Christine Nagel: 400% BESSLER. Akustische Memorabilien (HR 2 Kultur)

Epitaph

31.07.2017 •

Als der Komponist Gerd Bessler – man weiß nicht genau, wo, und nicht genau, an welchem Tag – im Jahr 1950 geboren wurde, können nur zwölf Feen an seiner Wiege gestanden haben und keine dreizehn (wie im Märchen von „Dornröschen“). Und es war vermutlich die elfte oder die zehnte, auf jeden Fall eine kleine, zarte Fee, die ihm das Instrument in die Wiege gelegt hat, das seinen beruflichen Lebensweg bestimmen sollte. Es war die Bratsche, eine Art Stiefmütterchen unter den Streichinstrumenten, woran auch ihr schöner italienischer Name Viola leider nichts ändern kann.

Eines Tages, schon als recht erwachsener Mann, hat Gerd Bessler wohl die Bratsche unter den Arm geklemmt und ist sozusagen ausgewandert. Auf einen neuen Kontinent, den der Komponisten. In der kleinen, aber höchst illustren Welt der Hörspielkomponisten hat er sich zwischen Z (wie Zwetkoff, Peter) und A (wie Albrecht, Hendrik) mit elegantem Sprung über S (wie Sczuka, Karl) unüberhörbar und unvergesslich positioniert.

In einem abgelegenen, geräumigen Bauernhaus, das Bessler sich im schleswig-holsteinischen Örtchen Brande-Hörnerkirchen gekauft hatte, richtete er ein Ton- und Musikstudio ein, das er „Seven Oaks“ nannte. Dort entstanden zahlreiche Hörspielkompositionen, aber auch Theatermusiken mit subtil ausgetüftelten Sounddesigns. Der Bratschenliebhaber und zugleich Multiinstrumentalist kooperierte von dort aus vor allem mit Autoren, Dichtern und Musikern, die das Thalia-Theater Hamburg engagiert hatte. Legenden wie Robert Wilson, Tom Waits, Philip Glass und William S. Burroughs arbeiteten zusammen an „The Black Rider“, einer sehr freien „Freischütz“-Paraphrase. Es war ein Theaterereignis, das die Zeit des damaligen Thalia-Intendanten Jürgen Flimm geprägt und sich ins Gedächtnis von Theatermachern und Theaterfans eingegraben hat. Seine eigene Kammeroper „SIRENE 16/8/34“ für Mezzosopran und kleines Orchester nach dem Libretto von Irmtraut Morgner und Christine Nagel kam nicht mehr zur Uraufführung. Gerd Bessler starb am 14. Juni 2011 in Hamburg.

Während der vielen Jahre intensiver kompositorischer Tätigkeit hat Gerd Bessler immer wieder mit Christine Nagel als Autorin und Regisseurin zusammengearbeitet. Sie hat nun für das Hörstück „400% BESSLER“ Dokumente aus seinem Nachlass zusammengetragen, die die freundliche, jugendlich klingende Stimme eines offensichtlich von seiner Arbeit Besessenen ins Gedächtnis ruft, seine eindringlichen musikalischen Argumentationen, seine phantasievollen Themenvorschläge und Interpretationen. Eindrucksvoll sind Mitschnitte seiner instrumentalen Fähigkeiten – nicht zuletzt auf der Bratsche – verwoben mit Aufnahmen von Dichtern wie dem Beatnik William S. Burroughs und dem Schauspieler-Sänger Tom Waits. Als hätte Walt Whitman (auch er Amerikaner wie Burroughs und Waits), der Meister des sogenannten „transzendentalen Realismus“ mit seinem Hymnus auf Virilität und weibliche Hingabe, seiner Melange aus Derbheit und Zartheit, Pate gestanden, so wirkt der Vortragsmodus vor allem von William S. Burroughs. Ein wenig antiquiert fast, aber noch immer suggestiv.

Ergänzt wird dies durch einen amüsanten Zusammenschnitt aus Interviews und einer Ringelnatz-Lesung von Otto Sander. Aufschlussreich vor allem ein Gespräch mit der Kulturjournalistin Mechthild Zschau. Hier erfährt man, bass erstaunt, von dem Komponisten Albrecht Kasimir Bölckow, der zeitlebens in Gägelow lebte, sich mit ostasiatischen Tonsystemen beschäftigte und das Geräusch in seine Kompositionen einband. Wagner, so die Journalistin, habe angeblich über Bölckow gesagt: „Genie hat er, leider.“ Und da Richard Wagner eine solche selbstverleugnende, anerkennende Geste gegenüber einem der Nachwelt Unbekannten nicht zuzutrauen ist, wird schnell klar, dass man hier einem der vielen amüsanten Einfälle Gerd Besslers aufgesessen wäre, hätte man nicht schon vermutet, dass es sich um eine musikalische Ente handelt.

Dieses und noch viel mehr amalgamiert Christine Nagel in ihrer Hommage an Gerd Bessler, der sie den Untertitel „Akustische Memorabilien“ gegeben hat. Die Tonmischung von Roland Grosch und das unverwechselbare Timbre von Effie Rabsilber als Erzählerin fügen die Erinnerungspartikel zusammen. Auf diese Weise wird Gerd Bessler noch für lange Zeit präsent bleiben. Die Bezeichnung „akustischer Epitaph“, mit der der produzierende Hessische Rundfunk (HR) dieses Hörstück charakterisierte, das Christine Nagel gemeinsam mit Peter Ehwald realisierte, ist hier genau richtig gewählt.

31.07.2017 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 7/2021

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