David Zane Mairowitz: Ich kaufte den Ferrari von Juan und Evita Peron (WDR Radio 5)

Grotesk überhöht

03.07.1998 •

Der 1943 in New York geborene, seit über 30 Jahren in Europa, derzeit in Avignon lebende David Zane Mairowitz ist mit seinen zahlreichen und mehrfach ausgezeichneten Hörspielen in den Programmen vieler europäischer Rundfunkanstalten präsent. ‘Kosmopolitisch’ sind auch die Themen seiner Arbeiten: Die besten gestalteten in kritischer Deutung historische und aktuell-politische Stoffe wie zum Beispiel den Alltag des Vichy-Regimes in „Die Engelmacherin“, die kriminellen Energien westlicher ‘Kolonisatoren’ in postsozialistischen Ostblockländern in „Prawdastraße“ oder die fiktionalisierte Geschichte der ehemaligen RAF-Terroristin Astrid Proll in „Silent Wings“. Dass sich politische Kritik an aberwitzig-monströsen Machtpraktiken diktatorischer Regime auch in einer Groteske vermitteln läßt, zeigte der Autor in seinem Hörspiel „Diktatorweib“ (WDR 1994). Formmittel der Groteske setzt Mairowitz auch in seinem jüngsten Hörspiel „Ich kaufte den Ferrari von Juan und Evita Peron“ ein, einer WDR/SFB-Koproduktion in der Regie Klaus Mehrländers.

Der Büromuffel Merce benötigt ein neues Auto, im Verkaufssalon fällt sein Auge auf einen schwarzgoldenen Ferrari 212 Ghia – das Auto, das einmal Juan und Evita Peron gehört hat. Merce fasst den völlig irrationalen Entschluss, dieses Auto zu kaufen, er erliegt dem zum Fetisch heruntergekommenen Mythos. Und er wird buchstäblich zum Gefangenen dieses original restaurierten Coupés; er nimmt ein Darlehen auf, verpfändet für den Rest seines Lebens Gehälter und Renten, gibt seine Wohnung auf, holt aus Kostengründen die Mutter aus dem Altersheim und lebt mit ihr Tag und Nacht in Perons Auto – zum Duschen fährt er in die Autowaschanlage.

Der „Traum von einem Auto jenseits der Vernunft“ wird zum Alptraum, im Auto sitzen immer noch Perons und Evitas „Geister“: brutal hingerichtete Opfer der peronistischen Diktatur klagen an; Evitas überfahrener Pudel, für den eine Totenmesse gelesen wurde, kläfft im Kofferraum; aus dem Autoradio ertönt Perons „Lieblingstango“. Schließlich muß Merce vor seinen Gläubigern in demselben Auto fliehen wie einst Peron in Argentinien vor den putschenden Militärs. Als Merce schon aufgeben will, setzt sich seine des Fahrens unkundige Mutter ans Steuer, um die letzte Grenze zu überschreiten: Sie will in diesem Traum von einem Auto und nicht im Altersheim sterben...

Die Lesart als Parabel über jegliche Arten der Fetischisierung von Mythen bis zu Dinghaftem bietet sich an – aber wie von Perons Auto nur noch die Motorseriennummer ‘original’ ist, so depraviert der Fetischcharakter jede Authentizität. Das Hörspiel teilt diese Erkenntnis in kleiner Münze aus und der Regisseur hat die Schraube der akustischen Möglichkeiten der Übertreibungen nicht überdreht, ja, Klaus Mehrländer hat eher eine leise Komödie mit melancholischen Untertönen realisiert – plausibel und exakt im Detail wie im Ganzen. Trotzdem blitzt in den Dialogen vor allem zwischen Merce (Hans-Georg Panczak) und der Mutter (unverwüstlich komisch Tilly Lauenstein) das Bösartige als Normalzustand desaströser Mutter-Sohn-Beziehungen auf. Zum Lachen reizt diese Groteske nicht, wohl aber zum Nachdenken über die Abgründigkeiten in dieser vordergründig ‘leichten’ Komödie.

• Text aus Heft 27-28/1998 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

03.07.1998 – Norbert Schachtsiek-Freitag/FK

Print-Ausgabe 24/2019

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