Brigitte Glaser: Bühlerhöhe. 2‑teiliges Hörspiel (SWR 4 Baden‑Württemberg)

Mundart, repertoirefähig

30.07.2018 • Die „Bühlerhöhe“, im nördlichen Schwarzwald oberhalb von Baden-Baden gelegen, ist und bleibt eine Legende. 1912 wurde der imposante, schlossähnliche Bau als Offiziersgenesungsheim errichtet; zwei Jahre später begann der Erste Weltkrieg. Ab 1920, zwei Jahre nach Kriegsende, wurde das Gebäude jedoch an private Investoren aus der Region verkauft und zu einem Kurhaus für die Reicheren unter den Reichen umgebaut. Unter den Gästen war auch ein späterer Bundeskanzler, von dem noch die Rede sein wird. Berühmte Sportler, ganze Weltmeisterteams, Tennisgrößen und schließlich auch Gäste aus dem fernen europäischen Osten erhielten – nicht zuletzt in finanzieller Hinsicht – die Legende über Jahrzehnte am Leben. Dann aber ging es bergab, bis schließlich 2013 die „Bühlerhöhe“ samt weiteren Immobilien an eine Investmentfirma aus Kasachstan veräußert wurde. Seither steht das Gebäude leer und wird mehr und mehr marode.

Die Geschichte dieses einst so noblen Erholungsorts beziehungsweise ein politisch äußerst spannender Abschnitt daraus hat die in Freiburg lebende Autorin Brigitte Glaser zu ihrem Roman „Bühlerhöhe“ veranlasst. In einer Bearbeitung von Christel Freitag und Günter Maurer (der auch für die Regie verantwortlich zeichnet) ist diese zweiteilige Adaption im Juni als Hörspielversion im Programm SWR 4 Baden-Württemberg zu hören gewesen. Und das ist fast eine kleine Sensation, denn dieses regionale Programm legt den Schwerpunkt im Wortbereich nahezu ausschließlich auf die Berichterstattung aus Baden-Württemberg. Das Musikangebot besteht hauptsächlich aus „melodiöser, deutschsprachiger Musik“, wie es im Infotext des Senders heißt. Dazu werden deutsche und volkstümliche Schlager gezählt, Schlageroldies, Evergreens und dann und wann gibt es „leichte Klassik“. Ab und zu wird ein Mundarthörspiel in den unterschiedlichen Dialekten des Sendegebiets eingefädelt, was von den vielen an Mundart interessierten Hörern dem Vernehmen nach sehr goutiert wird. Eine zweiteilige Produktion ins Programm zu nehmen, deren Mundartbestandteil weit weniger umfangreich ist als der hochdeutsche – das ist auf SWR 4 jedoch ein Experiment und ein spannendes Angebot zugleich.

Hörer aus der Region – oder ihr biografisch verhaftet – müssen nicht erst in die örtlichen Gegebenheiten eingeführt werden. „Man“, ob jung oder alt, kennt die „Bühlerhöhe“. Eine Legende eben. Und so kann sich die Bearbeitung mit einem ausreichenden Minimum an Exposition und mit Hilfe eines Erzählers auf das spionagehaft konstruierte Geschehen konzentrieren.

Brigitte Glaser folgt in ihrem Roman dem Axiom der angelsächsischen Romantheorie, das da lautet: „Man is interested in man.“ Der Mensch interessiert sich für das, was den Menschen ausmacht, so könnte man dieses Diktum übertragen. Und das bedeutet in diesem Fall, dass das, was im Roman geschieht, so auch in der Wirklichkeit hätte geschehen können. Teile des Geschehens sind historisch, andere wiederum fiktional. Gleiches gilt für die handelnden Personen.

Die Handlung von „Bühlerhöhe“: Man schreibt den Sommer 1952. In Deutschland wird das sogenannte Wiedergutmachungsgesetz diskutiert. Erst am 29. Juni 1956 wird es verabschiedet und beinhaltet, dass „Personen, die während der Zeit des Nationalsozialismus aus politischen, rassischen, religiösen oder weltanschaulichen Gründen verfolgt wurden und dadurch Schäden an Leben, Körper, Gesundheit, Freiheit, Eigentum oder Vermögen sowie im beruflichen oder wirtschaftlichen Fortkommen erlitten haben, eine Entschädigung in Geld gewährt wird“ (Bundesentschädigungsgesetz/BEG). Der erste Kanzler der 1949 gegründeten Bundesrepublik heißt Konrad Adenauer (CDU). Er befürwortet das Gesetz, nimmt sich jedoch auch Zeit für eine Kur im Schwarzwald. (Seine Aufenthalte in der „Bühlerhöhe“ sind im Übrigen historisch verbürgt.)

Nicht verbürgt, aber im Überzeugungsrahmen der Fiktion eines solchen Stücks durchaus glaubwürdig, sind hingegen die Morddrohungen gegen ihn aus verschiedenen Richtungen, auch von einer Extremistengruppe aus Israel. Um den Kanzler während seines Urlaubs zu schützen, schickt der israelische Geheimdienst Mossad Rosa Silbermann, eine junge Frau aus einem Kibbuz, in das Nobelhotel. Mit ihrem Großvater und ihrer Schwester war sie als Kind einst jedes Jahr während der Sommerferien in der „Bühlerhöhe“ zu Gast und ist von daher mit Land und Leuten vertraut.

Rosa und ihre Schwester haben als einzige aus der Familie den Holocaust überlebt. Als Ehefrau getarnt, soll sie nun an der Seite des erfahrenen Agenten Ari Goldstein einen möglichen Anschlag auf Adenauer vereiteln. Waffenhändler, die schon während des Nationalsozialismus im Regierungsauftrag tätig waren, bundesdeutsche Sicherheitsbeamte und ein arabischer Dunkelmann treiben die ohnehin spannende Handlung turbulent voran. Untergrundorganisationen machen Rosa Silbermann, der Detektivin wider Willen, das Leben schwer. 

Doch schließlich zieht das Schicksal die Glückskarte. Die Kugel, die den Kanzler auf dem Weg zu einem Violinkonzert hätte treffen sollen, verfehlt ihn um Haaresbreite. Die unerwartete Wendung bringt ein Violinvirtuose, der plötzlich in der Schusslinie steht, ihn streift der Adenauer zugedachte Schuss. Die Kugel verfehlt dadurch den Bundeskanzler, sie bringt aber auch den Violinisten nicht um. Theaterwissenschaftler nennen so etwas einen „Deus ex machina“. Ein beliebter Bühnentrick des Barocktheaters, wo eine alles regelnde Gottheit aus einer Maschine herauskatapultiert wurde, um – wie schon in der Antike – tragische Konflikte, die sich kraft menschlicher Handlungen nicht lösen ließen, doch zu lösen und so durch dieses überraschende Eingreifen dem Geschehen die Schlusswende zu geben. Der Violinvirtuose, ein Jugendfreund von Rosa Silbermann, wird sie von nun an durchs Leben begleiten.

Es ist, was im Stück „Bühlerhöhe“ geschieht, eine Geschichte von televisionärer Gediegenheit, so könnte man sagen. Doch in sich ist sie stimmig – und warum sollte nicht auch in den heutigen abgekühlten Zeiten ein Happy End eine Chance haben? Günter Maurer hat mit Präzision, zeittypischen Einspielungen und ohne auf Sentimentalitäten auszurutschen, sorgfältig inszeniert und die Spannung über mehr als einhundert Minuten gehalten. Mundartpassagen, teils badisch, teils elsässisch, geben ein regionales Kolorit ohne Provinzialismus. Stephan Moos als alter Hausdiener Leopold und Caroline Sessler als Rosas Kinderfreundin Walburg sind da besonders zu erwähnen.

SWR-4-Hörer hätten sich vielleicht einen verstärkten Dialekteinschlag gewünscht. Aber das hätte möglicherweise diejenigen ausgeschlossen, die den Dialekt nicht mehr oder – als „Zugereiste“ – noch nicht so gut verstehen. Und schließlich ist die Produktion mit dieser redaktionell wohlüberlegten Dosierung im Süden Deutschlands ebenso wie anderswo in der ARD oder auch in der benachbarten Schweiz durchaus repertoirefähig.

30.07.2018 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK