Christof Boy/Hildegard Kriwet/Georg Wieghaus: Sechs Wochen im Frühling (WDR 3)

Vernunft ist Trumpf

03.05.2021 •

Ein unbekannter Krankheitserreger bringt auch viele Fragen mit sich. Auf mehreren tausend Publikumsmails, die den Westdeutschen Rundfunk (WDR) im Lauf der ersten Welle der Corona-Pandemie erreichten, basiert das Hörspiel „Sechs Wochen im Frühling“. Es stammt von einem aus Christof Boy, Hildegard Kriwet und Georg Wieghaus bestehenden Autorentrio. In ihrem semidokumentarischen Stück (Regie: Claudia Johanna Leist und Christof Boy) bietet sich den Hörern ein akustischer Querschnitt durch die Ängste, Nöte und Alltagsfragen der Menschen angesichts der Konfrontation mit einem gefährlichen und vielfach tödlichen Virus.

Die Handlung setzt ein im Frühjahr 2020, am 16. März, zu Beginn des ersten Lockdowns. Die Ich-Erzählerin Lisa (gesprochen von Martina Gedeck) tritt ihre Arbeit beim Sender in einer Corona-Task-Force an, die Hörermails zu SARS-CoV-2 beantworten soll. Die von Lisa geplante Reportage aus einer Lungenklinik an der Nordsee musste wegen Undurchführbarkeit abgesagt werden. Statt des daraufhin kurzfristig angeordneten Homeoffice heißt es für die Journalistin jetzt: Verwaltungs- und Servicearbeit auf einer beinahe leergefegten Büro­etage im Funkhaus. In den eintrudelnden Mails, die Lisa sichtet, um sie danach zur Bearbeitung an die anderen Kolleginnen und Kollegen in der Task Force weiterzuleiten, werden alle denk­baren Probleme angesprochen: Wie wäscht man sich mit einem gelähmten Arm gründlich die Hände? Kann man mit Spirituosen gegen das Virus angurgeln? Darf man mit einem Stab andere Leute auf 1,50 Meter Abstand halten?

Neben den teils absurd erscheinenden Fragen zur Alltagsbewältigung in Pandemie-Zeiten gibt es auch Mails, in denen es um den Verlust von Freunden und Angehörigen geht. Hier werden seltener konkrete Fragen gestellt als Erfahrungsberichte abgegeben. Ebenso kommen Leute zu Wort, die „durchs Raster fallen“, wie es an einer Stelle heißt: Gefangene in Haftanstalten, denen von der Verwaltung nicht genügend Hygieneartikel zur Verfügung gestellt werden, Lastwagenfahrer, denen plötzlich die sanitäre Infrastruktur der Autobahnraststätten fehlt oder Schulkinder mit Behinderung, für die das Homeschooling nicht barrierefrei ist.

Auch wenn Lisa mit ihrer persönlichen gestressten Situation auf der Arbeit und mit ihrer Empathie für die Hörer immer wieder Anknüpfungspunkte für die Inhalte der Mails bietet, ist Lisas Geschichte doch vorwiegend das erzählerische Gerüst, um die von anderen Sprechern in alltagsnahem Ton eingelesenen Mails einzurahmen. Dabei wird in dem rund 35-minütigen Stück ein dramaturgischer Bogen von anfänglicher Besorgnis, sich mit der Krankheit zu infizieren, hin zu sich mehrenden Forderungen nach Lockerungen der Corona-Maßnahmen geschlagen. Nach sechs Wochen kann die Task Force aufgelöst werden – wahrscheinlich weil die Anfragen weniger geworden sind.

Im Wechsel zwischen den Ebenen spielen auch literarische Epidemie-Texte wie Heinrich Heines Bericht von 1832 über die Cholera-Epidemie in Paris oder Albert Camus’ Roman „Die Pest“ (1947) eine Rolle. Am einprägsamsten sind die zitierten Stellen aus dem von einem anonymen Verfasser geschriebenen Gedicht „Die Grippe und die Menschen“, das vom in der Schweiz erscheinenden Satiremagazin „Nebelspalter“ im März 1920 veröffentlicht wurde. Gegen Ende dieses Gedichts sammelt die damalige „Spanische Grippe“ angesichts von ‘Seuchenmüdigkeit’ und Lockerung der Vorsichtsmaßnahmen ihre Kräfte für eine neue Epidemie-Welle: „‘Ja, ja – sie bleibt doch immer gleich / Die alte Menschensippe!’ / Sie reckt empor sich hoch und bleich / Und schärft aufs neu die Hippe.“ Die Nachricht des Stücks an seine Hörer lautet also: Keine falschen Frühlingsgefühle, die nächste Welle kommt bestimmt. Ein Hörspiel, in dem Vernunft Trumpf ist – allein schon aus diesem Grund sehr empfehlenswert.

03.05.2021 – Rafik Will/MK

` `