Claudia Kaiser: Die Schicksalsmaschine (Bayern 2)

Heile Fernsehwelt und reale Arbeitswelt

22.02.2020 •

Die Telenovela ist immer noch ein weltweit beliebtes Fernsehformat. Sie bietet dem Publikum die Möglichkeit, routinemäßig dem Alltag mit seinen Zufällen und Unwägbarkeiten zu entfliehen. Im Vergleich mit der Daily Soap zeigt die Telenovela dabei zusätzlich zur regelmäßigen Ausstrahlung eine weitere Ebene der Verlässlichkeit: Sie ist zielgerichtet angelegt und konzentriert sich weitgehend auf eine (meist weibliche) Figur. Am Ende einer solchen Serie steht die von der Hauptfigur herbeigesehnte Paarbeziehung. Das unentrinnbare, zufallsfrei vorherbestimmte Schicksal der Heldin ist also nach den Gesetzmäßigkeiten des Genres die Traumhochzeit und damit ein Heile-Welt-Zustand.

Die Produktionsabläufe bei der fiktiven Telenovela „Amelie, eine Frau kämpft um die Liebe“ sind Dreh- und Angelpunkt in Claudia Kaisers Hörspieldebüt „Die Schicksalsmaschine“. Kaiser, geboren 1965 in München, ist Autorin, Übersetzerin und Musikerin und hat auch selbst schon für TV-Unterhaltungsserien geschrieben. Aus ihren Erfahrungen speisen sich der analytische Charakter des Hörspiels und sein düsterer Humor.

In dem 70-minütigen Stück wird eine Sitzung des Autorenteams von „Amelie“ entworfen. Hier gibt es mit Cordula einen Neuzugang. Die an sie gerichteten Erläuterungen von Chefautor Uwe zum Arbeitsablauf wenden sich gleichsam als Orientierungshilfe und Einführung auch an die Zuhörer – was tatsächlich einen recht informativen Gehalt hat, stellenweise jedoch etwas übererklärt wirkt.

Aufgabe des Teams ist es gerade, ein sogenanntes ‘Outline’ für die Folgen 96 bis 100 der Telenovela zu erstellen. Dabei werden die wichtigsten Plotpunkte festgelegt, während das Schreiben der dazu passenden konkreten Dialoge die Aufgabe eines anderen Autorenteams sein wird, das im Hörspiel jedoch keine Rolle spielt. Die Schwierigkeit liegt nun vor allem darin, dass sowohl für den Fall geplottet werden muss, dass die „Amelie“-Serie eingestellt wird und mit Folge 100 endet, als auch für den Fall, dass die Telenovela weiterproduziert wird.

Auf der Suche nach Ideen erweisen sich die Autorinnen und Autoren in der Runde alles andere als kollegial. So zynisch, wie sie mit den Figuren ihrer Serie umgehen, behandeln sie sich auch gegenseitig. Das verbale Ringen miteinander um den Verlauf der Handlungsstränge ist dabei beinahe ideologisch geprägt. Vorgebrachte Vorschläge werden zum Aushängeschild der eigenen Lebenseinstellung und Lebensweise.

Neben Udo (Michele Cuciuffo) und Cordula (Xenia Tiling) sitzen vier weitere Autoren mit am Kreativtisch (gesprochen von Florian Karlheim, Oliver Stokowski, Franziska Schlattner und Hanna Scheibe). Zwischendurch kommen in die Sitzung auch Schauspieler reingeschneit, die in der Telenovela „Amelie“ mitspielen (Nina Steils, Christian Erdt, Mara Widmann) und liefern eigene Ideen für das Drehbuch ab oder bitten sich weniger Drehtage aus. Mit Spannung wird von der am Tisch versammelten Runde der Anruf des Produzenten (Helmfried von Lüttichau) erwartet, der die Entscheidung über das Fortleben oder Nicht-Fortleben der Telenovela weiterreichen wird.

Das Hörspiel „Die Schicksalsmaschine“ ist weitgehend szenisch und in Echtzeit angelegt. Es stellt den mitunter turbulenten Ablauf der beschriebenen Sitzung dar. Ergänzt wird diese Gestaltungsweise durch die sogenannten „Figurenlinien“, die den Handlungsfluss immer wieder unterbrechen. Die kurzen Einschübe (gesprochen von Stefan Merki) sind stichpunktartig gehaltene Steckbriefe, die zunächst nur die Charakterzüge, Motivationen und Hintergrundstorys der in der Telenovela vorkommenden Figuren erläutern. Die Einschübe bleiben aber als Gestaltungsmerkmal nicht auf die Binnenerzählung, also die „Amelie“-Serie, begrenzt, sondern tauchen auch in der Rahmenhandlung auf – so wird unter anderem das gesamte Autoren-Ensemble nach und nach mit solchen „Figurenlinien“ versehen.

Diese Wendung ist der geniale Kunstgriff, der das Hörspiel so schön rund macht: Die Strategie der Serienautoren beim Plotten seichter Unterhaltung wendet sich sozusagen gegen sie selbst. Denn sie erweisen sich zum einen als genauso simpel gestrickt wie die von ihnen entworfenen Figuren. Und so wie das Schicksal der Seriencharaktere von den Entscheidungen des Autorenteams bestimmt wird, ist zum anderen auch das eigene berufliche Schicksal des Teams von den Kalkulationen der Senderverantwortlichen abhängig. Die Drehbuchschreiber sind damit in einer Doppelrolle nicht nur Räder im Getriebe der titelgebenden Schicksalsmaschine, die den Arbeitsalltag der Produktion von ‘Content’ symbolisiert, sondern sie werden auch von ihr verarbeitet. Die ausstehende Entscheidung über das eventuelle Aus der Serie bildet schließlich in Form eines Cliffhangers den Schluss des Stücks.

Claudia Kaiser überspitzt die Genrekonventionen der Telenovela gekonnt und erzielt damit treffsicher humoristische Effekte. Zusätzlich wirft sie aber einen Blick auf den Konkurrenzkampf am Arbeitsmarkt – auch bei den sogenannten Kreativen. Das unter der Regie von Alexandra Distler für den Bayerischen Rundfunk (BR) produzierte Hörspiel „Die Schicksalsmaschine“ (Sounddesign: Marcus Huber) ist damit mehr als nur eine äußerst unterhaltsame und vielleicht wohlverdiente Abrechnung mit den Schreibtischtätern hinter banalen Fernsehserien.

22.02.2020 – Rafik Will/MK