Bernhard Studlar: Die Ermüdeten oder Das Etwas, das wir sind (RBB Kultur)

Lieben Sie Partys?

27.03.2020 •

Im Jahr 1972, als der österreichische Theaterautor Bernhard Studlar geboren wurde, brachte die Sängerin Daliah Lavi die Single „Lieben Sie Partys?“ heraus. Ob der Song, der die zwanghafte Zwanglosigkeit von Partys spöttisch abhandelt, eine Rolle in Bernhard Studlars weiterem Leben gespielt hat, weiß man nicht. Der im Titel des Liedes gestellten Frage immerhin hat er sich gewissermaßen mit seinem Hörspiel „Die Ermüdeten oder Das Etwas, das wir sind“ gewidmet. Im Zentrum des 54-minütigen Stücks steht eine anlasslose Privatfeier in einer großstädtischen Dachgeschosswohnung.

Bevor das abendliche Freizeitgeschehen beginnen kann, findet allerdings ein nicht unerhebliches Vorspiel statt. In der Eröffnungsszene erhält ein um die 40 Jahre alter Mann (Florian Lukas) nach der Arbeit von seiner Kollegin einen Korb und versinkt nach ihrem Abgang in einen selbstmitleidigen Monolog. In der nächsten Szene, zu der mit dem Geräusch eines fahrenden Aufzugs übergeleitet wird, steht dieser Mann, bereit zum Suizid, auf der Dachterrasse einer fremden Wohnung – genau der Wohnung, in der bald die erwähnte Party stattfinden soll.

Der zufällig in diesem Moment aufkreuzende Gastgeber (Godehard Giese) hält in einer Mischung aus Fürsorglichkeit und Zynismus den Lebensmüden vom Selbstmord ab, indem er nicht nur Getränke, sondern auch eine in seinem Besitz befindliche Handfeuerwaffe auf die Terrasse holt. Mit der sei ein Selbstmord im Gegensatz zu einem Sprung aus dem achten Stock auf jeden Fall erfolgreich zu bewerkstelligen. Der gerade noch selbstmordgefährdete Mann nimmt die Waffe daraufhin an sich und lädt sich selbst auf die bevorstehende Feier ein. Vom Gastgeber verlangt er, die Party wie geplant durchzuführen.

Bei dem vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) in Kooperation mit Deutschlandfunk Kultur produzierten Hörspiel „Die Ermüdeten oder Das Etwas, das wir sind“ (Regie: Anouschka Trocker), das am 21. Februar im Programm RBB Kultur urgesendet wurde, handelt es sich um eine Theateradaption. Das zugrunde liegende Bühnenstück hatte seine Uraufführung im September 2015 am Schauspiel Leipzig. Kurz darauf einzugehen, ist notwendig, denn wie Kritiken zu entnehmen ist, handelt es sich in der Theaterversion des Stoffes bei der suizidalen Person ursprünglich um eine Frau. Durch den Geschlechtswechsel der Rolle gelingt es im Hörspiel, die Thematik der sogenannten ‘toxischen Männlichkeit’ anzuschneiden. Die bedrohliche Atmosphäre, die sich daraus ergibt, dass sich eine bewaffnete, psychisch labile und in ihrer Männlichkeit gekränkte Person während der gesamten Festivität unter den übrigen Leuten befindet, vermittelt sich dabei aber nicht so richtig. Stattdessen werden musikunterlegte Gesprächsbruchstücke kleinerer Gruppen zu einem lockeren Hörpanorama zusammengefügt. Einzelne Rollen sind unter den Gästen nicht genau auszumachen, viele der elf Sprecherinnen und Sprecher haben zwei oder mehr Rollen.

Spottobjekt ist im Hörspiel die Mittelschicht und etwas enger gefasst das linksliberale Bürgertum. Genüsslich breitet Bernhard Studlar in den kurzen Dialogen die Widersprüche aus, in denen diese Menschen leben. Um das zu verdeutlichen, scheut der Autor auch nicht davor zurück, seine Figuren als Karikaturen oder zumindest sehr überspitzt darzustellen: Sie sind besserwisserisch, zänkisch und über die Maßen stumpf. Ihre Gesprächsthemen beim Aneinander-Vorbeireden sind Karriere, nachhaltiger Konsum, das bedingungslose Grundeinkommen oder Beziehungsprobleme. So entsteht ein Bild von erfolglos nach Lebenssinn suchenden Gestalten. Eine souveräne Position innerhalb des Geplauders nehmen skurrilerweise nur ein paar antifeministische Sprüche ein. Die werden, so meint man zu erkennen, ebenfalls von Florian Lukas gesprochen und man rechnet sie als Hörer dadurch unbewusst auch seiner anfänglichen Rolle als Selbstmörder zu.

Nach dem Ende der Party klingt das Hörspiel aus, indem sich der ungebetene Gast als Letzter vom Gastgeber verabschiedet und ihm sagt, er habe die Waffe wieder an ihren Platz gelegt. Bezeichnend ist der Stimmungsumschwung: Der Gastgeber ist nach der Party absolut desillusioniert und der ‘Einbrecher’ geradezu euphorisch. Einer der beiden springt dann von der Terrasse in die Tiefe; wer, das bleibt letztlich unklar, auch wenn der Stimmungsumschwung eher auf einen Selbstmord des Gastgebers hindeutet, es könnte aber auch der Andere sein. Die unter der Dachgeschosswohnung lebende Nachbarin sieht jedenfalls einen Schatten am Fenster vorbeifallen. Ihren Mann oder sich selbst, kann sie jedoch nicht dazu bewegen, ans Fenster zu gehen und nachzuschauen – die Müdigkeit gewinnt.

Als Fazit lässt sich sagen, dass das Hörspiel klangtechnisch sehr ansprechend und professionell gestaltet ist, viele typische Radiohits von den Talking Heads, Iggy Pop oder Massive Attack tun ihr Übriges dazu. Eine clevere Idee ist auch die Dachterrasse als vom Wohnungsinneren unterscheidbarer Klangraum. Unklar ist das Hörspiel jedoch in seiner Haltung, wenn man berücksichtigt, dass es auch davon erzählt, wie sich ein depressiver Männlichkeitsfanatiker am Niedergang und Verfall gesellschaftlicher Werte delektiert und daraus sogar neuen Lebensmut schöpft. Aber vielleicht liebt Bernhard Studlar auch einfach keine Partys und wollte mit diesem Stück Daliah Lavis Frage dementsprechend beantworten.

27.03.2020 – Rafik Will/MK