Anne Krüger: Supermarkt (HR 2 Kultur)

Der rohe Horror des Machtmissbrauchs

30.11.2018 • Der Gang in den Supermarkt kann heute noch bis tief in die Nacht unternommen werden, ohne dass der Einkauf an geschlossenen Türen scheitert. Die in den vergangenen Jahrzehnten gelockerten Ladenöffnungszeiten haben aber nicht nur zu einer weitgehenden Entgrenzung des werktäglichen Konsumzeitfensters geführt; die Arbeitszeiten der Supermarktbeschäftigten und auch vieler Kunden von Geschäften haben ebenso ihre feste Gliederung verloren. Im öffentlichen Raum eines Supermarkts überschneiden sich die Sphären von Arbeit und Konsum, wie sie es sonst vielleicht nur noch im weniger sichtbaren halböffentlichen Raum des Smartphones tun. Der Supermarkt ist damit ein passendes Sinnbild für die Bequemlichkeiten und Zwänge, die abseits der Digitalisierung mit der modernen Arbeitswelt einhergehen.

In Anne Krügers dystopischem Hörspiel „Supermarkt“ ist der titelgebende Ort Ausgangs- und Zielpunkt des kreisförmig geschlossenen Loops der Handlung. Ein Supermarkt stellt hier die horrorfilmreife Kulisse für einen wiederkehrenden Albtraum der Protagonistin Doro (gesprochen von Mira Partecke). Ausnahmslos leer sind die Regale und der einzige auffindbare Mensch ist ein anderer Kunde, der sie fragt, wie ihr das Sortiment gefällt.

Dieser Traum ist nicht nur beunruhigend und Ursache für Todesängste von Doro, er ist sogar potenziell strafbewehrt, da Träume in der retrofuturistisch anmutenden, komplett undigitalen autoritären Gesellschaft, in der Doro und ihr Mann Bronsky (Heiko Raulin) als vereinzeltes Ehepaar leben, grundsätzlich verboten sind. Die beiden haben keine Freunde und empfangen nie Besuch. Wie alle Bürger des Landes gehen sie jeden Tag von 8.00 bis 17.00 Uhr arbeiten und sie essen, schlafen und sehen fern zu festgelegten Zeiten.

Die erste der insgesamt acht Szenen, aus denen das Stück besteht, heißt „Mein Traum ist wie eine Art Wurmloch“. Hier beschreibt Doro zunächst im inneren Monolog ihren wiederkehrenden Albtraum und den immer gleichen Tagesablauf. Dann erzählt sie Bronsky beim gemeinschaftlichen Abwasch von ihrem Traum, woraufhin Bronsky berichtet, ebenfalls jede Nacht zu träumen, und zwar davon, in einem führerlosen Bus ständig im Kreis zu fahren.

Das Desaster nimmt seinen Lauf, als Doro sich entschließt, wegen ihres Albtraums bei der Hotline eines gewissen Dr. Langusti anzurufen, woraufhin prompt zwei Polizisten vor der Tür stehen. Sie werden von Doro wegen Statur bzw. Haarschnitt insgeheim Großer (Gottfried Breitfuß) und Bürste (Bjarne Mädel) getauft. Weil die Gefängnisse mit illegal Träumenden und anderen „Rebellen“ längst überfüllt sind, zieht Bürste bei dem Ehepaar ein, um beide jede Nacht zwecks Traumkontrolle an eine nicht näher beschriebene Apparatur anzuschließen.

Zwei weitere Personen vervollständigen das Sechs-Personen-Stück: Es sind der schon erwähnte Dr. Langusti (Heinrich Giskes) und dessen Sekretärin Cora (Irm Hermann). Langusti ist ein Autokrat, der seinen Hang zu Verboten auslebt und neben Träumen auch den Konsum von Alkohol und Käsecrackern unter Strafe stellt. Cora stellt die perfekt gehirngewaschene Mitläuferin dar. Von ihr stammt der folgende schöne Satz: „Mein Geist ist blank wie eine polierte Fensterscheibe.“ Er gibt der fünften Szene ihren Titel, wie überhaupt alle Szenentitel Figurenzitate sind.

Nachdem Doro und Bronsky beinahe das gesamte Stück über unter der Willkürherrschaft von Dr. Langusti gelitten haben, öffnet sich den beiden durch die Dienstverfehlung des einen (Bjarne Mädel spricht hier einen überzeugend betrunkenen Bürste) und die rebellische Doppelidentität des anderen Polizisten anscheinend ein Tor zur Freiheit. Anscheinend, denn die abschließende Szene des 47-minütigen Stücks trägt nicht nur denselben Titel wie die erste (also: „Mein Traum ist wie eine Art Wurmloch“), sondern wiederholt Abwaschgeschehen und Albtraumbericht beinahe Wort für Wort. Damit ist nicht nur der Loop folgerecht geschlossen; das Überzeugende an dieser Radioarbeit ist gerade auch die Eleganz, mit der durch die kreisförmige Struktur Gewissheiten in Frage gestellt werden, so etwa das Verhältnis von Traum und Realität.

Wie auch die Theateradaption „KOMA Island“, das Debüthörspiel von Anne Krüger (vgl. FK-Heft Nr. 4/09), wurde das Stück „Supermarkt“ vom Hessischen Rundfunk (HR) unter Regie von Andrea Getto produziert (Dramaturgie: Ursula Ruppel). Die düster-groteske Dystopie „Supermarkt“ verdient eine unbedingte Hörempfehlung. Denn anders als bei den üblichen SciFi-Schreckensszenarien nimmt Anne Krüger keine technischen Gadgets in den Fokus. Sie konzentriert sich in ihrem Stück auf den rohen Horror des Machtmissbrauchs. Und vielleicht kritisiert das Stück auch den Gebrauch der vergangenen Zeit von Vollbeschäftigung und festen Arbeitsverhältnissen als Projektionsfläche für die Sehnsüchte des gestressten digitalisierten Menschen – denn ‘die guten alten Zeiten’ hat es nie gegeben.

30.11.2018 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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