David Zane Mairowitz: Der Agonietroll (MDR Figaro)

Traurige Rückblende

24.06.2005 •

Ein Mann begibt sich in die Hände eines Heilers. Seit Jahren plagen den Mann Schmerzen. Der Heiler versucht es mit Massage, Gymnastik und Akupunktur. Er kann nichts ausrichten, denn der Mann leidet unter Phantomschmerzen. Eine Nadel in seinem Fuß wird zum Auslöser der Erinnerung an seine unglückliche Kindheit. Ohne es zu wollen, sprudelt es aus ihm heraus, ein Erlebnis aus seiner Kindheit, das jenen scheinbar unheilbaren Schmerz in ihm ausgelöst hat. Er ist gerade elf Jahre alt. Sein Vater ist ein aggressiver Trunkenbold, der nichts für seinen Sohn übrig hat. Die geliebte Mutter ist in ihrer eigenen Welt versunken, denn schon seit Jahren leidet sie an unerträglichen Schmerzen im Kopf. Es ist der Agonietroll, der ihr Übel verursacht. Er erträgt keinen Lärm, nicht einmal das kleinste Geräusch. „Wenn er mich auch nur atmen hört“, erzählt der Mann dem Heiler, „schlägt er zu.“ Die erschöpfte Liebe der Mutter beschränkt sich auf Anweisungen, ihr nicht zu nahe zu kommen.

An jenem Tag, an den sich der Mann erinnert, hat der Agonietroll seine Mutter schlimmer denn je in seinen Klauen. Mit Hilfe diverser Pillen versucht sie, dem Schmerz zu entfliehen. Verloren in ihrer Qual erkennt sie den Sohn kaum noch, der Schmerz und die Wundermittel haben aus ihr ein Gespenst gemacht, das apathisch und der Realität entrückt auf dem Bett liegt. Der Junge als Zeuge ihres Leidens will ihr helfen und flüchtet in eine Fantasiewelt. Darin wird er zu ihrem Retter. Gemeinsam begeben sie sich auf eine Reise zum erhabenen Magier, die sie durch den Leidenstrollwald und die Qualenwüste führt. Der Magier soll ihr den Schmerz nehmen.

Mit überbordender Fantasie denkt sich der Autor David Zane Mairowitz in die Lage eines vernachlässigten Kindes und erfindet mit ihm Geschichten, die ihm die Liebe der Mutter zurückgeben sollen. Der längste Teil der Geschichte wird erzählt, nicht szenisch dargestellt. Martin Reinke als Erzähler ist eine ideale Besetzung für diesen literarischen Text. Die Dialogszenen mit dem Erzähler als Kind (Frowin Wolter) und dessen Mutter, gesprochen von Bärbel Röhl, hat Regisseur Götz Fritsch sehr sparsam inszeniert, ebenso die Dialoge des älteren Mannes mit dem Heiler (Uwe Kroschwald). Zurückhaltung zeigt Fritsch auch im Umgang mit der Musik von Peter Zwetkoff. Dabei handelt es sich mehr um Klänge und Geräusche, die Fritsch wohldosiert unter den Text legt.

Es ist ein trauriges Stück. Die Einsamkeit des Jungen bzw. Erzählers wird beim Hören beinahe physisch spürbar. Das Durchdringen verschiedener Zeitebenen zieht den Hörer in die Geschichte hinein, der Text des Mannes wird zu dem des Jungen und umgekehrt. Auch akustisch überlappen sich die verschiedenen Ebenen, wenn der Erzähler spricht und man darunter beispielsweise das Atmen der Mutter hört. Eine gelungene Inszenierung eines nicht ganz einfachen Stoffes.

• Text aus Heft Nr. 25/2005 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

24.06.2005 – Caroline Walburg/FK

` `