Das SWR-Stück „Dankbarkeiten“ ist Hörspiel des Monats Juli

13.08.2021 •

Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste hat das Stück „Dankbarkeiten“, das auf dem gleichnamigen Roman von Delphine de Vigan basiert, zum Hörspiel des Monats Juli gewählt. Produziert wurde das Stück vom Südwestrundfunk, der das 80-minütige Hörspiel am 11. Juli um 18.20 Uhr in seinem Programm SWR 2 ausstrahlte.

Die 1966 in Paris geborene Schriftstellerin Delphine de Vigan wurde in Frankreich mehrfach ausgezeichnet. „Dankbarkeiten“ ist ihr jüngster Roman. Das Buch, in dem es um Würde und Empathie zwischen den Generationen geht, erschien in Frankreich 2019 unter dem Originaltitel „Les Gratitudes“. Die deutsche Fassung kam der Roman 2020 im Kölner Verlag DuMont heraus (Übersetzung aus dem Französischen: Doris Heinemann). Die Hörspielbearbeitung besorgte Irene Schuck, die bei dem Stück auch Regie führte; verantwortliche Redakteurin und Dramaturgin war Andrea Oetzmann (SWR). Zur Begründung ihrer Entscheidung, „Dankbarkeiten“ zum Hörspiel des Monats zu benennen, schreibt die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste:

«„Sagen Sie ihr, dass ich sie nicht stöbern will.“ Michka ist eine ältere Dame, die langsam ihre Sprache verliert. Der Verlust macht ihr Angst. Hedi Kriegeskotte, die berührende, großartige Sprecherin der Figur, schleust ihre Dysfunktionalitäten fast unmerklich ein. Es ist, als ob man gemeinsam eine neue Sprache lernen würde. Marie, Michkas frühere Nachbarin, ist für sie wie ihre Enkeltochter, die sie auf ihrem Weg begleitet. Als Michka nicht mehr alleine leben kann und ins Seniorenheim umzieht, trifft sie dort auf Jérôme, einen jungen Logopäden, der sich gerne und empathisch mit ihr auseinandersetzt und anfreundet. Er übt mit ihr und hilft ihr dabei, ein Ehepaar zu finden, das ihr in jungen Jahren das Leben gerettet hat.

Den schleichenden Zerfallsprozess der Sprache in den Mittelpunkt eines Hörspieles zu stellen, ist ein bestechend gutes Thema. Besonders wenn er so subtil und schlicht dargestellt wird, dass man sich beim Zuhören manchmal fragt, ob man sich jetzt verhört hat oder kurz unaufmerksam war. „Es hat sich in Muff aufgelöst“, sagt Michka. Beiläufig entwickeln sich neue Beziehungen zwischen den allesamt spannenden Figuren. Dabei jongliert Regisseurin Irene Schuck subtil und warm mit den Ängsten, Sehnsüchten, Limitationen und Ideen der Protagonisten. Feine musikalische Klänge und Strukturen kommen und gehen, ohne sich aufzudrängen. Dem Ende wohnt ein Anfang inne, der neugierig macht auf den weiteren Verlauf.»

Kein Originalhörspiel

Mit „Dankbarkeiten“ hat die Jury – wie zuletzt auch im Mai – kein Originalhörspiel zum Hörspiel des Monats gewählt, sondern eine Romanadaption. Im Mai war die für den Schweizer Rundfunk SRF realisierte Funkfassung von Gianna Molinaris Roman „Hier ist noch alles möglich“ Hörspiel des Monats (vgl. MK-Meldung).

Bemerkenswert an der Jury-Begründung bezüglich der Entscheidung für „Dankbarkeiten“ ist zudem der Satz: „Den schleichenden Zerfallsprozess der Sprache in den Mittelpunkt eines Hörspieles zu stellen, ist ein bestechend gutes Thema.“ Dies hört sich so an, als habe ein Autor die Idee gehabt, speziell für die Kunstform Hörspiel das Thema Sprache in den Mittelpunkt zu stellen, so dass hierzu tatsächlich ein Originalhörspiel entstanden wäre. In diesem Fall ist es hingegen so, dass die Idee für die künstlerische Behandlung dessen, was in dem Werk vorkommt, von einer Schriftstellerin stammt, der Französin Delphine de Vigan, die das Thema in einen Roman eingearbeitet (und nicht als Hörspiel entwickelt) hat. Hier den Aspekt der sprachlichen Thematik „in den Mittelpunkt eines Hörspiels zu stellen“, war dann möglicherweise eher die Idee der verantwortlichen Redakteurin für die Adaption des Romans oder auch der Bearbeiterin und Regisseurin des Stücks.

Erstaunlich aber auch, dass der SWR aus dem Fundus seiner monatlichen Produktionen ausgerechnet ein Nicht-Originalhörspiel für den Wettbewerb eingereicht hat (jeder der beteiligten Sender aus Deutschland, Österreich und der Schweiz kann pro Monat je ein Stück einreichen.) Nun mag es so sein, dass das Statut des Wettbewerbs eine derartige Einreichung ermöglicht. Dennoch ist der Kunstform Hörspiel, so man sie – wie etwa durch den Wettbewerb Hörspiel des Monats/Hörspiel des Jahres – fördern, wertschätzen und erhalten will, nicht damit gedient, wenn man den Fokus nicht auf das Originalhörspiel legt. Es erscheint jedenfalls wenig zielführend, wenn für den traditionsreichen Wettbewerb der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste auch Hörspiele eingereicht werden, die Adaptionen internationaler Romanbestseller sind – wie im Dezember 2020 geschehen, als der Bayerische Rundfunk (BR) den Vierteiler „Meine geniale Freundin“ einreichte, die Hörspielversion des ersten Teils von Elena Ferrantes neapolitanischer Saga (vgl. MK-Meldung).

13.08.2021 – da/MK

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