur einer der vielen klugen Sätze, die einem aus dem Hörspiel „Die Toten haben zu tun“ von Mudar Alhaggi und Wael Kadour im Gedächtnis bleiben. Das Hörspiel des Monats Januar 2020 verbindet ästhetische Qualität und gesellschaftliche Relevanz auf einem beeindruckend hohen Niveau. Solche multiperspektivischen Stücke, basierend auf Erfahrungen, möchte man hören!

Das vom Deutschlandfunk produzierte Originalhörspiel, das von Larissa Bender aus dem Arabischen übersetzt wurde, lässt diejenigen selbst zu Wort kommen, die in Deutschland und Europa derzeit meist nur Objekt von Debatten sind: Wie ihr Protagonist Taha leben auch die beiden aus Syrien stammenden Autoren in Berlin und Paris im politischen Exil. Eindringlich und sehr sensibel erzählen sie in ihrem Hörspiel die Geschichte der besonderen Freundschaft zwischen dem Syrer Taha und der Deutschen Mira. Hierbei tritt Mira zunächst als die vermeintlich Starke auf, die dem auf den ersten Blick hilflos erscheinenden Flüchtling hilft. Die Freundschaft entwickelt sich jedoch zunehmend zu einer Beziehung auf Augenhöhe und die anfängliche Rollenverteilung stellt sich als trügerisch heraus.

Arabische Welt

Taha spricht über die politische Repression in seinem Herkunftsland und seine Trauer über das Scheitern des demokratischen Aufbruchs in der arabischen Welt, an dem er aktiv beteiligt war. Dadurch tritt der Protagonist aus der Rolle des Opfers heraus und begegnet uns als handelndes Subjekt. Beeindruckend ist auch Tahas bei aller Melancholie entwaffnend ironischer Umgang mit der Exilsituation: Er berichtet davon, dass er seine Zeit zwischen Behördengängen und Trauern aufteilen muss, „so dass ich weder aktiv noch depressiv sein konnte… Ich wurde ein Flüchtling.“ Das Hörspiel thematisiert jedoch nicht nur die Traumata der Überlebenden und deren Schuldgefühle gegenüber den Toten, es hinterfragt auch feinsinnig die Kategorien von Heldentum und Feigheit, Stärke und Schwäche – um nur einige der anspruchsvollen Diskurse zu nennen, die das Stück aufmacht.

Um die traurige und sehr emotionale Geschichte von Taha und Mira zu erzählen, verweben die Autoren Mudar Alhaggi und Wael Kadour unterschiedliche stilistische Formen von Reportage über Tagebuchnotizen bis hin zum Puppentheater, das Taha im libanesischen Flüchtlingslager spielte und aus dem sich im Stück eine „Geschichte in der Geschichte“ ergibt. Dies ist nur ein wunderbares Beispiel für die formalen Qualitäten, die den Text und seine Inszenierung insgesamt auszeichnen.

Mit den Sprechern Rami Khalaf, Yvon Jansen und Sebastian Rudolph und unter der Regie von Erik Altorfer entfaltet sich das Stück auf hohem sprecherischem Niveau. Hier ist besonders hervorzuheben, dass auch der arabische Originaltext im Stück hörbar wird. Dies ist ein besonders gelungener Regie-Einfall, da er den im Stück angelegten Perspektivwechsel unterstützt: Für kurze Momente während dieses Hörspiels befindet sich zur Abwechslung einmal das deutschsprachige Radiopublikum in der Situation der Fremdheit und Desorientierung, die für Menschen auf der Flucht zum Alltag gehört. Durch den genau dosierten Einsatz von Stimm-Effekten für jede Szene eröffnet die Regie zudem einen neuen imaginären Raum. Das ermöglicht eine sinnliche Hörerfahrung, ohne in forcierten Realismus zu verfallen. Der leitmotivische Einsatz der von Martin Schütz komponierten Originalmusik sowie die beherzte Verwendung der Stereofonie stellen die Zerrissenheit der Figuren auf plausible, aber dennoch unaufdringliche Weise heraus.»

Für den von der Deutschen Akademie der Darstellende Künste seit 1977 veranstalteten Wettbewerb ‘Hörspiel des Monats’ gibt es turnusgemäß zu Beginn des Jahres eine neue Jury. Sie wird am Ende aus den zwölf Hörspielen des Monats auch das ‘Hörspiel des Jahres’ wählen. Gastgebender Sender für die Jury-Sitzungen ist 2020 der Bayerische Rundfunk (BR) in München. Der Jury gehören in diesem Jahr die folgenden drei Mitglieder an: Lisa-Katharina Förster (Programmreferentin in der Monacensia im Hildebrandhaus in München), Gerald Fiebig (Audiokünstler, Lyriker und Leiter des Kulturhauses „Abraxas“ der Stadt Augsburg) und Anna Steinbauer (Kulturjournalistin, Autorin, Redakteurin; sie lebt in München und Wien). Zum Wettbewerb „Hörspiel des Monats“ können die neun ARD-Landesrundfunkanstalten, das Deutschlandradio, der Österreichische Rundfunk (ORF) und der Schweizer Rundfunk SRF je ein im entsprechenden Monat urgesendetes Stück einreichen.

07.02.2020 – MK