David Lindemann: Freak Volk (Deutschlandfunk Kultur)

Virusepidemie oder Massenhysterie?

23.05.2020 •

Das Hörspiel „Freak Volk“ wurde schon im Herbst vorigen Jahres von Deutschlandfunk Kultur produziert. Das gewählte Thema aber erweist sich trotz des langen Zeitraums von der Fertigstellung bis zur Ursendung Mitte März dieses Jahres als außerordentlich aktuell: Eine mutmaßliche Virusinfektion durch den Biss einer verwilderten Katze führt zu einer weitreichenden Epidemie.

Von der im Hörspiel behandelten Epidemie, so erfährt man in der einem Talkshow-Ausschnitt nachempfundenen Eröffnungsszene, wird die gesamte sogenannte neue Rechte dahingerafft. Aber ist es wirklich ein Virus, an dem diese Leute sterben? Die Soziologin Dr. Anke-Tine Verhörn, eine der Hauptfiguren des Stücks, bezweifelt das und spricht metaphorisch von einer „Autoimmunreaktion“, man könnte auch den Begriff Massenhysterie nehmen.

Während das seit Wochen und Monaten als reale Pandemie grassierende neuartige Coronavirus eine unbestreitbare Tatsache ist, bewegt sich der Tollwuterreger im Hörspiel auf einer mysteriösen Zwischenstufe von Sein und Nicht-Sein. Das gilt – im positiven Sinn – beinahe für die gesamte Welt, die Autor und Regisseur David Lindemann für sein 56-minütiges Stück konstruiert hat.

Die politische Landkarte von „Freak Volk“ veranschaulicht das. Die Handlungsorte sind eine namenlose Universitätsstadt in den „Vereinigten Staaten von Europa“ sowie ein Dorf in dem von der europäischen Rechten wie eine Art selbstverwaltetes Reservat bewohnten größeren Landschaftsgürtel „Neuland“. Lindemann nimmt also Anleihen im Heute, verschiebt sein eigenes Konstrukt aber ein wenig in die Zukunft und soweit ins Absurde, dass eine kräftige Reibung zwischen Realität und Fiktion entsteht.

Die oben erwähnte Eröffnungsszene von „Freak Volk“ ist ein zeitlicher Vorgriff auf das Ende der im Stück dargestellten Ereigniskette, angesiedelt ein Jahr und fünf Wochen „nach dem Biss“. Szene für Szene wird daraufhin in chronologischer Folge aufgeschlüsselt, wie es zu der mutmaßlichen Epidemie kommen konnte. Dieses analytische Puzzlespiel setzt vier Wochen nach dem Biss ein.

Der Hörer begleitet die Privatdetektivin Lotte Weimer, die bei firmeninternen Ermittlungen für ihren Arbeitgeber, der im Neuland eine Supermarktkette betreibt, von einer verwilderten und wahrscheinlich tollwütigen Hauskatze gebissen wurde. Zunächst informiert sie sich über die Krankheit: Die Inkubationszeit beträgt fünf Wochen, die Wahrscheinlichkeit eines Krankheitsausbruchs liegt bei 50 Prozent, eine Therapiemöglichkeit gibt es dann nicht. Sicher helfen könnte eine nachholende Impfung nur, wenn sie innerhalb eines Tages nach der Infektion verabreicht wird.

Während der Ermittlung an einer Universität, die ihrem Arbeitgeber, gehört, einem auf allen möglichen Geschäftsfeldern tätigen Global Player, lernt Lotte Dr. Verhörn kennen und bandelt mit ihr an. Um mehr Gewissheit über eine eventuelle Infektion zu erlangen, fahren die beiden zusammen ins Neuland, wo das von Verhörn geleitete Universitätsinstitut eine Forschungsdatscha unterhält. Finden sie die Katze, bei der der Krankheitsverlauf schneller vonstatten geht, tot vor, hatte diese ziemlich sicher Tollwut. Wenn nicht, dann nicht.

Was Lotte entgeht: Sie ist längst zum Forschungsobjekt ihrer neuen Freundin Tine Verhörn geworden. Sie ist sogar mehr oder weniger unwissende Agentin in einem soziologischen Versuch, der letztlich darauf abzielt, bei den Rechten einen Stachel der Paranoia zu setzen, an dem sich die eingangs genannte „Autoimmunreaktion“ entzündet.

Ob das aber tatsächlich so ist? Eine zu starke Konzentration auf den ‘wirklichen’ Hergang der Ereignisse würde diesem großartigen Hörspiel nicht gerecht werden, ist doch ein wesentlicher Bestandteil seines Inhalts an einer Kritik der Wirklichkeit oder Faktizität orientiert. Geäußert wird diese ausdrücklich von Tine Verhörn, deren Motto lautet: „Once you agree to the concept of fact, you’ve already been fucked.“

Die Grundsatzfrage nach Virusepidemie oder Massenhysterie bleibt auch am Ende ungeklärt. Die Krankheit ist gleichzeitig nur imaginiert und real. So kann man die Radioarbeit „Freak Volk“ wohl als eine Verwandte von Schrödingers Katze bezeichnen, die in ihrer dunklen Kiste gleichzeitig tot und lebendig ist.

Sehr verspielt ist der Umgang Lindemanns mit Worten. Das Schaupielensemble (Nina Kunzendorf, Charlotte Müller, Johann Jürgens, Devid Striesow, Carl Hegemann, Barbara Gronau, Tina Pfurr) trägt mit seiner lebendigen Interpretation sein Übriges dazu bei. Der Titel des Hörspiels taucht gleich in mehreren Variationen im Text wieder auf. Eindrücklich (und dabei minimal variiert) zum Beispiel auch in der Genrebezeichnung des Musikstils einer im Geschehen vorkommenden Band: Freak Folk.

David Lindemanns Stück ist ein rundum gelungenes, und nicht zuletzt durch die selbst geschaffenen Schlupflöcher auch rundes Hörspiel. Es ist komisch und ernst, unterhaltend und politisch. Die Konstruiertheit darf man dem Stück nicht vorwerfen, sie ist gerade sein großes Plus.

23.05.2020 – Rafik Will/MK