Clemens Meyer: Im Netz der Spinnenfrau. Oder: Zehn Versuche über den NSU (SWR 2)

Persönliche Auseinandersetzung

12.02.2018 • Der Radio-Essay hat im Südwesten Deutschlands eine lange Tradition. Im Jahr 1955 wurde er von dem Schriftsteller Alfred Andersch beim damaligen Süddeutschen Rundfunk (SDR) ins Leben gerufen. Seither ist viel Zeit vergangen und der Radio-Essay hat nicht mehr die Bedeutung von einst. Deswegen hat sich Michael Lissek, Redakteur bei der SDR-Nachfolgeanstalt Südwestrundfunk (SWR), daran gemacht, das Genre zu modernisieren. Im Rahmen dieses Vorhabens konnte er jetzt den namhaften Leipziger Autor Clemens Meyer gewinnen, ein Stück beizusteuern.

Meyer – bekannt vor allem durch seinen 2013 erschienenen Roman „Im Stein“, in dem es um das ostdeutsche Rotlichtmilieu der Nachwendezeit geht – versucht sich in seinem Radio-Essay „Im Netz der Spinnenfrau“ unter anderem an einer Analyse des Soziotops, aus dem heraus sich die Terrorzelle NSU entwickelt hat. Das Stück ist ästhetisch sehr verspielt und ähnelt in gewisser Weise tatsächlich sogar einem Hörspiel. Zu diesem Eindruck trägt sicher auch der Umstand bei, dass sich Meyer zur Verarbeitung des rechtsextremen Terrorismus, den der NSU über viele Jahre hinweg in Deutschland verübt hat, auch fiktionaler Elemente bedient. So beschreibt er ziemlich zu Anfang im Stil einer Homestory seine Ankunft in Leipzigs (real existierenden) größtem Altenpflegeheim „Martin Andersen Nexö“, wo er sich mit einer gewissen, mittlerweile aus der Haft entlassenen Beate trifft – die allerdings wenig auskunftsfreudig ist. Es zeigt sich, dass Meyer sich in seinem Radio-Essay auch von verschiedenen Zeitebenen her dem mörderischen Treiben des NSU annähert.

Den eigentlichen Beginn des 55-minütigen Stücks stellt aber eine im Stil der „Sendung mit der Maus“ gehaltene Einführung des NSU-Kerntrios dar, das aus den Neonazis Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos (beide tot) und Beate Zschäpe bestand, die in München vor Gericht steht. Hier werden in dem Essay auf geradezu infantilisierende Weise vermutete Liebesbeziehungen innerhalb der Gruppe thematisiert. Untermalt von der Melodie zum Kinderlied „Itsy Bitsy Spider“ hört man immer wieder, wie gesagt wird: „Klingt komisch, ist aber so.“ Vielleicht ist dies ein Seitenhieb des Autors auf die Gewichtung bestimmter Themenkomplexe bei der medialen Berichterstattung zum NSU-Komplex. Schließlich widmete man sich hier tatsächlich allzu oft den Hintergründen einer ‘verrucht’ erscheinenden Dreiecksbeziehung.

Dann kommt ein harter Break und Meyer fängt an, die Umstände der Entstehung des im Osten Deutschlands angesiedelten NSU näher zu beleuchten. Dazu unternimmt er einen Zeitsprung in die Geschichte des geteilten Deutschlands. Er thematisiert die fremdenfeindlichen Übergriffe, denen sich zu DDR-Zeiten Vertragsarbeiter aus Mosambik oder Vietnam ausgesetzt sahen, und den Alltagsrassismus, aus dem heraus diese Übergriffe überhaupt erst verübt werden konnten. Oder er thematisiert den alltäglichen Antisemitismus, wie er sich noch während des real existierenden Sozialismus etwa in Sprechchören in Fußballstadien manifestierte. Im Großen und Ganzen ist es das Anliegen von Clemens Meyer, zu untermauern, dass auch in der DDR ein volkstümelnder deutscher Ungeist fortleben konnte. Weiter schildert er dann die Vermengung zwischen der ost- und der westdeutschen Neonazi-Szene und deren Überschneidungen mit dem ostdeutschen Rotlichtmilieu der Nachwendezeit – Meyers Spezialgebiet.

Dass der Autor so detailliert diese Grundlagen darlegt, auf denen der NSU aufbaute, ist sehr lobenswert und für den, der sich noch nicht mit Rechtsextremismus in der DDR beschäftigt hat, sicher auch recht informativ. Diese Fokussierung hat jedoch zugleich einen gehörigen Nachteil. Meyer lässt nämlich die materielle Basis, die der im wiedervereinigten Deutschland entstandene NSU für seine Mordtaten benötigte, weitgehend außer Acht. So wird zum Beispiel die Finanzierung rechter V-Leute aus dem Umfeld des NSU durch bundesdeutsche Verfassungsschutzämter nicht zum Gegenstand des Essays.

Leider ist Clemens Meyer so sehr damit beschäftigt, den ja längst widerlegten Behauptungen, in der DDR habe es nur aufrechte Antifaschisten gegeben, zu widersprechen, dass die Mordopfer des NSU kaum im Essay zur Sprache kommen. Stattdessen verwendet der Autor viel Energie wiederum darauf, zu demonstrieren, dass schon in der DDR rassistische Beleidigungen gängig waren. Als Mittel hierzu wiederholt er sehr oft entsprechende Begriffe. Zweifelsohne legt er diese Wörter den damaligen Rassisten in den Mund und führt sie so als das vor, was sie sind bzw. waren: fremdenfeindlich. Allerdings kommt Meyer dabei offenbar nicht in den Sinn, dass die Verwendung der betreffenden Wörter vielen heutzutage übel aufstößt.

Clemens Meyers „zehn Versuche über den NSU“ sind als ein Ansatz, den Radio-Essay in modernisierter Form wiederzubeleben, durchaus interessant zu hören, auch weil das Stück stilistisch teilweise gewagt ist. Alles in allem jedoch bleibt das Stück, was seine Thematik angeht, inkonsistent (auch mit der Anzahl zehn nimmt es der Autor nicht ganz so genau). Vor allem hat dieser Essay den Nachteil, dass er auf zu dominante Weise so etwas wie eine sehr persönliche Auseinandersetzung Meyers mit seiner eigenen ostdeutschen Vergangenheit zu sein scheint und deshalb inhaltlich zu kurz greift.

12.02.2018 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 16/2018

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