„Der Hölderlin isch et verruckt gwä“ Höreindrücke beim SWR aus Anlass des 250. Geburtstags von Friedrich Hölderlin

31.03.2020 •

Das ganze Jahr feiern und zelebrieren wollte Tübingen, wollten Baden-Württemberg, seine Schulen und die Gebildeten der Republik den 250. Geburtstag von Friedrich Hölderlin (1770-1843), dem Giganten der Sprache, dem immer wieder durch Politik und Propaganda missbrauchten Genie aus der schwäbischen Provinz, dem Wanderer zwischen Priesterwort und hymnischer Verzückung. Ihm zu Ehren hat die Stadt Tübingen den berühmten Hölderlinturm am Neckar und das dazugehörige Museum mit einem finanziellen Aufwand von rund 2,5 Mio Euro jüngst renovieren und mit einem multimedialen Zugang zum Gefeierten herrichten lassen, die Besucher, die da gewesen sind, waren voll des Lobes. Doch nun hat auch hier die Coronakrise bis auf Weiteres die Aktivitäten gestoppt, das gesellschaftliche und kulturelle Leben liegt lahm.

Nicht nur die Stadt Tübingen wollte das Jubiläum feiern, mit ihr wollte das ebenfalls das Deutsche Literaturarchiv in Marbach, auch Lauffen am Neckar, wo Hölderlin am 20. März 1770 geboren wurde, wollte dabei sein wie auch Nürtingen, mütterlicher Zufluchtsort für Friedrich von 1774 bis 1784. 650 Ausstellungen, Lesungen und Performances wurden europaweit für dieses Jahr angekündigt – vorerst liegt praktisch alles auf Eis und es bleibt abzuwarten, was von alldem übrigbleibt, welche Hölderlin-Veranstaltungen dann künftig, nach der Corona-bedingten Pause, wahrgenommen werden können. So bleibt hier für den Moment wie in den meisten anderen Bereichen auch nur die mediale Rezeption. Und da spielt der Südwestrundfunk (SWR) eine ganz wesentliche Rolle.

In Zeiten von Corona: Mediale Rezeption

Selbstverständlich weiß der SWR, wissen Hörfunk und Fernsehen gleichermaßen um die kulturelle Verpflichtung in Sachen Hölderlin und haben sich in das Erinnerungs- und Festgeschehen in Wort und Bild unüberhör- und unübersehbar eingeklinkt. Im engeren Umfeld des schwäbisch-badischen Senders dürften mehr als 50 Sendeplätze zu Ehren Hölderlins auf Hörer und Fernsehzuschauer zu veranschlagen sein. Das Dritte Programm SWR Fernsehen hat vier Sendetermine angekündigt mit oder aus der Feder von Rüdiger Safranski, Hedwig Schmutte, Frank Hertweck und Rolf Lambert. Absoluter Spitzenreiter in Sachen Hölderlin-Kultur ist allerdings das ganze Jahr hindurch das Radioprogramm SWR 2. Hier ist bei „SWR 2 am Samstagnachmittag“ zumindest wöchentlich ein Sendeplatz für die Auseinandersetzung mit Hölderlins Dichtkunst eingerichtet („Ein Gedicht und seine Geschichte: Hölderlins lyrische Landschaften – Eine poetische Ortsbegehung in 12 Kapiteln“).

Für die nächsten Wochen also wird in Sachen Hölderlin-Jubiläum das, was der Südwestrundfunk in all seinen Medien bietet, gewissermaßen noch wichtiger. Schon in den zurückliegenden Wochen wurde einiges geboten. Im Folgenden einige Höreindrücke aus bisherigen Sendungen in den SWR-Radioprogrammen aus Anlass des 250. Geburtstags von Friedrich Hölderlin.

Am 10. März diskutierten auf dem Sendeplatz „SWR 2 Forum“ (von 17.05 bis 17.50 Uhr) Michael Krüger, Marion Poschmann und Rüdiger Safranski über das Dichtermotto „Und wozu Dichter in dürftiger Zeit“; in „Fortsetzung folgt“ verschaffte Ifflandring-Träger Jens Harzer den Zugang zu schwerer Kost, er zelebrierte „Hyperion oder Der Eremit in Griechenland“ (20. Februar bis 20. März). Hörspielreprisen gab es mit „Scardanelli“ nach dem gleichnamigen Film von Harald Bergmann (12. März) und der „Hyperion“-Adaption von Kai Grehn. Die beiden letztgenannten Produktionen stammen aus dem Jahr 2004.

Eine radikal-poetische Nachwanderung

Auf zwei neue Hörspieleinlassungen zu Hölderlin sei hier gesondert eingegangen. Der Kulturwissenschaftler Thomas Knubben veröffentlichte 2011 eine bemerkenswerte Reisestudie: „Hölderlin. Eine Winterreise“ (Verlag Klöpfer & Meyer). Knubben ist den beschwerlichen Fußweg, den Hölderlin im Winter 1801/1802 von Schwaben nach Bordeaux genommen hat, Schritt für Schritt nachgegangen und hat auf dieser radikal-poetischen Nachwanderung der fatalen Krise des Dichters und seiner unglückseligen Liebe zu Susette Gontard in wunderbar authentischen Impressionen nachgespürt. Schon die Buchvorlage, der Detailreichtum und die Ausstrahlung der Knubben-Diktion ist ein kleines literarisches Ereignis. Für SWR 4 Baden-Württemberg hat Thomas Hagenauer den „modernen“ Reisebericht auf dem sonntäglichen Mundartsendeplatz eingerichtet (Regie: Andrea Leclerque, ausgestrahlt am 8. März) und es war vor allem Bernd Tauber, der durch feine, gemutmaßte Hölderlin-Tingierung dem Hörstück Kraft und Spannung verlieh und die tragische Krisenreise des dichtenden Hofmeisters auf dem Weg nach Bordeaux mit ansprechender Souveränität zu meistern wusste.

Auch in der am 15. März bei SWR 4 Baden-Württemberg nachfolgenden Studie „Hölderlin schüttelt mich“ – sie folgte der biografischen Skizze „Friedrich Hölderlins Leben, Dichtung und Wahnsinn“ (1827) von Wilhelm Waiblinger (1804-1830) – sprach Bernd Tauber den allmählich entrückten Turm-Dichter vom Neckar. Uta-Maria Heim hat die Hörspieleinrichtung vorgenommen, wobei der älblerisch näselnde Frederik Bott als Hausfreund Wilhelm Waiblinger (dieser war zunächst in Heilbronn beheimatet und dürfte mit Sicherheit keinen Münsinger Akzent gesprochen haben!) tolerante Ohren einforderte. Allerdings entschädigte kluges Spiel von Clemens Haas am Hammerklavier für diese vermeidbare Unstimmigkeit.

„Hölderland“: Miniaturen und Arabesken

Auf die „SWR 2 Musikstunde“ (2. bis 6. März) in der redaktionellen Verantwortung von Katharina Eickhoff sei besonders verwiesen. Es gelang ihr, kunst- und anspruchsvoll auf das literarische und musikalische Erbe zu verweisen, das Hölderlin durch über zwei Jahrhunderte auszulösen vermochte. Mühelos wusste sie an den fünf Radiomorgen (9.05 bis 10.00 Uhr), dabei „dem labilen Dichter hart auf den Fersen“, den oft elegischen Grundton Hölderlins mit der musikalischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts um Heinz Holliger, Victor Ullmann oder Walter Braunfels zu verschwistern. Obwohl bescheiden „Musikstunde“ genannt – mit dem angepassten Schwerpunkttitel „Hölderland“ –, schaffte es Katharina Eickhoff (wie schon so oft), auch diesen komplexen Kulturkosmos durch ihre sprachlich geschliffenen Miniaturen und unprätentiösen Arabesken auf für den Hörer höchst lehrreiche und angenehme Art und Weise zu durchdringen: fast immer ein Zuhörgenuss!

Im Evangelischen Stift in Tübingen schloss Hölderlin, der Enthusiast der Revolution in Frankreich, Freundschaft mit Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775-1854), Schiller und Goethe freilich verkannten letztlich den Dichter aus Schwaben und schenkten ihm nur spröde und unverbindliche Aufmerksamkeit. Draußen, in Nachbarschaft zum Stift, am Hölderlinturm, der dem entrückten Dichter von 1807 bis zu seinem Tod 1843 zur betreuten Herberge unter der Obhut eines Schreinermeisters werden sollte, wetterleuchtet noch immer ein Graffiti aus anonymer Hand: „Der Hölderlin isch et verruckt gwä“ – eine durchaus zwiespältige These, die sich der französische Germanist Pierre Bertaux (1907-1986) mit kämpferischer Unbedingtheit in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu eigen machte. Es gibt noch viel Stoff für die Auseinandersetzung mit Friedrich Hölderlin – und in Zeiten von Corona (und auch noch danach) kann man dank des breiten SWR-Angebots medial daran teilnehmen. Im Internet auf der Website des Senders gibt es eine Programmübersicht.

31.03.2020 – Christian Hörburger/MK

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