B5 aktuell: Öffentlich-rechtlicher Nachrichtenkanal geht auf Sendung

08.05.1991 •

„Bayern 5 aktuell“, die fünfte Hörfunkkette des Bayerischen Rundfunks (BR), darf für sich in Anspruch nehmen, der erste öffentlich-rechtliche Nachrichtenkanal in der Bundesrepublik Deutschland zu sein. Seit Montag, den 6. Mai 1991, 6.00 Uhr morgens, strahlt der BR sein neues Programm aus, das im Viertelstunden-Rhythmus die aktuellsten Nachrichten bringt.

Völlig neu für den deutschsprachigen Raum ist, dass B5, wie die neue Infowelle kurz genannt wird, ganz ohne Musikteppich auskommt und, abgesehen von einigen von Klaus Doldinger komponierten Jingles, ein reines Wortprogramm ist. Mit dem ersten deutschen Nachrichtenkanal war am 3. Oktober 1990 schon die private Radioropa Tele und Radio GmbH mit Sitz in Daun/Eifel auf Sendung gegangen (vgl. FK-Heft Nr. 44/90): Das 24-stündige Programm des nur über Satellit zu empfangenden „Radioropa“ besteht dabei aus 55,5 Prozent Wort- und 45,5 Prozent Musikanteil.

15-minütige Nachrichtenblöcke

Bei „Bayern5 aktuell“ wechseln sich nach einem festen Muster zwei – im Prinzip recht ähnliche – 15-Minuten-Blöcke ab. Der eine besteht aus folgendem Raster: zunächst acht Minuten mit Schlagzeilen, kurzer Wettervorhersage, Meldungen und Kurzberichten mit O-Tönen, dann vier Minuten Nachrichten zu Spezialthemen bzw. Korrespondentenberichte, daraufhin eineinhalbminütiger Börsenbericht, schließlich ein ausführlicher Wetterbericht plus Verkehrsservice (30 Sekunden) sowie abschließend Werbung (eine Minute). Der andere Block hat folgendes Raster: fünf Minuten Nachrichten mit kurzer Wettervorhersage, sechseinhalb Minuten Nachrichten zu Spezialthemen bzw. Korrespondentenberichte, einminütiger Börsenbericht, ausführlicher Wetterbericht plus Verkehrsservice (eineinhalb Minuten) sowie zum Abschluss eine Minute Werbung. Die alle 15 Minuten gesendeten Nachrichten werden dabei laufend auf den neuesten Stand gebracht oder auch teilweise wiederholt. Dieses Muster gilt jeweils von montags bis samstags zwischen 6.00 und 24.00 Uhr. Im Fall einer fortlaufenden Live-Übertragung eines Großereignisses, beispielsweise eines Fußballspiels, behält sich B5 vor, sein Programmraster für diesen Zeitraum aufzulösen.

Am Sonntag ist B5 stets von 7.00 bis 22.00 Uhr zu hören. Dann gibt es zu jeder vollen und halben Stunde fünf Minuten Nachrichten. Dazwischen, 15 Minuten vor bzw. nach jeder vollen Stunde, werden Kurzinformationen in Schlagzeilenform gesendet. Zwischen Nachrichten und Schlagzeilen bringt B5 am Sonntag, zum Teil als Wochenrückblick, aus allen Ressorts (vom Bergsteigerservice über den Sport und die Wissenschaft bis zum Kirchenfunk) spezielle Beiträge, die feste Programmplätze haben und überwiegend von Fachredaktionen des Bayerischen Rundfunks angeliefert werden sollen. Sonntags gibt es keine Werbeeinblendungen. An jedem Werktag nimmt der Anteil der Werbung in toto 18 Minuten des Gesamtprogramms ein, wobei die Werbung nur zur Primetime, das heißt zwischen 7.00 und 9.00 Uhr, 11.00 und 13.00 Uhr sowie zwischen 17.00 und 18.00 Uhr gesendet wird.

Das Konzept von B5 aktuell stützt sich auf „die guten Erfahrungen“ (BR-Hörfunkdirektor Udo Reiter) vergleichbarer Infokanäle US-amerikanischer und französischer Machart, besonders France Info in Paris. Der BR-Rundfunkrat hatte in seiner Sitzung am 22. Juni 1990 bei nur einer Gegenstimme den Beschluss zur Gründung von B5 gefasst. In seine neue Nachrichtenwelle wird der Bayerische Rundfunk in den nächsten zwei Jahren zunächst insgesamt rund 20 Mio DM an Investitions- und Betriebskosten stecken. Ein Drittel davon soll über Werbeeinnahmen finanziert werden – aus der in B5 gesendeten Werbung einerseits und der Programmkostenerstattung aus der Bayerischen Rundfunkwerbung (BRW) andererseits. Dabei macht der BRW-Anteil den größeren Part aus, hieß es seitens des Bayerischen Rundfunks, der die Werbezeit auf seiner neuen Nachrichtenwelle bis Ende 1991 bereits komplett verkauft hat. Die Werbesekunde auf B5 ist bisher zu Einführungspreisen zwischen 1,50 und 2,50 DM zu haben gewesen.

Kontroverse Auffassungen über Werbemöglichkeiten

Die Verantwortlichen in München rechnen für ihre News-Welle zunächst mit einer Reichweite von drei bis fünf Prozent. Probleme in der Abdeckung gibt es, weil die fünfte Sendekette des Bayerischen Rundfunks terrestrisch über UKW derzeit nur knapp über 50 Prozent der Bevölkerung des Bundeslandes erreicht. Lediglich über die Mittelwelle (801 kH) ist B5 nahezu ganz Bayern zu hören, dies mit der Einschränkung, dass der neue Infokanal zwischen 19.00 und 22.30 Uhr zugunsten des Ausländerprogramms ausgeblendet wird. Eine Reichweitenverbesserung erhofft sich der BR spätestens dann, wenn B5, wie beabsichtigt, über den Satelliten Astra 1C direkt abgestrahlt wird, der allerdings nicht vor dem Frühjahr 1992, vielleicht auch erst 1993 verfügbar sein wird. Die Verhandlungen über eine mögliche Satellitenabstrahlung der fünften BR-Hörfunkkette sind im Gange, ein Ergebnis ist aber bisher nicht absehbar.

Sobald B5 über Satellit zu empfangen wäre, dürfte – entsprechend Paragraph 3 Abs. 6 des Rundfunkstaatsvertrags vom 1. April 1987 – über den bayerischen Nachrichtenkanal keine Werbung mehr gesendet werden. Dieser Zeitpunkt ist aber noch nicht absehbar. Im Moment gibt es zwischen dem Bayerischen Rundfunk und der für die Privatsenderaufsicht zuständigen Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) noch kontroverse Auffassungen darüber, ob im B5-Programm überhaupt Werbung gesendet werden darf. Die BLM beruft sich auf eine Vereinbarung aus dem Jahr 1990 mit dem Bayerischen Rundfunk, in der es um die Frequenzverteilung geht und in der gleichzeitig festgehalten ist, dass der BR-Hörfunk seine insgesamt 128 Minuten Werbezeit pro Tag allein im ersten, zweiten oder dritten Hörfunkprogramm platzieren darf. Wenn der BR nun vom Start weg auch in B5 Werbung platziert, nutzt er laut BLM durch diese zusätzliche Diversifikation auf wettbewerbsverzerrende Weise seine strukturellen Vorteile gegenüber anderen, sprich: privaten Hörfunkveranstaltern, aus.

Der Bayerische Rundfunk teilt diese Ansicht nicht, sondern verweist darauf, dass er für B5 seine Werbezeit nicht ausdehnt, sondern das zugestandene Volumen lediglich anders verteilt. Demgegenüber hat nach seiner Sitzung am 28. Februar dieses Jahres auch der BLM-Medienrat erklärt, er gehe davon aus, dass B5 spätestens ab 1992 aus den genannten Gründen keine Werbung mehr sende. Solange sich der BR nicht an diese Aufforderung hält, so hat die BLM eindeutig zu verstehen gegeben, wird B5 auch nicht die zur Vollabdeckung über UKW benötigten weiteren terrestrischen Frequenzen erhalten. Das Problem steht ungelöst im Raum. Für die in diesem Jahr bereits verkaufte Werbung in B5 hat die Landesmedienanstalt ausnahmsweise ihre Zustimmung gegeben. Der BR beabsichtigt weiterhin, solange in B5 zu werben, bis der Nachrichtenkanal über Satellit ausgestrahlt wird.

Die Zielgruppe von B5 aktuell“ sind, so formulierte es der Bayerische Rundfunk, „Hörer, die aus beruflichen Gründen oder aus privatem Interesse stets auf dem Laufenden des aktuellen Zeitgeschehens sein wollen“. Redaktionsleiter der völlig neu aufgebauten B5-Redaktion ist Wolfgang Aigner, 39, dem sechs Chefs vom Dienst zur Seite stehen. Darüber hinaus verfügt der Nachrichtenkanal über ein recht junges Team von 27 festen Redakteurinnen und Redakteuren (15 Männer, 12 Frauen), deren Durchschnittsalter 30,6 Jahre beträgt. Überdies wird B5 das ARD-Korrespondentennetz und das BR-eigene Netz von rund 60 Regionalkorrespondenten in Bayern nutzen.

08.05.1991/FK

• Text aus Heft Nr. 19/1991 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

08.05.1991

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