Bertolt Brecht: Trommeln in der Nacht (RBB Kultur)

Politische Energie

03.07.2020 •

„Glotzt nicht so romantisch!“ stand auf dem Plakat, mit dem auf die Premiere des zweiten Theaterstücks des jungen Autors Bertolt Brecht aufmerksam gemacht wurde, das Stück „Trommeln in der Nacht“. Das war 1922 vor den Türen der vor allem für zeitgenössische Theaterliteratur vorgesehenen Münchner Kammerspiele in der prächtigen Maximilianstraße. An dieser Shopping- und Kulturmeile lassen noch heute Gutbetuchte aus allen Ländern der Welt viel Geld für Mode und Accessoires, mal auch für einen Theaterabend und feine Küche.

Genau darauf zielte die Provokation des damals 24-jährigen Autors aus Augsburg, der damit das in seinen Augen „kulinarische“ Publikum aufrütteln wollte, um es zur Abkehr von dieser rein konsumistischen Haltung zu drängen. „Mitleid ist tabu“ ist ebenso ein Zitat aus dem Stück wie das anfangs genannte. Wie das Theaterstück „Trommeln in der Nacht“ auf den einzelnen Zuschauer gewirkt hat, ist natürlich nicht bekannt. Aber seinem Autor hat es in Fachkreisen zu frühem Ruhm verholfen. Einer der damals bekanntesten Theaterkritiker, der nur zehn Jahre ältere Herbert Ihering, verhalf Brecht für dieses Stück zum Kleist-Preis, der 1912 geschaffen wurde und bis heute als Meilenstein in jeder Autorenbiografie gelten darf.

Lange war es recht still geworden um den 1956 in Ost-Berlin gestorbenen Bert Brecht. Nun regt sich wieder an manchen Theatern neues Interesse und auch die Hörspieldramaturgien werden hellhörig. Vermutlich ist es nicht nur dem mantraartig beteuerten Sparwillen der Sender zu verdanken, dass das nunmehr rechtefreie (und somit finanziell günstigere) Stück „Trommeln in der Nacht“ jetzt wie beim Rundfunk Berlin-Brandenburg in den Hörspielsendeplan von RBB Kultur aufgenommen wurde. Ganz sicherlich wurden auch Zeitbezüge für diese Programmentscheidung bemüht: zunehmende Arbeitslosigkeit, zunehmende Verelendung des Großstadtproletariats, zunehmendes Gewinnlertum und vieles andere mehr. Es sind auch heute wieder aktuelle Themen des Stücks. Wie meist bei Analogien treffen sie nicht in toto zu, aber hier stehen sie offensichtlich als Rechtfertigung dafür, dem Alten eine Wirkung auf das Neue abzugewinnen.

Das Alte, das ist die gelegentlich fast klischeehaft wirkende Aufstellung der Personen: das verlassene Liebchen, Anna Balicke, und seine ziemlich wackeren Eltern, die doch nach Aufnahme in die höheren Kreise gieren und dafür schon auch mal das Glück der Tochter opfern würden. Die große Liebe der tüchtigen, von echter Liebe beseelten Anna ist Andreas Kragler. Nach vier Jahren in Afrika als Gefangener kommt er zurück, um seine Anna zu suchen. Und findet sie. Jedoch nicht auf den Wogen romantischen Glücks, sondern geschwängert von einem Anderen, dem Kriegs­gewinnler mit dem schönen Namen Friedrich Murk. Ihm steht der Schnapshändler zur Seite, der seinerseits den schönen Namen Glubb trägt.

Beiläufig spielt die Handlung am Vorabend des Spartakus-Aufstands, einer Arbeiterrevolte, die schließlich im Januar 1919 zum Sturz der Regierung Ebert führte. Vor diesem historischen und zur Uraufführungszeit des Theaterstücks noch äußerst aktuellen Hintergrund siedelt Brecht die Handlung an, die aus heutiger Sicht ein wenig unbedarft wirken mag, aber eben dem auf politische Wirkung, nicht auf psychologische Dramatik fokussierten Autor entsprach.

An vielem lässt sich ablesen, dass Brecht, als er „Trommeln in der Nacht“ schrieb, noch ein sehr junger Autor war. Das Stück zeigt nicht eine Stärke nach Art des kraftstrotzenden Kugelstoßers, wie der Autor bei seinem ersten Theaterstück „Baal“ wahrgenommen werden konnte. Aber es strahlt eine politische Energie aus, die alle genannten Einwände überspült wie eine Riesenwelle. So stellt sich vor die angedeutete Musealität des Stücks die Kraft der Brechtschen Sprache, die auch in diesem frühen Theaterstück ihre Ursprünglichkeit und Ausdrucksstärke zeigt. Der Umgang mit der Syntax wirkt – wie auch in späteren Stücken – fast unbekümmert. Man kann auch Reste süddeutscher Mundart erkennen, wenn man möchte. Doch all dies ist marginal gegenüber dem unbedingten sprachlichen Gestaltungswillen, den dieses Aufreißen tradierter Sprach- und Sprechweisen zeigt. Und dabei geht dem Autor die Sensibilität für die Armen, die Einfachen, die Unterdrückten – und in diesem Stück auch für die Liebe – nicht verloren.

Besetzt wurde die knapp einstündige Hörspielinszenierung von „Trommeln in der Nacht“ unter anderem mit jungen, außerhalb Berlins wohl noch weniger bekannten Schauspielern (Absolventen der Universität der Künste Berlin/UdK). Regisseurin Christine Nagel führt sie sehr überlegt und ohne schiefe Modernismen aus den Bedingungen der Entstehungszeit in die Wahrnehmungsweise der Gegenwart.

03.07.2020 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

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