Christopher Isherwood: Leb wohl, Berlin. 3‑teiliges Hörspiel, Funkbearbeitung: Heinz Sommer (HR 2 Kultur)

Ein Engländer in Berlin, 1931 bis 1933

01.11.2019 •

Christopher Isherwoods Roman „Goodbye to Berlin“ („Leb wohl, Berlin“) aus dem Jahr 1939 war die Drehbuchvorlage des Kino-Welterfolgs „Cabaret“ (USA 1972) mit Liza Minelli in der Hauptrolle; der Film wiederum hatte das gleichnamige Broadway-Musical als Basis. Die Adaptionsgeschichte des Romans reicht noch weiter zurück: Nach Motiven des Romans wurde das Theaterstück „I Am a Camera“ am Broadway uraufgeführt und 1955 verfilmt. Und jetzt hat der Hessische Rundfunk (HR) eine weitere Adaption des Romans „Leb wohl, Berlin“ (Übersetzung: Kathrin Passig und Gerhard Henschel) vom HR-Hörfunkdirektor und passionierten Hörspielbearbeiter Heinz Sommer produziert: Drei Teile sind es geworden mit insgesamt 230 Minuten Sendedauer, urausgestrahlt in der ersten Oktoberwoche im Programm HR 2 Kultur. Sommer hatte zuletzt die literarischen Werke „Homo faber“ von Max Frisch und „Tonio Kröger“ von Thomas Mann als mehrteilige Hörspiele umgesetzt (vgl. diese MK-Kritik und diese MK-Kritik).

Christopher Isherwoods Episodenroman hat insgesamt sechs Kapitel. Der Hörspielbearbeiter konzentriert sich auf vier davon. Er spart die Kapitel „Auf Rügen“ und „Die Novaks“ (eine proletarische Berliner Familie) fast komplett aus und fokussiert die Erfahrungen des Ich-Erzählers, der identisch ist mit dem jungen englischen Schriftsteller Isherwood (geboren 1904 in Großbritan­nien, gestorben 1986 in den USA), auf einige Menschenschicksale und das politische Geschehen in der deutschen Metropole Berlin in der Zeit von 1931 bis 1933, als der Autor dort als Privatlehrer lebte und an den „Berlin Stories“ schrieb.

Der Ich-Erzähler wohnt in der Nollendorfstraße in der Pension der Wirtin Schröder, deren ‘Berliner Schnauze’ die Sprecherin Barbara Philipp nuanciert simuliert – Frau Schröder nennt den englischen Pensionsgast immer „Herr Ischiwo“. In der Pension lernt er die kapriziöse, leichtlebige junge Revuetänzerin und Barsängerin Sally Bowles näher kennen, von Laura Maire in extrem unterschiedlichen Szenen überzeugend dargestellt. Sally hofft auf eine Filmkarriere und lässt sich von zahlreichen Liebhabern aushalten. Sally und Isherwood fühlen sich „verwandt“ und gleichzeitig fremd und dieses Wechselbad der Gefühle zieht sich durch die ganze erzählte Geschichte.

Der zweite bedeutende Erzählstrang des Hörspiels stellt die Begegnungen von Isherwood und Bernhard Landauer in den Mittelpunkt. Landauer (sehr einfühlsam von Matthias Bundschuh gesprochen) ist der Neffe des jüdischen Eigentümers einer Kaufhauskette. Die zwei sprechen vor allem über die sozialen und politischen Zustände in der Stadt. Hinzu montiert sind zahlreiche historische akustische Dokumente, die das politische Klima im Berlin Anfang der 1930er Jahre illustrieren: Straßenterror der Nazis, Szenen der Gewalttätigkeiten gegen Juden, Propagandareden, Parlamentsdebatten, Rundfunkübertragungen, Zeitungsnachrichten, Filmtonspuren, Schlagermusik und anderes mehr. Es sind die letzten Jahre der Weimarer Republik.

Christopher Isherwood verstand seinen Schreibstil als Beobachtung des Lebens wie eine „Kamera mit offenem Verschluss, die registriert, nicht denkt“. Diese Selbstinterpretation ist ergänzungsbedürftig: Während der im Hörspiel durch die Szenen führende Erzähler (sehr dezent: Matthieu Carrière) sich personenbezogener und politischer Wertungen enthält, reflektiert der Ich-Erzähler (mit Christopher Nell ausgezeichnet besetzt) in seinen Notizen in englischer Sprache seine Erfahrungen im roaring Berlin, das auch mit einigen Kompositionen von Jörg  Achim Keller und der HR-Bigband atmosphärisch präsent ist.

Regisseur Leonhard Koppelmann hat mit einem großen Ensemble, zu dem auch prominente Sprecher in sehr kleinen Rollen gehören, und vielen Montage-Takes ein homogenes Ganzes realisiert. Das unterhaltsame Hörspiel weckt das Interesse auf die Lektüre des Romans. Koproduzent des Hörspiels war der Münchner Hörverlag, der „Leb wohl, Berlin“ Ende Oktober auf drei CDs als Hörbuchedition herausgebracht hat.

01.11.2019 – Norbert Schachtsiek-Freitag/MK

Print-Ausgabe 24/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren