Christoph Korn: Hiobs Verstummen. Hörstück, Film, Web‑Installation (SWR 2)

Das Schweigen der Medien.
Eine Selbstermächtigung.

29.11.2021 •

Gott würfelt doch. Spielt mit seiner Schöpfung. Einer Wette wegen lässt er zu, dass Satan seinen treuesten Anhänger ins Unglück stürzt. Und der Gequälte erhebt laut die Stimme gegen den Allgewaltigen, bis dieser sich schließlich erklärt. Aber er klärt nicht über die Wette auf, sondern badet in nicht endendem Eigenlob. Eingeschüchtert widerruft der Leidgeprüfte den Protest und wird für seine Gottesfurcht belohnt. Kurz: Ungeheures geschieht im Buch Hiob.

Aber das war gar nicht unbedingt der Grund dafür, dass dieses Kapitel des Tanach eine solche Wirkung entfalten konnte. Der Grund dürfte darin liegen, dass die Geschichte vom ungerecht behandelten Gerechten aus dem Lande Uz trotz aller Brüche, die mit der multiplen Autorenschaft zu tun haben, einfach überragend gut erzählt ist. Wie das Hohelied eine Urform der abendländischen Lyrik darstellt, ist das Buch Hiob so etwas wie der erste abendländische Roman. Und wie in jedem Roman geht es darin im Kern um den Menschen.

Man versteht also gut, warum sich nun auch der für komplexe Hörspiel-Installationen bekannte Medienkünstler Christoph Korn – erinnert sei an sein Werk über die tragisch gescheiterte Flucht Walter Benjamins (SWR 2014) – der Hiob-Legende angenommen hat. Dass er sie gegen die knirschende dogmatische Lesart – Lohn für besondere Treue – interpretiert, war zu erwarten, aber dass das multimediale Werk (Mitarbeit: Claas Morgenroth, Dramaturgie: Manfred Hess/SWR) den Fokus auf Hiobs Verstummen legt und nicht auf die Anklage, das ist anregend überraschend. Korns Stück erstreckt sich dabei über diverse mediale Formen: Hörspiel, Film und Web-Installation. Es sind also nicht einfach unterschiedliche Realisationen desselben Stoffs, sondern jede dieser Formen fügt der Rezeption eigene Aspekte hinzu.

Einsteigen lässt sich gut über das Hörstück, das wiederum drei Teile besitzt: Hiobs Klage, die Antwort Gottes, Hiobs Verstummen. Strukturell handelt es sich also um eine Abbreviatur der biblischen Erzählung, nur bezeichnenderweise ohne den eigentlichen Schluss. Tatsächlich beginnt es einigermaßen nah an Luthers Text, reißt sich aber bereits in der Klage davon los. Caroline Junghanns wütet als verzweifelter Hiob gegen Gott. Die gesamte Schöpfung wird verflucht: „Ausgelöscht sei der Stern, das Licht, der Leib, die Mutter“. Hiob speit den Überdruss heraus: „Mich ekelt mein Leben!“

Es ist eine gebrüllte Wutrede, die sich immer weiter steigert, und zwar über alle Einflüsterungen der drei Bekehrung verlangenden Freunde wie über das mehrstimmige Rezitativ von der Weisheit Gottes hinweg. Sie mündet in eine Art Duell-Forderung: „Wort um Wort, Tod um Tod, Faust um Faust.“ Und doch lenkt Hiob gesenkten Haupts plötzlich ein, wie es der Urtext will: „Ich ließ meinen Mund nicht sündigen. So dass ich still blieb.“ Die Antwort Gottes ist eine Ansammlung mehrstimmig hervorgehusteter Donnerworte („Du“, „Wer?“, „Kennst du die?“, „Schrei“, „Maul“, „Fleisch“, „Tier“), über denen ein langer, immer höher werdender Sinuston liegt, bis alles im himmlischen Sturmtosen untergeht. Das klingt sogar noch autoritärer als der biblische Gott in seiner Entgegnung.

Das 37-minütige Stück aber endet nicht mit diesem Remis im Kräftemessen zwischen Himmel und Erde, sondern erst mit dem Verstummen Hiobs. Auch hier folgt Korn zunächst wörtlich der Vorlage: „Ich lege die Hand auf meinen Mund. Einmal habe ich geredet, ich tu es nicht wieder.“ Doch radikalisiert er diesen Schwur, indem er ihn bis zur Unkenntlichkeit wiederholen lässt. Grandios bringt Caroline Junghanns zu Gehör, wie ihr die Worte nach und nach im Mund zerfallen, zu reinen Lauten jenseits aller Semantik regredieren und schließlich mit einem letzten Atemzug entfleuchen. Die Sprache selbst scheint sich aufgelöst zu haben. Dass Gottes herabschallende Triumphrede samt der Belohnung Hiobs nicht mehr Teil des Hörspiels ist, wirkt da nur konsequent. Stille senkt sich über das Land Uz.

In dem gemeinsam mit Mert Beken und Malte Robra (Kamera und Ton) realisierten Film, gefördert von der Kunststiftung NRW und CityARTist 2020, ist der Mensch bereits allein: Wir sehen Caroline Junghanns aus allernächster Nähe dabei zu, wie sie ihren wuchtigen Monolog – eine überragende Darstellerleistung – voller Intensität in die metaphysische Leere schreit. Der Text, hier reduziert auf die Rede Hiobs (Klage, Antworten an die Freunde, Disput), zielt nun vor allem auf das Stummbleiben Gottes ab. Er steigert sich zur wild erregten Forderung: „Antworte!“

Die Forderung bleibt unerfüllt, aber etwas anderes schält sich aus diesen Worten heraus: ein neues Selbstbewusstsein. Wenn Hiob brüllt „dass er meine Stimme hört“, dann ist das fast mehr Androhung als Flehen. Am wichtigsten daran ist vielleicht das Pronomen „meine“. Und auch die Bilder binden diese (im Hörspiel noch freischwebende) Stimme an einen Körper zurück. Wir sehen, wie Lippen die Worte formen, sehen dem Gesicht an, welche Anstrengung das kostet. Das Verstummen ließe sich also verstehen als ein Zerfall: Gott und Menschen sprechen fortan in eigenen Zungen; füreinander bleiben sie stumm. Im selben Maße erstarkt das „Ich“: „Ich will eitern, ich will schrumpfen, ich will betrügen.“

Der rund vierzehnminütige Film ist zugleich die Grundlage für die Web-Installation, die 93 Tage lang erlebbar ist, und das immer neu, denn die Klagerede wird per Zufallssteuerung (programmiert von Georg Jesdinsky) nach und nach gelöscht. Bereits in früheren Projekten wie „Waldstück“ (2008-2011) hat Christoph Korn das Löschen als künstlerische Akte thematisiert. Immer mehr Weißflächen schieben sich hier nun zwischen die Bilder, bis nur noch weißes Rauschen übrig ist: Damit wird das Verstummen Hiobs nicht nur geschickt ins Visuelle übersetzt, sondern es wird auch als etwas Einmaliges und Endgültiges erlebbar. Aber mehr noch: Die Form der Löschung ist entscheidend, denn jetzt erst materialisiert sich, was bislang nur zu erahnen war. Schließlich hatte die Auflösung des Sprechens im Hörspiel noch etwas Aushauchendes. Das Pendant wäre vielleicht eine 93-tägige Weißblende gewesen, ein langsames Verblassen der Konturen. Ganz bewusst jedoch wird hier der Modus des Zerschneidens und Zerhackens gewählt: ein sehr gewaltsamer Eingriff.

Das damit akzentuierte Verstummen wirkt nicht wie eine Unterwerfung unter den Allmächtigen und auch nicht wie das leise Verschwinden des Menschen, wie es Michel Foucault prognostiziert hat (ein Gesicht im Sand, das die Wellen fortspülen), sondern – die Interpretation drängt sich auf – wie das ganz auf eigenem Willen beruhende Sich-aus-dem-Spiel-Nehmen. In diesem Entziehen, dieser Lossagung steckt ein Erwachen, eine neo-cartesische Wende: Ich lösche mich, also bin ich. Damit wäre das Verstummen ein aktiver Vorgang, eine Selbstermächtigung, die die passive Stummheit Gottes (angesichts allen Leids) nur umso deutlicher betont. Aber aus der Klage darüber ist eine Trennung geworden. Korns Hiob, Bruder und Schwester des Prometheus, lässt sich nicht mehr bestechen durch Rinder, Esel und neue Kinder. Er (Sie) holt sich die mediale Souveränität zurück, stört die Signale, verstopft den Top-down-Kanal mit White Noise. Und siehe da: Gott schweigt. Der Mensch ist frei.

Nur selten werden im Rundfunk multimediale Experimente von solcher Tiefe und Qualität gewagt. Nur so aber, ohne Furcht, dass das Avantgardistische daran Hörerinnen und Hörer abschreckt, kommt man über eine simple Mehrfachverwertungs- oder Zusatzcontent-Logik hinaus: „Hiobs Verstummen“ zeigt auf hervorragende Weise, wie sich in den audiovisuellen Medien und mit deren Mitteln über selbst wieder medial überformte Machtverhältnisse – Stimme von oben/Stimme von unten – nachdenken lässt. Dass die emanzipatorische Subversion derselben dabei über das Schweigen läuft, ist ein frecher Clou der SWR-Produktion. Schließlich war die Stille immer schon die große, gefürchtete Andere des Rundfunks.

29.11.2021 – Oliver Jungen/MK

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