Das Hörspieljahr 2017 und die schwindende Anzahl von Originalhörspielen

Von Jochen Meißner

30.03.2018 • Juror Bernd Leukert war nicht gerade erfreut, als er am 24. Februar im Literaturhaus in Frankfurt am Main anlässlich der Verleihung der Auszeichnung ‘Hörspiels des Jahres’ seine Bilanz des Hörspieljahres 2017 vortrug: „Zunächst möchte ich ins Gedächtnis rufen, dass wir nicht aufgefordert waren, das absolut beste Hörspiel auszuzeichnen. Sondern wir waren gehalten, das Beste des von den ARD-Sendern Angebotenen, also des konkret Vorhandenen zu wählen. Es handelt sich also um das relativ Beste, sagen wir: das Bessere jedes Monats. Und ich will nicht verschweigen, dass es Monate gab, in denen wir lieber gar nichts gewählt hätten.“

Leukert, selbst Autor und Komponist, war wenig erbaut von der Jahresproduktion der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und beklagte die schwindende Anzahl an Originalhörspielen im Vergleich zu den zahlreichen Adaptionen von Theaterstücken, Spielfilmen, Gedichtbänden und Romanen. Er diagnostizierte „eine breite konservative Grundhaltung, die vor Flesch anzusiedeln“ wäre. Hans Flesch war 1924 der Autor des allerersten deutschen Hörspiels, der Rundfunkgroteske „Zauberei auf dem Sender“, die dem Radio seine eigene Melodie vorspielte und es so zum Tanzen brachte. „Wir hätten uns also gefreut über eine Arbeit, die in einem zeitgenössischen Sinne, das Hörspiel reflektierend, dessen Grenzen mit seinen spezifischen Möglichkeiten überschreitet“, so Leukert weiter.

John Burnside zum Hörspiel verführt

Es war dann ein Originalhörspiel, das die dreiköpfige Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste zum Hörspiel des Jahres 2017 wählte. Neben Bernd Leukert waren die Journalistin und Hörspielexpertin Eva-Maria Lenz und der Sinologe und Hörspielautor Heiko Daniels Mitglieder der Jury. Preisträger wurde die Produktion „Coldhaven“ des schottischen Autors John Burnside, den Manfred Hess, Chefdramaturg beim Südwestrundfunk (SWR), zum Hörspielschreiben verführt hat. Es ist nach „Fügung“ und „Der Baucan“ (beide SWR) das dritte Originalhörspiel von Burnside, der in Großbritannien als Romancier und Lyriker bekannt ist. Das britische Radio muss ihn noch entdecken. Klaus Buhlert besorgte bei „Coldhaven“ die Übersetzung, Komposition und Regie. Es ist nun bereits das fünfte Mal, dass eine Produktion Buhlerts als Hörspiel des Jahres ausgezeichnet wurde. Zweimal wurde er als Autor, zweimal als Regisseur und einmal als Komponist ausgezeichnet.

Die Jury lobte die poetisch-berührende Sprache, in der Burnside von dem fiktiven Örtchen Coldhaven erzählt, in dem zwei Jugendliche ums Leben gekommen sind. Ein Geschehen, das nicht wirklich aufgeklärt werden kann, denn der Kosmos von Coldhaven erstreckt sich weit über das schottische Küstendorf hinaus ins Mythisch-Phantastische und ins Übernatürliche, „das in den Köpfen überlebt und eine schauerliche Realität erzeugt“, so die Jury in ihrer Begründung. Auf konzise Weise habe Buhlert mittels repetitiver Samples das Stück als ungewöhnliches Hörerlebnis realisiert, hieß es weiter.

Doch so modern Text und Realisierung auch sind, die von Bernd Leukert gewünschte zeitgenössische Reflexion und Grenzüberschreitung des Mediums mit den spezifischen Möglichkeiten des Hörspiels erreicht „Coldhaven“ doch nicht. Es ist vom Stoff, von der Ästhetik und der Realisation in jenem Sinne zeitlos-modern, dass es auch schon vor zehn Jahren so hätte gemacht werden können.

Die Audiotheken von DLF und ARD

Das Hörspiel ist seit 1924 eine Triebkraft der Innovation im Radio, das im Gegensatz dazu als Institution von großer Beharrungskraft und Trägheit ist. Unterbrochen wird beides immer wieder von hektischer Betriebsamkeit, wenn ein Medienwandel ansteht. Doch weder der Wechsel von Mittel- auf Ultrakurzwelle noch der von Mono- zu Stereophonie ist mit dem zu vergleichen, was gegenwärtig die Konvergenz der Datenströme durch die Digitalisierung zur Folge hat. Damit ist nicht in erster Linie der Hype um das allgegenwärtige Ich-Erzähler-Reportage-Format ‘Podcast’ gemeint oder das, was als ‘Visual Radio’ gerade vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) mittels animierter Comic-Bilder bei dem Science-Fiction-Hörspiel „Ikaria 6“ ausprobiert wurde. Der Wandel geht tiefer und lässt sich als Abschied von der Linearität definieren. Dass gegen die Streaming-Anbieter – ob Spotify, Amazon, Apple, Deezer, Tidal oder andere – das formatierte Musikradio alt aussieht, weiß jeder.

Doch auch für die Wortprogramme des öffentlich-rechtlichen Rundfunks war es höchste Zeit, ein akzeptables, gut navigierbares Online-Angebot aufzusetzen. Dem Deutschlandradio ist das mit seiner DLF-Audiothek für seine drei Programme Deutschlandfunk, Deutschlandfunk Kultur und Deutschlandfunk Nova ganz gut gelungen. Im November hat dann auch die ARD ihre eigene Audiothek gestartet. Wirklich benutzerfreundlich ist sie noch nicht. Man versuche mal, sämtliche verfügbaren Stücke eines Hörspielautors in der ARD-Audiothek zu finden… Beide Audiotheken gibt es nur als Apps für mobile Endgeräte und laufen nicht auf Desktops, da muss man sich weiterhin mühsam durch die jeweiligen Web-Auftritte der Landesrundfunkanstalten quälen.

Entzweigehackte Hörspiele beim WDR

Die überwiegend positiven Reaktionen auf die ARD-Audiothek in den sozialen Medien weisen darauf hin, dass es die meisten Hörer doch überrascht, was der Rundfunkföderalismus im Radio an guten Produkten und Formaten hervorbringt – Sendungen darf man sie im Zeiten paketorientierter Datenübermittlung sowieso nicht mehr nennen – senderintern spricht man gerne von „Angeboten“.

Doch leider täuscht die durch die App (Audiothek-Apps) sichtbar gewordene Fülle öffentlich-rechtlicher Hörfunkproduktionen. Denn in keinem Jahr wurden derartig heftige Einschnitte in das Programm vorgenommen wie im Jahr 2017 (vgl. MK-Artikel). Beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) wurde der Hörspieltermin am Sonntag gestrichen – und damit auch alle Feiertagstermine. Beim SWR wurde der Kurzhörspieltermin am Dienstag abgeschafft – der einzige, für den Kurzhörspiele produziert wurden, die der Westdeutsche Rundfunk (WDR) jetzt so dringend braucht, weil im Programm WDR 3 unter der Woche von Montag bis Donnerstag der Hörspielsendeplatz auf eine Länge von nur noch 30 Minuten verknappt wurde (vgl. MK-Meldung). Deshalb müssen dort jetzt vermehrt klassisch produzierte Hörspiele entzweigehackt werden oder gevierteilt oder gezwölftelt.

Die großartige Verhörspielung des Science-Fiction-Romans „Die drei Sonnen“ von Liu Cixin sendete WDR 3 im Dezember 2017 in sechs Folgen à 55 Minuten, im Januar 2018 waren es dann bei der nochmaligen Ausstrahlung zwölf halbstündige Folgen – auch so kriegt man seine Sendeplätze voll. Dass Formatentscheidungen ästhetische Entscheidungen sind und von Künstlern getroffen werden sollten, ist ein Ideal, dass den Durchformatierern und Durchmagazinierern der Kulturwellen gar nicht in den Sinn kommt. Denn anders als es das Marketing-Geschwafel von „Angeboten“ suggeriert, bedient man hier brutalstmöglich das, was angeblich die „Nachfrage“ erfordert – und natürlich das, was billig zu produzieren ist. Dabei wäre die Emanzipation vom Diktat der Stundenuhr und der Durchtaktung von Wortbeiträgen eine Möglichkeit, die Hörerschaft zu überraschen. Überhaupt stört der Hörer, dieses widerspenstige Wesen, dem man es nie recht machen kann, das einerseits die Aufmerksamkeitsspanne einer Fliege hat und andererseits Stunden über Stunden Bingewatching bzw. in der Fall Bingelistening betreibt.

Der Hörer, das widerspenstige Wesen

Vielleicht erklärt sich aus dieser Unsicherheit in den Funkhäusern die Mutlosigkeit vieler Produktionen des vergangenen Jahres. Als „Arm, aber frei“ definierte Herbert Kapfer, der Leiter der Abteilung ‘Hörspiel und Medienkunst’ des Bayerischen Rundfunks (BR) seine Situation noch im Frühjahr 2017 auf einer Podiumsdiskussion und fügte hinzu, dass einem die Freiheit aber nicht geschenkt werde, sondern dass sie täglich zu erkämpfen sei. Im Winter 2017 hat er sich dann vorzeitig pensionieren lassen. Er hatte wohl keine Lust mehr, nur noch „Wände abzustützen“, wie er seine Aufgabe beschrieb. Seine Stelle beim BR ist gestrichen worden und die Abteilung ist seit 1. Dezember 2017 Teil der trimedialen Redaktion ‘Hörspiel/Dokumentation/Medienkunst’.

Folgt man dem Überblick, den Juror Heiko Daniels in Frankfurt über die 103 Stücke, die 2017 für das Hörspiel des Monats eingereicht wurden, lieferte, dann zeigt sich der „Flucht-und-Vertreibung“-Komplex erwartungsgemäß stark vertreten. Angefangen von der Hörspieladaption von Arno Schmidts Kurzroman „Die Umsiedler“ (vgl. MK-Kritik) aus dem Jahr 1953 bis hin zu Paul Plampers Kolonialismus-Stück „Dienstbare Geister“, die beide nicht als Hörspiel des Monats ausgezeichnet wurden. Die Liste der Autoren, die im Wettbewerb mit auszeichnungswürdigen Stücke bei den Nominierungen vertreten waren und nicht berücksichtigt wurden, ist übrigens gar nicht so kurz: Ulrich Bassenge, Hermann Bohlen, Noam Brusilovsky, Dominik Busch, Paul Plamper, Eran Schaerf, Jan Georg Schütte, Saša Stanišić, das Liquid Penguin Ensemble – und bestimmt wären noch ein paar andere in Frage gekommen.

Das Hörspiel, das sich mit Bernd Leukerts Forderung nach einer zeitgenössischen Auseinandersetzung mit dem Medium und den gesellschaftlichen Rahmungen, die es begrenzen, auseinandergesetzt hat, war vom produzierenden Sender, dem WDR, gar nicht für den Wettbewerb erst eingereicht worden: Schorsch Kameruns „Kreiskolbenmotorhase“ (vgl. MK-Kritik). In diesem Stück wird reflektiert, wie man sich ausdrücken kann, ohne dass die Äußerung im nächsten Moment als H&M-Werbung oder origineller Spruch von FDP-Chef Christian Lindner durchgehen kann – und wie man das wirkungsoptimiert so verständlich wie nötig und sperrig wie möglich realisieren kann.

War 2017 womöglich das letzte Jahr, in dem das Hörspiel noch relativ unbelastet von den Nachfrageüberlegungen der Entscheider in den Anstalten, die meinen etwas verkaufen zu müssen, was schon von der Öffentlichkeit bezahlt worden ist, agieren konnte? Skepsis ist angebracht, denn wenn man erst einmal die Sendeplätze abgeräumt und die Redaktionen verkleinert hat und die Stellen gestrichen sind, dann wird der Wiederaufbau erfahrungsgemäß teuer und anstrengend.

Hörspiel im interstellaren :Raum

Im Jahr 2017 gab es drei Jubiläen zu feiern. Der Wettbewerb ‘Hörspiel des Monats’ wurde 40 Jahre alt, das ‘Hörspiel des Jahres’ wird seit 30 Jahren ermittelt. Die auslobende Akademie der Darstellenden Künste hat aus diesem Anlass einen 380-seitigen Sammelband mit dem Titel „Seismographie des Hörspiels“ herausgegeben. Ob es sich bei dem Titel um eine genitivus subjektivus oder einen genitivus objektivus handelt, das Hörspiel also als Seismograph der Erschütterung fungiert oder die Erschütterungen des Hörspiels Thema sind, bleibt dabei offen.

Das dritte Jubiläum hat unmittelbar nichts mit dem Hörspiel zu tun, mittelbar aber sehr wohl: Es handelt sich um den 40. Jahrestag des Starts der beiden Voyager-Sonden, die die US-Raumfahrtbehörde NASA im Herbst 1977 ins All geschickt hat. Sie sind die menschengemachten Objekte, die das Erbe der Menschheit in den interstellaren Raum tragen. Dieses Erbe besteht in zwei identischen goldenen Schallplatten, die mit 16⅔ Umdrehungen pro Minute (halbe LP-Geschwindigkeit) abzuspielen sind und zwei Stunden Musik, Grußbotschaften und eine Collage mit Sounds von der Erde enthalten. Unter die üblichen, langweiligen Texte diverser UN-Funktionäre haben die Macher in einem subversiven Akt einfach auch Walgesänge gemischt.

Vor einigen Jahren referierte beim Hörspielforum NRW ein Evolutionsbiologe über die durchschnittliche Überlebensdauer einer Säugetiergattung, die er auf etwa eine Million Jahre festsetzte. Für die Gattung homo, deren einzige überlebende Art der homo sapiens ist, konnte man somit hochrechnen, dass es noch 900.000 Jahre Hörspiele geben wird. Das ist zu kurz gegriffen. Die Voyager-Sonden senden bis heute Funksignale zur Erde und ihre Hörspielplatten werden noch 450 Millionen Jahre von unserer Existenz künden, denn solange werden die Sonden noch als Artefakte der menschlichen Kultur durchs Universum schweben. Ob das Hörspiel in der ARD die nächsten 50 Jahre überleben wird?

30.03.2018 – MK

Print-Ausgabe 16/2018

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