Boris Nikitin: Versuch über das Sterben (WDR 3/WDR 5/SRF 2 Kultur)

Wagnis und Widerspruch

23.04.2021 •

Der in Basel geborene Theaterregisseur Boris Nikitin, Sohn ukrainisch-slowakisch-französisch-jüdischer Einwanderer, verlor im Sommer 2016 seinen Vater, der an der unheilbaren Nervenkrankheit ALS erkrankt war (ALS ist die Abkürzung für: Amyotrophe Lateralsklerose). Den Tod seines nahen Angehörigen verarbeitete Nikitin unter anderem in dem Theaterstück „Versuch über das Sterben“, das am 24. Januar 2020 in Freiburg seine Uraufführung auf der Bühne hatte. Eine Radioadaption des Textes wurde als Koproduktion von Westdeutschem Rundfunk (WDR) und Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) umgesetzt und im Februar und März ausgestrahlt.

Der vom Autor selbst eingesprochene Hörspielmonolog beginnt mit einer Rückbesinnung auf sein 2016 entstandenes Bühnenstück „Hamlet“, Nikitins Umschreibung des gleichnamigen Shakespeare-Stoffs. Hierfür verfasste er einen kurzen Text über Krankheit und Tod seines Vaters, den er, sich selbst zitierend, auch im Hörspiel „Versuch über das Sterben“ wiedergibt. Das Zitat hebt an mit den Sätzen: „Vor ein paar Tagen ist mein Vater gestorben. Ich möchte hier eigentlich nicht darüber sprechen, weil es so privat ist.“ Nikitin spricht aber selbstverständlich doch darüber – sonst wäre ja auch das vorliegende Hörspiel gar nicht oder zumindest nicht in dieser Form erschienen.

Während sich der etwa dreiminütige Textauszug aus seinem „Hamlet“ nur mit dem konkreten Ereignis des Abschiednehmens am Sterbebett beschäftigt, geht das insgesamt 48-minütige Stück „Versuch über das Sterben“ einen Schritt weiter. Nicht umsonst klingt der Titel sehr essayhaft. Vom Sterben des Einzelnen geht es hin zum Thema des Sterbens im Allgemeinen. Ein Kontrast dazu findet sich dann im lebensbejahenden Gebiet der Sexualität. Die Verknüpfung von Eros und Thanatos findet Nikitins Stück in der Praxis des Coming-out.

Schon zu Beginn der Krankheit zog der Vater die Möglichkeit eines assistierten Suizids in Betracht, sollte die fortschreitende Lähmung ein für ihn unerträgliches Ausmaß annehmen. Diesen Wunsch äußerte er ganz offen gegenüber der Familie – ein Coming-out sozusagen. Ein Coming-out hatte einst auch Boris Nikitin selbst, als er sich im frühen Erwachsenenalter als homosexuell outete.

So geht es in dem Stück denn auch schon bald um die Praxis des Coming-out als ‘Empowerment’ in der Hinsicht, dass ein Mensch die Sprache ergreift, offen über sich redet und durch dieses Sprechen über seine Persönlichkeit imstande ist, vermeintliche Schwäche in Stärke umzukehren. In diesem Sinn ist „Versuch über das Sterben“ ein tatsächlich lebensbejahendes Hörspiel und ein weltlich geprägtes Plädoyer für mehr Offenheit.

Allerdings tendiert Nikitin durchaus zu einer dogmatischen Sicht, wenn er das Coming-out zur Pflicht erhebt. Das erscheint dann doch übertrieben und funktioniert nur mit einer enormen begrifflichen Erweiterung des Coming-out – etwa auf das Gebiet der Kunst. Was auch befremdet, ist Nikitins Verzicht, Perspektiven, die außerhalb oder am Rande der Wohlstandsgesellschaften angesiedelt sind, in sein Sprechen über das Sterben einzubeziehen. Denn es gibt sicher mehr Menschen, die mit allen Mitteln versuchen am Leben zu bleiben und denen dies durch die Umstände verwehrt wird, als solche, die einen assistierten Suizid herbeiwünschen. Was Nikitins Vater angeht, kam es letztendlich nicht zur konkreten Entscheidung für Sterbehilfe. Er unterzog sich nicht zuletzt auf Drängen seines Sohnes noch einmal einer potenziell lebensverlängernden Operation. Dabei kam es jedoch zu einer Infektion, die dazu führte, dass der Vater wenig später starb.

Alles in allem ist „Versuch über das Sterben“ ein sehr persönliches Stück, in dem der Autor und Sprecher Boris Nikitin viel wagt und dabei statt Selbstentblößung Selbst-‘Empowerment’ betreibt. So finden Form und Inhalt in gewisser Weise zueinander. Von einer reinen Autorenlesung im Radio unterscheidet sich das Stück durch die wechselnden Arrangements bezüglich des Aufnahmemodus mit wahrscheinlich unterschiedlichen Mikrofonen und durch als Trennelemente eingesetzte Cluster von Atmern (die vermutlich aus einer reinen Lesung herausgeschnitten worden wären).

Es bleibt vielleicht die Frage, warum in Zeiten des massenhaften Sterbens durch ein neuartiges Virus WDR und SRF bei Boris Nikitin nicht ein neues Stück zur Thematik in Auftrag gegeben haben, sondern lieber sein altes adaptieren wollten. Das ist etwas schade, aber trotzdem: Man sollte sich den „Versuch über das Sterben“ auf jeden Fall anhören – nicht zuletzt weil Stücke, die zu Widerspruch anregen, für eine sogenannte Debattenkultur unerlässlich sind.

23.04.2021 – Rafik Will/MK

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