Anton Rey: Rollkoffer-Rhapsodie (SRF 2 Kultur/SWR 2)

Radiotherapeutisches

20.02.2015 •

Die schweizerische Hörspiellandschaft ist bekannt, vielleicht sogar berühmt für eine dramatische Radioliteratur, in der das Absonderliche, Abstruse und Abseitige mit sehr viel Fingerspitzengefühl und Liebe gepflegt wird. Das alles ist oft gepaart mit sehr viel Selbstironie, Witz und humoriger Weltsicht, die gelegentlich bis in die Abgründe eines Eugène Ionesco (1909 bis 1994) hineinleuchten kann. Von solcher Qualität ist auch das kleine Hörstück „Rollkdoffer-Rhapsodie“ aus der Feder von Anton Rey. Die Produktion der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) war jetzt auch als Übernahme des Südwestrundfunks in dessen Programm SWR 2 zu hören.

Auf dem Weg zu einem Bahnhof treffen sich zwei sehr unterschiedliche Mannsbilder: Der eine beteuert, mit seinem Rollkoffer und seiner Kirschtortenschachtel nach Köln zu wollen, der andere (sicher ein Schweizer) ist auf dem Weg nach Innsbruck. Er gedenkt mit einem Metalldetektor am Patscherkofel, dem Innsbrucker Hausberg, das verschollene und verlustig gegangene Fernglas von Kaiser Franz Joseph selig wiederzufinden. Dort droben soll auch die Sissi von Zeit zu Zeit ihre Skiübungen mit ihrer Kammerzofe gemacht haben. Beide Maulhelden (gesprochen von Walter Andreas Müller und Konrad Beikircher) liefern sich einen amüsanten Wettbewerb des Absonderlichen: „Mich interessiert Sissi nicht. Susi aber schon. Sie ist Sissi-süchtig. Nie lässt Susi Sissi aus. Ruft Susi mich an, dauert’s keine sieben Sekunden und Susi spricht von Sissi. Sie liest über Sissi alles, schaut sich ständig Sissi-Streifen an und sammelt Sissi-Souvenirs. Sissis geschmolzene Skispur hat im Kaiserjägermuseum nichts verloren!“

Der Kabarettist Konrad Beikircher, den SWR-2-Hörer vor allem aus seiner monatlichen Sendung „Pasticcio musicale“ kennen, muss sich in diesem Hörspiel (und das ist für den Alleinunterhalter zunächst ziemlich ungewohnt, aber radiotherapeutisch sicher heilsam) in den Dialog einüben und seine sonst am Mikro oft und oft überbordende rheinische Frohnatur zügeln, zumal der Schweizer Walter Andreas Müller ihm eben doch sympathisch Paroli bieten kann. Die disziplinierende Einbindung Beikirchers in den Rahmen eines Hörspiels, diesmal ganz ohne monologische Hypertrophien, musikalisches Besserwissen und rhetorische Selbstgefälligkeiten, hat der wunderbaren „Rollkoffer-Rhapsodie“ wirklich gut getan. Der rheinische Clown kann also auch zuhören, wenn das Manuskript ihm dies abverlangt! Hierzu sollte man ihm öfters eine Chance geben. Die Regie führte bei dieser 42-minütigen Produktion Claude Pierre Salmony. Er legte dem deutschen Kabarettisten streng die Zügel an. Und das war gut so.

20.02.2015 – Christian Hörburger/MK