Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens. Hörspiel nach dem gleichnamigen Roman der Autorin. Bearbeitung: Irene Schuck (SWR 2)

Im Schatten von Simone de Beauvoir

02.06.2020 •

Annie Ernaux, die Grande Dame der französischen Gegenwartsliteratur, will auch durch den Leser ihrer autofiktionalen Biografien, Romane und Lebensbeichten („Die Jahre“, „Eine Frau“, „Erinnerung eines Mädchens“) erobert werden; die Lektüre hat nichts Leichtgängiges, entbehrt jeder Süffisanz und Anbiederung an die Leserschaft.

Ein Text von Nils Minkmar 2017 im „Spiegel“ über die Autorin hatte die Überschrift „Weiblicher Proust“. Gerrit Bartels kommentierte im „Tagesspiegel“ ihr 2018 bei Suhrkamp erschienenes Buch „Erinnerung eines Mädchens“ (aus dem Französischen von Sonja Finck) mit der Bemerkung: „Aufregend ist, wie Ernaux sich in ihrem Buch selbst umkreist, wie sie nach dem Wirklichkeitsgehalt des Erlebten, dem Erinnern fragt, wie sie um den Erkenntniswert, um die Wahrheit ‘dieser Erzählung’ ringt. Und dass sie weiß, deshalb ist ihre autobiografische Literatur etwas Besonderes, ist ihr Leben ein unerschöpfliches Stoffreservoir: Das Schreiben, das Erlebte mitsamt der Erinnerung daran lassen sich nie gänzlich zur Deckung bringen.“ In Frankreich kam das Buch im April 2016 heraus (Original­titel: „Mémoire de fille“).

Die im Jahr 1940 geborene und vielfach ausgezeichnete Autorin beleuchtet in dem Roman gewissermaßen simultan den Sommer 1958, als das junge Mädchen in einer französischen Ferienkolonie arbeitet, den gewalttätigen Obsessionen männlicher Befriedigung unterliegt und gleichzeitig als reife Autorin sich immer wieder der Vergangenheit und ihrer Erinnerung vergewissern will und muss. Die Verschiebungen von Gewesenem und Erinnertem werden durchmessen, so dass ein schwankendes, nie ganz gesichertes Bild entsteht: „Den Abgrund erkunden zwischen der ungeheuren Wirklichkeit eines Geschehens in dem Moment, in dem es geschieht, und der merkwürdigen Unwirklichkeit, die dieses Geschehen Jahre später einnimmt.“

Der fanatische Rauschzustand einer jugendlich provozierten Bulimie wird angerissen, die Angstbesessenheit bei kleinen Räubereien in Kaufhäusern beschrieben: „Diebstahl ist eine Sache des Körpers, der zu einem Radar wird, zu einer Fotoplatte.“ Die retrograde und sezierende Selbstbeobachtung der Frauwerdung ist unbequem, auch für den Leser, und es mag sein, dass sich auch larmoyante Selbstzweifel miteingeschlichen haben, die vor allem der männliche Leser so empfindet.

Für den Südwestrundfunk (SWR) wurde das Buch nun als Hörspiel realisiert. Für die rund 80-minütige Adaption (Dramaturgie: Andrea Oetzmann) hat Irene Schuck die Bearbeitung und Regie übernommen, wobei die Produktion stets nahe an dem autofiktionalen Bericht bleibt. Hedi Kriegeskotte als zentrales und erzählendes Subjekt-Ich der vielfach gebrochenen Biografie strahlt stimmlich jene souveräne Reife und Geformtheit aus, die den dramatischen Rückblicken zwischen sklerotisierter katholischer Bürgerlichkeit und wilden Emanzipationsgelüsten im Schatten von Simone de Beauvoir oszillierend und bestechend Rechnung trägt.

Mit Anna Drexler als junger Stimme der erzählenden Annie Ernaux wurde eine zweite akustische Facette eingefügt, die dem Hörer die Zeitsprünge zwischen gestern und heute nahelegen oder sogar aufdrängen. Es bleibt aber doch zu fragen, ob diese akustische Differenzierung (jung und alt) in diesem Fall wirklich hilfreich ist und war. Man hätte sich ohne weiteres die Beschränkung und Verdichtung auf eine solitäre, damit monologische Stimme denken können. Sie wäre möglicherweise der Selbsterforschung, die der Bericht intendiert, nähergekommen.

Am 24. Mai (Sonntag) sendete der Hessische Rundfunk (HR) eine weitere Hörspieladaption nach einem Buch von Annie Ernaux: Das Stück „Der Platz“ (Bearbeitung und Regie: Erik Altorfer) wurde an diesem Tag um 14.04 Uhr im Programm HR 2 Kultur ausgestrahlt. Die ebenfalls im Auftrag des HR entstandene und auf CD erschienene Hörspielversion des Ernaux-Romans „Die Jahre“ war 2019 als Hörbuch des Jahres ausgezeichnet worden (vgl. MK-Meldung und MK-Kritik).

02.06.2020 – Christian Hörburger/MK

Print-Ausgabe 18/2020

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren