Christine Nagel: SIREN_web_client.exe (NDR Kultur)

Eine KI spricht GPT-3

07.04.2021 •

„Software-Fehler, da kann man nichts machen“, lautet in der realen Welt regelmäßig das zynisch-resignierte Fazit des IT-Experten Felix von Leitner, der unter dem Namen „Fefe“ ein Blog betreibt, auf dem immer wieder haarsträubende Fehler nachgewiesen werden, die entweder zu massiven Datenverlusten führen oder den Überwachungs-Kapitalismus befördern. So einen Stoßseufzer könnte in der fiktiven Welt des Hörspiels „SIREN_web_client.exe“ auch die freie Moderatorin Marie Lukasser (gespielt von der Schauspielerin Paulina Bittner) ausstoßen, nachdem eine künstliche Intelligenz (KI) namens SIREN Maries gesamte Ersparnisse der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gespendet hat.

Doch bevor in Christine Nagels 55-minütigem Hörspiel – einer Koproduktion von Norddeutschem Rundfunk (NDR) und Deutschlandfunk – die intelligente und autonome Software-Agentin SIREN dazu in die Lage versetzt wird, das Geld ihrer Nutzerin Marie auszugeben, braucht es eine gewisse Vorbereitung. Denn eigentlich soll SIREN (englisch ausgesprochen) als Ersatzstimme für Marie fungieren, die als prekär beschäftigte freie Radiomoderatorin auf einem Sendeplatz namens „SIRENE“ Hörspiele vorstellt, wie zum Beispiel „Träume“ von Günter Eich oder „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“ von Heinrich Böll. Es kann aber auch mal vorkommen, dass Marie mal eben in mehrstündigen Sendungen Hannah Arendt oder Theodor W. Adorno abfeiern soll.

Doch die Zeiten sind schlecht. Ihr alter Redakteur (noch mit Doktortitel von Adorno selbst) geht in Pension und sein junger Nachfolger sorgt dafür, dass es mit der Digitalisierung nun so richtig vorangeht: „Die Moderation soll Strecke machen, mit wenig Vorbereitung und viel Spontaneität relativ lange Zeiträume präsentieren. Das geht nur mit KI.“ Und die KI, die gerade auf Maries Stimme trainiert wird, steht für diesen Zweck in der engeren Wahl.

Das implizite Ziel der Sprechleitfäden von Westdeutschem Rundfunk (WDR) und Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB), die Anfang März durchgesickert sind und die im Online-Musikmagazin „Van“ und in der „FAZ“ diskutiert wurden, ist im Übrigen eben diese Art der Automatisierung. Für die dort beschriebene Höreransprache, die ohne tiefergehende Informationen und angeblich auf „Augenhöhe“ mit der Hörerschaft erfolgen soll, braucht man keine Moderatoren geschweige denn Fachredakteure mehr. Dafür reichen ein paar simple Algorithmen und eine bescheidene Datenbank. Christine Nagels Hörspiel läuft also ziemlich synchron mit der Realität der Selbstabschaffung des Kulturradios – denn auf nichts anderes laufen diese Leitfäden hinaus.

Doch das Hörspiel „SIREN_web_client.exe“ spielt die Konsequenzen dieser Richtungsentscheidung gleich auf zwei Ebenen technisch durch. Aber bevor der medienkritische Plot des Stücks endlich Fahrt aufnehmen kann, hört man die alte Stimme der 1944 geborenen Schauspielerin Ilse Richter, die in der Rolle als Seele der Radiomoderatorin Marie zu reden anhebt: „SIREN spricht für Marie und mich. Marie pflegt ihren Körper, ich hüte ihre Seele, und SIREN formuliert ihren Geist.“ Die Trinität von Körper, Seele und Geist wird im Verlauf des Hörspiels zu einer digitalen Singularität verschmelzen – eben jener künstlichen Intelligenz SIREN.

Dafür hat Christine Nagel zusammen mit der Universität Magdeburg die Stimme von Paulina Bittner synthetisieren und die Schauspielerin mit ihrem digitalen Double interagieren lassen. Schon 2016 stellte Adobe das Programm „Voco“ vor, 2018 ließ Google mit „Duplex“ eine künstliche Stimme einen Friseurtermin vereinbaren und bei „Lyrebird“ kann man sich im Netz seine eigene Stimme klonen lassen. Experten schätzen, dass in fünf Jahren synthetische Stimmen reif für den Radioeinsatz sind.

Die zweite technische Innovation, die im Hörspiel durchgespielt wird, ist die der künstlichen Intelligenz. 2020 hat das nur noch teilweise als Non-Profit-Organisation agierende Unternehmen OpenAI, an dem unter anderem die Silicon-Valley-Milliardäre Elon Musk und Peter Thiel beteiligt sind, die dritte Version ihres Textgenerators GPT-3 (Generative Pre-Trained Transformer) vorgestellt. Dieses System kann auf Basis eines neuronalen Netzes, das ein großes Textkonvolut anhand von 175 Milliarden Parametern auswertet, Texte erzeugen, die schon erstaunlich dicht dran sind, den Turing-Test zu bestehen – also Texte schreiben können, bei denen nicht mehr unterscheidbar ist, ob sie menschlichen oder technischen Ursprungs sind. Synthetische Stimmen und KI-basierte Textgeneratoren, so sieht der feuchte Traum eines jeden kostenbewussten Programmverantwortlichen aus, der das Radio hasst.

In Christine Nagels Hörspiel sind die Hannah Arendt zugeschriebenen Zitate von GPT-3 generiert. Doch auch an anderen Textstellen vermutet man eine KI, beispielweise bei Sätzen, die keine Verbindung zum sonstigen Metaphernfeld des Hörspiels haben, wie etwa: „Ein zungenfertiger Abgeordneter schleuderte den Kaugummi mit gekonntem Zungenschlag aus dem Mund.“ Aber auch der raunende Sound, in dem die Seele sich (ent)äußert und der einen tieferen Sinn suggerieren soll, klingt bisweilen verdächtig nach GPT-3.

Ilse Ritter als digitalisierte Seele verrät im Stück schließlich das Konzept: „Ein Kopf, der selbständig denkt, schreibt und spricht. Da kann man nichts reinkopieren. Denkste. Haste gedacht. Ich kopiere mich ständig. SIRENE setzt sich kopierend zusammen zu Worten, die sich als solche anhören. Als seien sie meine Stimme. Nun habe ich alles verraten.“

„SIREN_web_client.exe“ ist nicht das erste Hörspiel, das mit computergenerierten Texten arbeitet. Ein Vorgänger ist das Stück „Der Monolog der Terry Jo“ von Max Bense und Ludwig Harig, es stammt schon aus dem Jahr 1968 (vgl. FK-Kritik). Und Peter Dittmers Hörspiel „Sowieso der Apparat erwürgt dem Zeit – Katastrophale Gespräche mit der Amme“ aus dem Jahr 2005 hat gezeigt, wie viel Humor eine Maschine entwickeln kann (vgl. FK-Kritik).

Anders als seine Vorgängerstücke wirkt „SIREN_web_client.exe“ eher wie eine in einem Start-up zusammengebastelte Betaversion, um Investorengelder einzusammeln (die Produktion des Stück wurde übrigens gefördert von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa). Man erkennt bei diesem Hörspiel das Potenzial, aber auch die Defizite. Denn wenn man so viel will, wie einen Bogen zu schlagen von den (von Ilse Ritter hervorragend vorgetragenen) althochdeutschen „Merseburger Zaubersprüchen“ bis hin zu einer digitalen Singularität, dann sollte man zum Beispiel seine Figuren nicht dümmer und klischeehafter anlegen, als es dem Vorhaben angemessen ist wäre. Noch scheint eine Sprachsynthese-Software wie GPT-3 nicht in der Lage zu sein, ein ganzes Hörspiel zu schreiben. Christine Nagels „SIREN_web_client.exe“ aber klingt über weite Strecken schon wie die Imitation eines KI-generierten Hörspiels – unvollkommen, fehlerbehaftet und unterkomplex. (Das im März bei NDR Kultur ausgestrahlte Stück wird im Deutschlandfunk-Programm am 12. Juni zu hören sein.)

07.04.2021 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 7/2021

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