BR-Produktion „Erinnerungen einer Überflüssigen“ zum Hörspiel des Monats Juni gewählt

21.07.2020 •

Die zweiteilige Produktion „Erinnerungen einer Überflüssigen“ nach dem gleichnamigen Buch von Lena Christ ist von der Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste zum Hörspiel des Monats Juni gewählt worden. Die Realisation der Hörspielfassung besorgte Stefanie Ramb (Bearbeitung und Regie). Mitwirkende Akteure in dem Stück sind Brigitte Hobmeier, Helena Schrei, Johanna Bittenbinder, Katja Bürkle, Sarah Camp, Martin Feifel, Winfried Frey, Beate Himmelstoß, Barbara Maria Messner, Klaus Stiglmeier und Stefan Murr. Produziert wurde der Zweiteiler vom Bayerischen Rundfunk (BR), der die beiden 52-minütigen Teile an den Pfingsttagen 31. Mai und 1. Juni in seinem Programm Bayern 2 erstmals ausstrahlte (jeweils um 21.05 Uhr). Redaktionell verantwortlich für die Produktion war seitens der BR-Hörspielredaktion Katarina Agathos. Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste scheibt zur Begründung ihrer Wahl:

«„Das Leben hielt mich fest und suchte mir zu zeigen, dass ich nicht das sei, wofür ich mich so oft gehalten, eine Überflüssige.“ So schreibt die bayerische Schriftstellerin Lena Christ (1881-1920) in ihrem Romandebüt „Erinnerungen einer Überflüssigen“ (1912). Mit eindringlicher und direkter Sprache zeichnet sie darin ein Mädchen- und Frauenleben um 1900 im katholischen Bayern auf. Dieses Leben ist geprägt von Gewalt und Armut, denen das Kind und später auch die junge Frau hilflos ausgeliefert ist. Es steht damit im deutlichen Gegensatz zu den schillernden Frauenbiografien der Bohème, hinter denen die Frauenschicksale der Arbeiterschicht und Landbevölkerung oft verblassen oder gar nicht erst zur Sprache kommen. Diese Mädchen- und Frauenschicksale finden nun in der Hörspielneuproduktion „Erinnerungen einer Überflüssigen“ eine Stimme.

Die Dramaturgie des Hörspiels vertraut der klaren, plastischen Direktheit von Lena Christs Sprache. Durch den sehr bewussten, nie anbiedernden Einsatz von Mundart und durch die hervorragende Leistung der Sprecher und der Sprecherinnen, wie etwa Brigitte Hobmeier als Erzählerin oder Johanna Bittenbinder als Mutter, gelingt es dem Hörspiel, sein Publikum auf akustischem Wege direkt zu erreichen und festzuhalten. Die Geschichte der „Leni“ fasziniert und berührt in ihrer Schlichtheit und Tragik. Schonungslos dokumentiert sie einen Zirkel von Gewalt innerhalb von Familien oder durch Ehepartner, denen viele Kinder und Frauen bis heute ausgeliefert sind. Diese literarische Komponente der Romanvorlage so eindringlich herauszustellen, ist eine große Leistung des Hörspiels.

Hervorgehoben werden soll an dieser Stelle auch die hohe Qualität der Hörspielmusik von Evi Keglmaier und Greulix Schrank. Sie unterstützt den Inhalt des Textes nicht nur atmosphärisch. Durch das Zitieren und Verfremden von volksmusikalischen Elementen vollzieht sie im Medium Musik das, was das Hörspiel auch auf textlicher Ebene tut: die Austreibung jeder Art von Heimeligkeit aus der „Heimatkunst“, auf die das Schaffen von Lena Christ in der Rezeption allzu oft reduziert wurde.

Das Buch endet mit Christs Emanzipation als Schriftstellerin. Nur acht Jahre später, am 30. Juni 1920, nahm sich Lena Christ mit 38 Jahren das Leben. Durch die Hörspieladaption des Bayerischen Rundfunks wird die Biografie der bedeutenden bayerischen Schriftstellerin anlässlich ihres 100. Todestages wieder greifbar und zugänglich. Nicht zuletzt dies macht die Hörspielproduktion „Erinnerungen einer Überflüssigen“ zum Hörspiel des Monats Juni.»

21.07.2020 – MK

Print-Ausgabe 15/2020

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