Christoph Buggert: Einsteins Zunge. Aus dem Nachlass meines Bruders (SR 2 Kulturradio)

Die Welt als Wille zur Wiedererkennung

04.08.2020 •

Das Verhältnis des Menschen zur Welt ist eines der Wiedererkennung. Bekannte Muster zu identifizieren und in Beziehung zum eigenen Selbst zu setzen, ist dabei grundlegend. Problematisch kann das erst werden, wenn man beginnt, in Dingen Gesichter zu sehen. In der Psychologie nennt man dieses Phänomen Apophänie. In Christoph Buggerts biografisch grundiertem Hörspiel „Einsteins Zunge. Aus dem Nachlass meines Bruders“ ist es Georg, der in einem halbhohen Mäuerchen die Gesichter der physikalischen Wissenschaftselite sieht: von Kopernikus über Newton bis hin zu Einstein. Letzteren natürlich mit dem ikonischen Bild, auf dem er den Paparazzi die Zunge herausstreckt.

Doch jetzt ist Georg tot und der namenlose Ich-Erzähler des Hörspiels (Produktion: SR mit MDR) entdeckt in dessen Nachlass ein Heft mit der „Beschreibung der Welt in 99 Kapiteln“. Der 13-jährige Georg hat es zusammen mit seinem „Club der Kinderphilosophen“ geschrieben. In komischen Miniaturen, die ein wenig an die Texte von Ror Wolf erinnern, haben die Kinder ihre Weltdeutung aufgeschrieben. Eine Kostprobe: „Der Nobelpreisträger Albert Einstein hat durchgezählt, wie häufig wir ein Relativpronomen benutzen. Relativ häufig kommen der, die oder das vor. Weniger häufig: dem, den oder dessen. Höchstens einmal im Monat: deren. Einstein hat das Ergebnis in der Relativitätstheorie zusammengefasst.“

Doch von den komischen Aperçus kommt Georg schnell zu etwas, was er „szenische Philosophie“ nennen wird. In späteren Jahren, als Chef einer eigenen Beratungsagentur („Orion 0.2“), entwickelt er eine Theorie, nach der sich die Evolution alle 2,5 Millionen Jahre auf eine höhere Stufe bewegt. „Was Einstein in seinem Hirn gespeichert hat, verrottet unter der Erde“, heißt es im Hörspiel: „Was folgt daraus? Die nach uns kommende Stufe wird alles tun, um das organische System zu verlassen. Demnächst sind weitere 2,5 Millionen Jahre vergangen, Stufe vier steht an und die will unsterblich sein.“

Bis dahin braucht es aber noch Speichermedien, wie das schwarze Heft oder Audiokassetten, auf denen Georg fixiert hat, was ihm überliefernswert erschien. So kann das Liquid Penguin Ensemble (Katharina Bihler, Regie, und Stefan Scheib, Musik), das schon Buggerts Radiotext „Ein Nachmittag im Museum der unvergessenen Geräusche“ kongenial inszeniert hat, den Text als akustische Spielfläche nutzen.

Vor einem Hintergrund aus Naturgeräuschen bis hin zum Piepen des Sputnik-Satelliten entfalten sich die Stimmen der Akteure. Wolf-Dietrich Sprenger spricht den erwachsenen, Kasimir Brause den jungen Georg, Dietrich Hollinderbäumer den Ich-Erzähler, Lena Stolze eine Ärztin und Peter Jordan einen Dozenten. Und wenn Kirchenorgel und Kirchenglocken, die die Geschichten aus dem elterlichen Pfarrhaus akustisch begleiten, dann erfährt man, dass der Vater von Georg und dem Ich-Erzähler ein zorniger Gottesmann war. Einer, der eine Mnemotechnik beherrschte, mit deren Hilfe er aus zwölf Wörtern eine vierzigminütige Predigt machen konnte.

Unter der Oberfläche der oft unterhaltsamen Episoden aus Georgs Leben ist „Einsteins Zunge“ – wie auch schon das „Museum der unvergessenen Geräusche“ – ein Stück über die Formen der Erinnerung. Über Erinnerungen, die sich in verschiedene Medien eingeschrieben haben. Und das mächtigste, aber auch das formbarste und flüchtigste Speichermedium ist das Gehirn. Jener Apparat, der Gesichter sieht, wo keine sind, der Bedeutung findet, wo nur Rauschen ist und der Theorien und Kunstwerke schafft, wo nur Chaos und Kontingenz herrschen.

Medizinisch ist die Apophänie ein Sonderfall der Pareidolie oder der Clustering-Illusionen, bei denen man nicht nur Gesichter, sondern auch Bilder oder ganze Botschaften in und hinter den Dingen zu erkennen meint. Ästhetisch ist der Weg von der Apophänie zur Epiphanie nicht weit. Nur, dass es nicht der Herr ist, der Georg erscheint, sondern Albert Einstein – als guter Geist unter einer Lärche. Dem Ich-Erzähler ist eine leichte Verabschiedung von seinem Bruder geglückt. Dem Autor Christoph Buggert eine Geschichte, die auf mehreren Ebenen funktioniert, als Totengespräch ebenso wie als ein Text über Erinnerung und Überlieferung und vor allem als ein Text, der so nur im Hörspiel seine ideale Form finden kann. Außerdem beherrscht Christoph Buggert die Kunst, alles, was er Wichtiges zu sagen hat, beiläufig zu sagen – und allen anderen wie einst Albert Einstein die Zunge herauszustrecken.

04.08.2020 – Jochen Meißner/MK

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