Benjamin Quabeck/Alexander von Lukowitz: Antikammer. 4‑teiliges Hörspiel (WDR 3)

Zeitspringer

31.08.2021 •

Von H.G. Wells’ Literaturklassiker „The Time Machine“ bis zur BBC-Fernsehserie „Doctor Who“ – Zeitreisen waren und sind ein beliebtes Motiv in der Science-Fiction. Meistens werden dabei neben den Vorteilen, die es haben könnte, sich frei in der Zeit fortzubewegen, die möglichen Risiken und Nebenwirkungen dieser Mobilität thematisiert. Das vierteilige WDR-Hörspiel „Antikammer“ von Benjamin Quabeck und Alexander von Lukowitz stellt die negativen Aspekte des Zeitreisens ins Zentrum seiner Geschichte und lässt seine Figuren andauernd mehr oder weniger zufällig in die Zukunft stolpern. Schuld an den „Sprüngen“ über unberechenbare Zeitspannen hinweg ist, wie gemutmaßt wird, ein Unfall in einem Teilchenbeschleuniger.

Zu Beginn der Handlung des Hörspiels, das aus vier rund 30-minütigen Folgen besteht, schreibt man das Jahr 2025. Es ist Herbst. Die Eingangsszene spielt im Inneren eines Elektroautos, mit dem sich eine dreiköpfige Fahrgemeinschaft durch die Provinz bewegt. Das Lenkrad steuert der technikaffine Büroangestellte Alexander (gesprochen von Elias Reichert), auf der Hinterbank sitzen die Wissenschaftlerin Tara (Isabel Thierauch) und der auf dem Bauernhof aufgewachsene ‘Naturbursche’ Ralf (Felix Vörtler). Plötzlich passiert ein Unglück, das Auto kommt von der Straße ab und merkwürdigerweise sind auf einen Schlag sämtliche technischen Geräte defekt.

Was die leicht verletzten Insassen des Fahrzeugs noch nicht wissen (wenn sie sich auch über die üppige Vegetation am Straßenrand wundern): Sie haben gerade wie auch alle anderen Menschen auf dem Planeten einen Zeitsprung von knapp einem Jahr in den Sommer 2026 gemacht. Damit ist der Spuk nicht vorbei. Es kommt zu weiteren, von da an individuellen Zeitsprüngen, die die Fahrgemeinschaft bis auf Ralf zusammenschrumpfen lassen. Die anderen verschwinden spurlos. Die beiden Autoren des Stücks spielen hier mit den mysteriösen Szenarien menschenleerer Welten, wie sie dem Publikum aus postapokalyptischen Dystopien bekannt sind.

Ralf kommt bald an einem Bauernhof an, auf dem eine junge Mutter namens Luisa (Lou Strenger) ihn mit der Schrotflinte im Anschlag begrüßt. Bald einen etwas weniger feindseligen Ton anschlagend (offenbar von Ralfs Harmlosigkeit überzeugt), klagt sie darüber, dass sie ihren Ehemann vermisst, löst sich dann aber selber scheinbar in Luft auf, nachdem sie losging, um aus dem Keller etwas zu essen zu holen. Zurück bleiben Ralf und Luises Säugling Nora.

Zu unterschiedlichen Zeitpunkten – Tage, Wochen, Monate oder Jahre, nachdem sie „gesprungen“ sind – kehren die Verschwundenen, die „Springer“, wieder zurück oder tauchen auf. Und dann wird den nachvollziehbarerweise verwirrten Leuten, die sie plötzlich wiedersehen, erklärt, was passiert ist. Am Anfang noch dramaturgisch in Dialoge eingebunden, entwickeln sich die wiederkehrenden Erklärszenen im Fortgang des Hörspiels zu Monologen, die zusammen mit dem Wissensstand der Figuren anwachsen.

Die Inspiration für das Hörspiel, so wird angegeben, komme von dem Sachbuch „Die Ordnung der Zeit“ von Carlo Rovelli. Dessen Thesen, die sich darum drehen, dass Zeit subjektiv wahrgenommen wird und deshalb für alle unterschiedlich schnell abläuft, werden in den Monologen aufgegriffen.

Über die skizzenhaft gezeichneten und auswechselbar erscheinenden Figuren könnte man hinwegsehen, da das Thema interessant ist. Leider aber versucht das Hörspiel (Regie: Benjamin Quabeck) mit überlangen Szenen zu Freundschafts- und Beziehungsanbahnungen eine emotionale Grundspannung aufzubauen. Auch der Handlungsstrang um die Trennung und Zusammenführung der Kleinfamilie um Luisa wirkt kitschig. Das Stück ließe sich bestimmt auch als Zeitreise-Parodie hören, wenn die Rollen von Fall zu Fall etwas über- oder unterspielt würden oder wenn ein distanzierter Erzähler vorhanden wäre. Doch das ist nicht der Fall, offenbar soll es gar keine Parodie sein.

Was dem etwas hölzernen Stil des Hörspiels Leben einhaucht, sind die technischen Ideen zur Beherrschung der zeitlichen Unordnung. Vielleicht wäre es vielversprechend für ein etwaiges weiteres Projekt, die potenziellen gesellschaftlichen Folgen dieser Erfindungen weiterzudenken – wie die der titelgebenden Antikammer, einer KI-gesteuerten haptisch-holografischen Umgebung. Kein neuer Gedanke, als Rekonvaleszenz-Umgebung für „Springer“ zur Vorspiegelung vergangener Zeiten aber intelligent in die Geschichte integriert.

31.08.2021 – Rafik Will/MK

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