Angelika Voigt: Ortswechsel und kein Bär in Sicht (NDR Info)

Paarkonflikte in Alaska

22.06.2020 •

Originalhörspiele haben derzeit nicht gerade Hochkonjunktur. Bearbeitungen klassischer und hochliterarischer Stoffe nehmen ebenso zu wie die von zeitgenössischen Texten oder Theaterstücken. Warum das so ist – obwohl es gar nicht so sein müsste –, hat in den öffentlich-rechtlichen Sendern viele Ursachen. Augenblicklich kommt hinzu, dass auch der Corona-Effekt seinen Teil dazu beiträgt, da Studios zum Teil nicht bespielt werden, Schauspieler nicht reisen können und die Mitglieder der Redaktionen noch überwiegend vom Homeoffice heraus tätig sind, was der mit Corona zusammenhängenden Situation sicher dient, jedoch nicht immer dem Kunstwerk. Umso erfreulicher ist es, dass der Norddeutsche Rundfunk (NDR) die Produktion von Angelika Voigts neuem Hörspiel gerade noch rechtzeitig vor Beginn der Schutzmaßnahmen beenden und das 45-minütige Stück wie geplant am 24. Mai ausstrahlen konnte.

Angelika Voigt hat schon als ganz junge Autorin zahlreiche Kinder- und Jugendhörspiele geschrieben und später auch Fernsehfeatures gemacht. Nach einem Psychologie-Studium nahm sie ihre literarische Arbeit im Bereich Hörspiel wieder auf. Mit ihrem neuen Stück „Ortswechsel und kein Bär in Sicht“ zeigt sie wie in einer Familienaufstellung eine ziemlich irrwitzige und spannende Konstellation zweier mitteljunger Paare. Die Dichte der Kon­struktion erinnert an Kammerspiele der Nachkriegszeit Sartre etwa, Pinter und später Beckett, aber auch Martin Walsers frühe Theaterstücke bauen auf solch eher minimalen Konstruktionen auf. Ein Hörspiel kann jedoch große Dimensionen schaffen und Handlungsorte imaginieren. Die räumlichen Restriktionen der Bühnenpräsentationen sind hier nicht gegeben. Und so bietet sich in dem neuen Stück von Angelika Voigt die menschenleere Weite Alaskas als idealer Hintergrund eines Psychogramms an, das sich jedoch mit fortschreitender Handlung zu einem politischen Thriller entwickelt.

Zwei Paare, in anscheinend intakten Ehen lebend und jeweils gut verdienend, sind auf der Suche nach Ferieneindrücken, mit denen man im Freundes- und Kollegenkreis ordentlich angeben kann. Mit dem Helikopter in Alaska unterwegs, in einem Naturschutzgebiet, Leben im Frost und mit Nahrungsreduktion, das muss es sein – also etwas für harte Männer und Frauen, die einen Grizzlybär so ganz aus der Nähe sehr anturnend finden und in ihm das teuer bezahlte Highlight eines Event-Trips der Luxusklasse sehen. Doch so sollte es nicht kommen. Der Kälte und der zur Schau getragenen Coolness zum Trotz lodern zwischen den Paaren die Konflikte, die Männer zeigen Machtkämpfe, die Frauen betasten sich falsch schnurrend mit verbalen Katzenpfötchen. Man weiß nicht so recht, ob sie sich mögen oder nicht. Alles ist, wie man es sich vorstellen könnte an einem Ort des Einfrierens und der Einsamkeit.

Und dann bleibt nicht nur der Bär aus, sondern auch der Guide. Jetzt erweist sich, dass der Verzicht auf Handys und andere Ortungsgeräte ein Fehler war. Ausharren ist angesagt. Von ferne hört man das Motorengeräusch eines Flugzeugs, aber es dreht bei. Einer der beiden Männer macht sich angeblich auf die Suche nach dem Tourenführer, mit dem man fest gerechnet hatte und von dem nun Leben und Tod abhängen.

Die Situation wird zunehmend beklemmender, angespannter, man fühlt sich mit den immer furchtsamer gewordenen Abenteuerfeiglingen festgefroren – bis die Rettung in letzter Minute naht. Doch damit gleichzeitig auch die allergrößte Gefahr: Ein internationaler Großkonzern auf der Suche nach Bodenschätzen und ausbeutbarem Gelände, illegal durch und durch (da Naturschutzgebiet), hatte in einem der beiden Männer einen Geologen gefunden, der bereit war, solche Terrains aufzuspüren – und zwar unter dem Deckmantel einer Abenteuerreise. Was mit ihm am Schluss passiert, lässt das Stück nur ahnen. Aber etwas Gutes kann es nicht sein…

Regisseur Alexander Schuhmacher gibt der Inszenierung Schwung und greift die Binnenspannung des Textes geschickt auf. Das Schauspieler-Ensemble mit Hans Löw, Yohanna Schwertfeger, Jakob Diehl, Anjorka Strechel und Rafael Stachowiak agiert routiniert, die Geräuschkulisse hat authentisches Flair – die Musik hätte ein bisschen weniger Country-Sound haben können. Alles in allem ist eine kurzweilige, spannende Produktion mit Repertoirecharakter entstanden.

22.06.2020 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 23/2020

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