David Zane Mairowitz: Volmunster (RBB Kultur)

Neonazis den Strom abdrehen

30.12.2019 •

Volmunster war ein unscheinbares Dorf in den Vogesen mit etwas über 800 Einwohnern, im Département Moselle gelegen, nahe Sarreguemines mit seinem schönen handbemalten Porzellan und nahe der Grenze zum Saarland. Es hätte auch immer so bleiben können. Doch dann geschah es, dass Volmunster zum Pilgerort einer höchst unerwünschten Gruppe von Leuten wurde, deren Zahl Jahr für Jahr rasant wuchs. Es waren von Deutschen organisierte Rechtsrock-Konzerte, die den kleinen Ort zum Anlaufpunkt für Verehrer des Nazi-Regimes aus ganz Europa machten. Im April 2018 entdeckte die örtliche französische Polizei in der Nähe von Volmunster einen Gedenkstein zu Ehren einer Einheit der Waffen-SS. Diese Tafel, so der zuständige Staatsanwalt, habe sich auf dem Terrain eines Deutschen befunden und sei noch am selben Tag entfernt worden.

David Zane Mairowitz, 1943 in New York geboren, lebt seit vielen Jahren in Frankreich und in Berlin und ist von dort aus international als Autor und Regisseur tätig. Häufig greift er in seinen Theaterstücken und Hörspielen auf authentisches Ausgangsmaterial zurück, wie zum Beispiel in seinem Hörspiel „Hornissengedächtnis“, das vom Österreichischen Rundfunk (ORF) und Schweizer Rundfunk (SRF) produziert wurde. 2016 war es als Einreichung des SRF beim Wettbewerb um den Hörspielpreis der Kriegsblinden dabei.

In seinem vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) produzierten Hörspiel „Volmunster“ folgt Mairowitz einem ähnlichen Schema. Er greift für die in dem Stück erzählte Geschichte auf Berichte der regionalen und internationalen Presse zum Thema Neonazis zurück, Berichte, die in sich bereits genügend Sprengstoff tragen. Einem Autor mit dem Kunstanspruch von Mairowitz reicht dies jedoch nicht aus, um das Myzel von Hass und Herrenmenschenanspruch unter die Lupe zu nehmen, auf dem der Rechtsradikalismus links und rechts des Rheins hervorkriecht. Mairowitz verbreitert das Spektrum durch die von ihm erfundene Geschichte um einen Bürgermeister der Gemeinde, dessen Frau und einen afrikanischen Asylsuchenden. Was sich anhören könnte wie ein banales Dreiecksgeschichtlein, ist in Wahrheit eine Konstellation, an der Komplikationen und Konsequenzen kommunalpolitischer Gegebenheiten dargestellt werden.

Didier Muret (Andreas Nicki), der Bürgermeister der Gemeinde und ein bei den Einwohnern von Volmunster beliebter Mann, ist mit einer hübschen jungen Frau verheiratet, die er (und alle finden das nett) wegen ihrer blonden Haare „Strohköpfchen“ nennt. Er duldet die Neonazis nicht nur, sondern unterstützt sie aktiv. Immerhin muss er dann sein Amt wegen Korruptionsvorwürfen vorerst niederlegen. Um auf der Wartebank bis zu den nächsten Wahlen auszuharren, schlägt er dem Gemeinderat sein „Strohköpfchen“ als Nachfolgerin vor. In einer so kleinen Gemeinde könnte dies ja durchaus klappen. Und so ist es auch.

Aber – viele spannende Details im Stück von Mairowitz zeigen dies – die Rechnung wurde mit der Falschen gemacht. Die junge Ehefrau (Lea Draeger) mutiert binnen kürzester Zeit zu einer erstaunlich kenntnisreichen Kommunalpolitikerin und – was wichtiger ist – zu einem Menschen mit all der Zivilcourage, die es braucht, um sich dem neubraunen Gesindel zu widersetzen. Dass dabei ein afrikanischer Asylsuchender (Bortey Wendler) eine Rolle spielt, könnte als Theatereffekt verstanden werden. Es ist aber auch ein dramaturgisches Element, das die Konturen der Geschichte verschärft.

Etwas zu viel Patina wird dem jungen Bürgermeisterehepaar aufgetragen. Die Frau kann mehr – so zeigt sich –, als man ihr zugetraut hätte. Der Mann ist letzten Endes ein Weichei, das seine Frau auf großsprecherische Art zwar recht gernhat, aber nicht Manns genug ist, den Neonazis die Stirn zu bieten und etwas gegen sie zu unternehmen. Stattdessen nimmt er gerne mehr als ein paar Euro an, mit denen sie sein Stillhalten erkaufen. Dass die junge Bürgermeisterin selbst jüdischer Herkunft ist und ihren früheren Namen Maruschkele Maskowski anlässlich der Heirat mit Didier in Marie-France Muret geändert hat – dieser Verdeutlichung hätte es wohl kaum bedurft. Alles ist plausibel konstruiert, aber vielleicht wäre etwas weniger doch mehr gewesen.

Als Regisseur zieht David Zane Mairowitz in dem Hörspiel alle Register. Die Besetzung stimmt, das Tempo läuft idyllisch-gemäßigt an, treibt dann voran und endet schließlich in einer Kakophonie, die den Hörer in ihren Bann zieht. Die Musik von Kai-Uwe Kohlschmidt unterstützt das Grausen, das die gewaltsame Beschallung durch Neonazi-Band beim Hörer des Stücks erzielt. Umgekehrt ist es für die rechte Szene wohl so, dass dieses proletenhafte, ins Unerträgliche gesteigerte Kreischen einen dumpfen Sog entwickelt, der manche trüben Geister noch mehr eintrübt. Es bleibt dem erfahrenen Autor nur in klassischer Manier ein Deus ex machina: Jemand stellt den Strom ab. Die Brüller krächzen nach Strom. Aber es bleibt still.

30.12.2019 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 13-14/2020

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