David Zane Mairowitz: Der wollüstige Tango (HR 2)

Leidenschaftlich in Musik und Wort

08.01.1999 •

Feurig sind sie, grenzenlos in ihrem Verlangen und fixiert auf absolute Erfüllung ihrer Wünsche. Entsprechend hoch sind die Erwartungen, die Filippo Tommaso Marinetti (1876-1944) wie auch Isadora Duncan (1878-1978) auf das Stelldichein in deren Haus setzen. Diese Erwartungen jedoch weichen voneinander ab, denn Marinetti sucht nichts als die „Wollust bei Tisch“, sieht in seinen wahrlich ausgefallenen Rezepten den Höhepunkt von Sinnlichkeit und Verführung. Isadora Duncan dagegen wünscht ihn sich zwecks Befruchtung in ihr Wasserbett, das „gefüllt mit Regenwasser und spanischem Flieder“ auch nicht gerade alltäglich ist.

David Zane Mairowitz führt zwei authentische Figuren, die trotz oder wegen der Intensität ihrer Erlebniswelt gegensätzlicher kaum sein könnten, in einer fiktiven Begegnung zusammen. Nicht nur die unterschiedlichen Begierden führen zu einem wechselvollen Abend zwischen Distanz und Nähe, bald schimmern auch unterschiedliche Charakterfacetten durch das Spiel der Verführungskünste hindurch, bald werden hier der Rationalist, Antiromantiker und Sympathisant des Mussolini-Faschismus und dort die emotionale, nach der Einheit von Körper, Geist und Seele suchende Tänzerin und Tanzlehrerin erkennbar.

In puncto Emphase und Pathos jedoch stehen sie sich in nichts nach und so finden die beiden Figuren zu einer geschlossenen Einheit mit dem Gesamtkonzept dieses Radio-Musicals. Dessen formaler Rahmen wird insbesondere durch Motive aus Bizets „Carmen“ vorgegeben, die Dominic Muldowney für das Hörspiel ideenreich variiert hat. Auf spielerische Weise spiegelt diese Musik ein großes Spektrum der Leidenschaften wider und bildet zugleich das Fundament für das humorvolle und vielfältige Wechselspiel zwischen gesungenem und gesprochenem Wort des australischen Sängers Lyndon Terracini und von Dagmar Casses. Es scheint, als ließen sich die beiden Protagonisten von der Musik ebenso hinreißen, wie die Musik von deren Flirt, in den sich der Chor mit den Stimmen von Bernhard Hirtreiter, Hans Hitzeroth, Simon Berg und Rafael Sigling vorsichtig einmischt.

Auf Einladung des Hessischen Rundfunks (HR) präsentiert das Produktionsteam von „Der wollüstige Tango“, das mit der ursprüngliche Fassung für die BBC bereits erfolgreich war (Prix Italia 1997 in der Kategorie „Hörspiel“), dem hiesigen Publikum eine deutschsprachige Version, die vor Spiellaune nur so sprüht und viel Hörvergnügen bereitet. Problemlos gelingt Ned Chaillet in seiner Inszenierung nicht nur die Verquickung von Elementen mehrerer Sprachen; auch die sparsam eingesetzten O-Töne von Mussolini fügen sich in die opernhafte Struktur ein und bereits die Geräuschfolie hat etwas von einer Delikatesse.

• Text aus Heft Nr. 1/1999 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

08.01.1999 – Götz Schmedes/FK

` `