Axel-Eggebrecht-Preis für Walter Filz, Günter-Eich-Preis für Paul Plamper

27.02.2021 •

Weil wegen der Corona-Pandemie der Axel-Eggebrecht-Preis im vorigen Jahr nicht vergeben konnte, wurde er in diesem Jahr zusammen mit dem Günter-Eich-Preis verliehen. Die beiden mit je 10.000 Euro dotierten Auszeichnungen werden im jährlichen Wechsel von der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig ausgelobt und würdigen das Gesamtwerk eines Autors, der sich um das Hörfunkfeature bzw. das Hörspiel verdient gemacht hat. Am 13. Januar gab die Stiftung bekannt, wer in diesem Jahr die beiden Preisträger sind.

Der Axel-Eggebrecht-Preis 2021 geht an den 1959 in Köln geborenen Feature-Autor Walter Filz, der auch Leiter der Abteilung Radiokunst des Südwestrundfunks (SWR) ist. Die drei Jury-Mitglieder beim Axel-Eggebrecht-Preis waren die Schriftstellerin Linde Rotta, die WDR-Feature-Redakteurin Leslie Rosin und Ulrike Toma, Leiterin der NDR-Abteilung Radiokunst.

Seinen Durchbruch feierte Walter Filz mit dem halbstündigen Feature „Wolfsmilch und Königswasser. Zur Ästhetisierung des Katzenfutters im ausgehenden 20. Jahrhundert“ (WDR 1990), das ihm beim Prix Futura 1991 den Åke-Blomström-Memorial-Preis einbrachte. Es folgten Features über das Fernsehquiz („Der Kampf, der Mensch, seine Fragen und ihre Antworten“, WDR 1992), über die Sprachbeschleunigung auf Bühne, Bildschirm, Straße und T-Shirt („Red schneller, Liebling! oder die Zentrifugalkraft der Bedeutung“, WDR 1993), über eine Science-Fiction-Geschichte des sprechenden Computers („Das Reden der Rechner“, Deutschlandfunk 2004) und viele Arbeiten mehr.

Bis die These im Akustischen explodiert

Ausflüge ins Hörspiel unternahm Filz erstmals mit der „Lauschangreifer“-Trilogie (WDR 1997/98), die aus sinnentstellender, sprich: fiktionalisierender Montage vorgefundenen Materials besteht. Im Jahr 2001 erhielt er für das Stück „Pitcher“ den Hörspielpreis der Kriegsblinden. Sein Dokumentarpassionsspiel „Pieta Piëch“ (SWR 2013) wurde sogar szenisch auf den ARD-Hörspieltagen aufgeführt. Als letztes hat sich Walter Filz zusammen mit dem SWR-Essay-Redakteur Michael Lissek in zwei zehnteiligen Staffeln der Serie „Akte 88 – Die tausend Leben des Adolf Hitler“ satirisch mit dem Phänomen Verschwörungstheorien auseinandergesetzt (SWR 2018/19).

Die Jury schrieb in ihrer Begründung zur Preisvergabe: „Walter Filz’ Feature-Können, das er als freier Autor bewiesen hat, ist einzigartig, seine Beobachtungsgabe, sein Lästervergnügen sind es auch – sowie seine Kunst, aus einer Erkenntnis Pop zu machen und aus Pop ein Feature. Bei Filz wird die Sendung zum Mix aus Zeitreise und Partytalk. Was scheinbar als Lehrstunde startet, endet als Dance-Hit mit dem gewissen Extra. Irritationspotenzial inklusive. Geleitet von seinem Humor und dem Mut, sich auf eine Aussage einzulassen und eine darauf fußende These feingliedrig und pompös, tiefsinnig und brüllend komisch zu explorieren, führt Filz den Gedanken an seine Grenze – bis die These mit den Mitteln des Radios im Akustischen explodiert. Bravourös.“

Die Jury des Günter-Eich-Preises 2021 zeichnete den 1972 in Ulm geborenen Hörspielmacher Paul Plamper aus. Seit seinem Debüt „(schreibt auf. unsere haut.) – Projekt RAF“ (HR 1999) beschäftigt sich Plamper mit grenzüberschreitenden Formen des Hörspiels. In seinem Stück „TOP HIT leicht gemacht“ (WDR 2002) wurde ein Popsong komponiert, der es sogar in die Charts schaffte (Milton feat. Sky Sci Fire: „I Can See It in Your Eyes“). Plampers frühe Stücke, „noch geprägt vom in den 90ern tonangebenden ‘Pop-Hörspiel’ mit seiner Offenheit für Musik und akustische Konzepte, für Collage-Dramaturgien und materialästhetischen Neugier auf Texte und Sprechweisen, bestachen durch die Vehemenz des künstlerischen Anspruchs“, lobte die Jury. Deren Mitglieder waren der frühere WDR-Hörspielchef Wolfgang Schiffer, der ehemalige MDR-Hörspieldramaturg Thomas Fritz und ebenfalls Linde Rotta.

Werke, die nicht in den Archiven verstauben

Paul Plamper, so die Jury in ihrer Begründung weiter, „wagte sich aus der Deckung geltender Konventionen und stellte alle Grundfragen noch einmal. Spätestens mit „Die Unmöglichen“ und „Ruhe 1“ – beide Stücke entstanden 2008 – entwickelte er so zusammen mit seinem Team und seinen Schauspielerinnen und Schauspielern ein Hörspiel, wie man es bis dahin noch nie gehört hatte. Organisiert wie eine Versuchsanordnung, die Gegenwart erforschen und sozialen Konturen und gesellschaftlichen Konfliktlagen nachspüren will, konfrontierten die Figuren, Szenen und Dialoge die Hörer mit situativer, unmittelbarer Mündlichkeit von einer geradezu schockierenden Alltagswahrheit.“ Die Hörspielfassung von Plampers auf Parallelität angelegter Hörinstallation „Ruhe 1“ im Kölner Museum Ludwig wurde 2009 mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet. Der zweite Teil seiner „Ruhe“-Trilogie, „Tacet“, erhielt beim Prix-Europa-Wettbewerb 2011 einen Preis. „Stille Nacht (Ruhe 3)“ wurde im Dezember 2013 zum Hörspiel des Monats gewählt.

Paul Plamper begibt sich für seine Produktionen immer wieder in den öffentlichen Raum und manchmal werden sie auch dort aufgeführt, wie sein Hörspielparcours „Der Kauf“ (WDR/BR/Deutschlandradio Kultur und Schauspiel Köln), der auf verschiedenen Brachen deutscher Großstädte (Köln, München, Berlin) aufgeführt wurde und durch den sich die Hörer mit MP3-Playern und Kopfhören frei bewegen konnten, wie sie sich auch schon an den Tischen der Caféhaus-Installation von „Ruhe 1“ ihren eigenen Weg durch das Hörspiel suchen mussten.

Sämtliche Werke von Paul Plamper verstauben nicht in den Archiven der ARD, sondern sind – wie auch die Hörspiele von Schorsch Kamerun und die der Gruppe Rimini Protokoll – auf der von Plamper begründeten Plattform www.hoerspielpark.de käuflich zu erwerben.

27.02.2021 – Jochen Meißner/MK

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